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Amerika

Zeitenwende für katholische Kirche in den USA

Die katholische Kirche in den USA ist im Umbruch. Es gibt einen Generationswechsel und eine wachsende Zahl hispanischer Mitglieder. Das wird das Gesicht des amerikanischen Katholizismus sehr verändern.

In den nächsten fünf Jahren wird sich innerhalb der viertgrößten katholischen Landeskirche der Welt ein dramatischer Wandel vollziehen. Dann nämlich wird die Generation der US-Katholiken, die 1940 oder früher geboren wurde, nur noch deutlich weniger als zehn Prozent der Gläubigen stellen und damit demografisch unbedeutend werden. Wie groß dieser Einschnitt ist, macht ein Blick auf die Zahlen deutlich: 1987 gehörten rund ein Drittel aller Erwachsenen amerikanischen Katholiken der sogenannten Prä-Vatikanicum (2. Vatikanisches Konzil - die Red.) II-Generation an und prägten das Gesicht des Katholizismus in den USA, wie wir ihn noch heute kennen.

"Diese Generation baute die großen Gemeinden in den Großstädten auf, die nun aufgegeben und geschlossen werden, weil die Menschen in die Vororte gezogen sind", erklärt William D'Antonio, Autor des in wenigen Tagen erscheinenden Buches "American Catholics in Transition" und einer der wichtigsten Chronisten der katholischen Kirche der USA. "Wir verlassen die großen, urbanen Gemeinden mit ihren großen katholischen Schulen und den großen Kirchen des 20. Jahrhunderts."

Doch die Prä-Vatikanicum 2-Generation hinterlässt weit mehr als prächtige Sakralbauten und innerstädtische Gemeinden. Als Beispiel verweist D‘Antonio darauf, dass rund 60 Prozent der Prä-Vatincanum 2-Generation regelmäßig am Gottesdienst teilnahmen, während dies heute durchschnittlich nur noch rund 30 Prozent aller US-Katholiken tun.

"Was derzeit demografisch passiert, ist dass die loyalsten Katholiken der Kirche in Bezug auf Teilnahme am Gottesdienst und Beteiligung am Kirchenleben sukzessive die Bühne verlassen", betont D'Antonio, der seit 1987 die längste Dauerstudie über den Wandel der katholische Kirche in den USA leitet.

Ende des europäischen Katholizismus

Der Abschied der ältesten katholischen Kohorte ist auch deshalb so markant, weil er eine regionale Zäsur markiert. "Wir beobachten das Ende des weißen, europäischen Katholizismus, der die Kirche zwischen 1890 und 1950 aufgebaut hat", sagt D'Antonio.

Die Zahl der hispanischen Katholiken, die derzeit schon rund 45 Prozent der jüngsten Alterskohorte ausmachen, wird in den kommenden Jahren weiter steigen, so dass in naher Zukunft rund die Hälfte der US-Katholiken hispanische Wurzeln haben. Damit einhergehend verlagert sich auch der geografische Schwerpunkt des Katholizismus in den USA, der traditionell im Norden und Mittleren Westen lag, in den Süden und Südwesten des Landes, wo die Mehrheit der hispanischen Bevölkerung lebt.

Katholische gläubigein Rom ANDREAS SOLARO/AFP/Getty Images)

Auf die katholische Kirche in den USA kommen große Veränderungen zu

Gleichzeitig mit diesen demografischen und regionalen Verschiebungen, sieht sich die katholische Kirche in den USA schon seit Jahren mit einer anhaltenden Entfremdung zwischen der Kirchenhierarchie und den Gläubigen konfrontiert. Diese Spaltung wurde durch die sexuellen Missbrauchsskandale der letzten Jahre weiter verstärkt. "Die Kluft ist wahrscheinlich bedeutender als jemals zuvor in der Geschichte des amerikanischen Katholizismus", sagt Robert Orsi, Professor für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Katholizismus an der Northwestern University in Illinois.

Der kulturelle Wandel des amerikanischen Katholizismus, der sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat, ist Orsi zufolge nur mit der massiven europäischen Einwanderungswelle zu vergleichen, die die katholischen Kirche vor mehr als 100 Jahren zur mitgliederstärksten Glaubensgemeinschaft der USA machte. "Die Bischöfe müssen sich mit der gebildetsten und wohlhabendsten katholischen Bevölkerung der amerikanischen Geschichte auseinandersetzen", betont Orsi. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung seien bei vielen US-Bischöfen jedoch noch nicht angekommen. "Das wichtigste Faktum des gegenwärtigen amerikanischen Katholizismus ist, dass die amerikanischen Katholiken deutlich liberaler sind als ihre Bischöfe."

Gewissen als moralische Instanz

Während sich die Kirchenoberen bis heute als die eigentliche moralische Instanz sehen, hätten die katholischen Laien die Bischöfe seit Beginn seiner Studie 1987 noch nie als die für sie gültige moralische Autorität betrachtet, betont D'Antonio. Stattdessen erwarteten die US-Katholiken moralische Führung mehrheitlich eher von ihrem eigenen Gewissen oder in der Zusammenarbeit von Laien und Kirchenoberen. Dies sei durch die Missbrauchsskandale und die versuchte Vertuschung durch einige Bischöfe weiter verstärkt worden.

Die Stärkung des eigenen Gewissens als moralische Autorität - gekoppelt mit dem sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg und der gesellschaftlichen Realität - ist für die Experten zufolge auch der Grund dafür, warum die Lehrmeinung der Bischöfe oder des Vatikans für viele Katholiken bei kontroversen Themen wie Abtreibung, Verhütung oder Homosexualität nicht mehr bindend sei.

"Heutzutage kennt jeder jemanden der schwul oder lesbisch ist," sagt D‘Antonio. "Auf einmal ist es keine abstrakte Idee mehr, sondern eine sehr konkrete, gelebte Erfahrung." Und diese konkrete Erfahrung widerspreche in der Praxis häufig der offiziellen Kirchenlehre.

Rom ist weit weg

Kardinal Timothy Dolan, (Photo by John Moore/Getty Images)

Der nächste Papst kommt vielleicht aus den USA

Dies bedeute nicht, dass der Papst und der Vatikan für die US-Katholiken unbedeutend sei, denn als Person werde er durchaus respektiert. "Aber grundsätzlich sind die amerikanischen Katholiken sehr Gemeinde-orientiert und denken an ihre Gemeinde-Pfarrer und Gemeindemitglieder", sagt Orsi. "Ich glaube nicht, dass sie sich viele Gedanken über die römische Kurie machen."

Dies werde sich auch künftig nicht ändern, so Orsi. Dennoch sei der amerikanische Katholizismus, wie die US-Gesellschaft per se, global geprägt. Und trotz des Rückgangs der Gottesdienstteilnahme und der Distanz zur Kirchenhierarchie, betonen die Experten, sei der US-Katholizismus nicht im Abschwung, sondern weiterhin äußerst lebendig - nur unter anderen Vorzeichen als früher.

Zwar würden die USA trotz der großen Zahl an Katholiken häufig noch als protestantische Nation wahrgenommen. Dennoch hätten die Katholiken bis heute tiefe Spuren in der amerikanischen Gesellschaft hinterlassen. So seien die Sozialreformen Franklin D. Roosevelts in den 1930er Jahren mit maßgeblicher Unterstützung katholischer Bischöfe durchgesetzt worden. Den gesellschaftlichen Einfluss der Katholiken verdeutliche auch die Besetzung des Obersten Gerichthofs, schließlich seien derzeit fünf der neun Richter katholisch. Nur beim Präsidentenamt gibt es noch Nachholbedarf für die größte Religionsgemeinschaft. Mit John F. Kennedy zog erst ein Katholik ins Weiße Haus ein.

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