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Alltagsdeutsch – Podcast

Zeit

Immer schnelllebiger ist sie geworden – die Zeit. Die meisten Menschen gönnen sich keine Muße, keine Ruhe. Dennoch träumen viele davon. Aber würde dieser Traum Wirklichkeit, würden sich viele nicht furchtbar langweilen?

Musik (Hermann van Veen "Weg da")

"Schnell weg da, weg da, weg,

es tut uns furchtbar leid

wir schaffen' s kaum

der Weg ist ja noch weit."

Wir haben kein Minütchen,

kein Sekündchen mehr

wir müssen uns beeilen,

komm leg noch zu,

noch einen Zahn,

es ist für uns

die höchste Eisenbahn.

Schnell weg, da weg, da weg …"

Sprecherin:

Die Zeit – viele Menschen haben nicht genug davon, sind den ganzen Tag in Eile. Der niederländische Liedermacher Hermann van Veen besang das Phänomen der Hektik und die daraus resultierende gegenseitige Rücksichtslosigkeit der Leute, denen es nahezu immer an Zeit fehlt.

Sprecher:

Van Veen singt von Menschen, die sich keine Pausen gönnen, sondern eher noch einen Zahn zulegen. Wer noch einen Zahn zulegt, obwohl er schon einen tollen Zahn drauf hat, entwickelt eine höhere Geschwindigkeit. Diese Redewendung bezieht sich auf das Zahnradgetriebe der Automotoren und meint das Überspringen auf das jeweils größere Zahnrad, wenn in den nächst höhren Gang geschaltet wird. Andere Redensarten beziehen sich auf den menschlichen Zahn. So spricht man zu Beispiel vom Zahn der Zeit, der an etwas nagt. Diese Metapher ist schon seit der Antike bekannt gewesen. So wie der Zahn letztendlich jegliche Speise zermalmt und auflöst, übt auch die Zeit in ihrer Dauer auf alles eine zerstörerische Wirkung aus.

Der Ausdruck etwas ist die höchste Eisenbahn mahnt, dass etwas höchste Zeit ist. Diese weit verbreitete Redensart ist ursprünglich ein geflügeltes Wort, dessen Ursprung jedoch nahezu vergessen ist. Der Berliner Schriftsteller Adolf Glaßbrenner charakterisiert in der humoristisch-drastischen Erzählung aus dem 19. Jahrhundert "Ein Heiratsantrag in der Niederwallstraße" einen Briefträger, der die Tochter eines Stubenmalers heiraten möchte. Der Briefträger ist über die unerwartete Höhe der Mitgift seiner Auserwählten dermaßen erfreut, dass er vergisst, rechtzeitig die Briefe des Leipziger Postzuges abzuholen. Beim überstürzten Weggehen verwechselt er die beiden Wörter "Zeit" und "Eisenbahn" und sagt: "Es ist allerhöchste Eisenbahn, die Zeit ist schon vor drei Stunden angekommen."

Musik (Hermann van Veen "Weg da")

"Wir haben kein Minütchen,

kein Sekündchen mehr

wir müssen uns beeilen,

komm leg noch zu,

noch einen Zahn,

es ist für uns

die höchste Eisenbahn."

Sprecherin:

Noch nie hatten die Menschen so wenig Zeit wie heute, so ist jedenfalls häufig zu hören. Der amerikanische Wissenschaftler Robert Levine hat in einer Studie untersucht, ob es in einzelnen Ländern der Erde einen unterschiedlichen Umgang der Menschen mit der Zeit gibt. In 31 Ländern Europas, Südamerikas und Asiens ließ er zunächst die Genauigkeit der öffentlichen Uhren überprüfen und stellte fest, dass man sich in der Schweiz am meisten und in El Salvador am wenigsten auf die Genauigkeit öffentlicher Uhren verlassen könne. Dann verglich er die Länge der Bedienungszeit am Beispiel der Postschalter und fand heraus – man mag es kaum glauben –, dass der Postkunde in Deutschland am zügigsten und in Mexiko am langwierigsten bedient wird. Der Soziologe fand außerdem heraus, dass sich die Fußgänger in Irland am schnellsten und in Rumänien am langsamsten bewegen. Anhand dieser Untersuchungsergebnisse zieht der Wissenschaftler das Fazit, dass das Tempo, in dem sich die Menschen bewegen, in Relation zum Grad der wirtschaftlichen Entwicklung ihres Landes steht. Andere Wissenschaftler vermuten, dass sich die zunehmende Globalisierung einzelner Länder auf den Faktor Zeit ausgewirkt habe. Das Leben insgesamt bewege sich hier schneller: Die Bilder im Fernsehen nehmen an Geschwindigkeit zu, und die neuere Musik wird in ihrer Rhythmik immer gedrängter. Der erfolgreiche deutsche Kinofilm "Lola rennt" erzählt von einer jungen Frau, die nur wenige Minuten Zeit hat, um ihren Freund aus einer Notsituation zu retten. So sieht man Lola nahezu ununterbrochen über Straßen, Brücken und Bürgersteige Berlins rennen.


Sprecherin:

Zu wenig Zeit zu haben, bedeutet für die meisten, zu viele Sachen gleichzeitig erledigen zu müssen. So ergeht es auch dem Diplom-Volkswirt Theo Bühler, der eigentlich immer viele Dinge gleichzeitig zu erledigen hat.

Theo Bühler:

"Ich geh ins Büro und denke, drei Sachen sind heute wichtig, und wenn ich abends aus dem Büro gehe, stell ich fest, dass sieben andere Sachen unterschiedlicher Art dazugekommen sind, und die doch meine schöne Phantasie von einem entspannten, konzentrierten Arbeitstag, bezogen auf die Sachen, die ich vorher im Kopf hatte, irgendwie dahin sind. Und damit so umzugehen, dass man noch flexibel ist einerseits, aber andererseits seine wichtigen Arbeitsaufgaben auch konzentriert erledigen kann, das denk ich, ist die Herausforderung."

Sprecher:

Das Verb spannen und seine Partizipien gespannt, entspannt und spannend werden häufig im übertragenen Sinne verwendet. Sie leiten sich her vom Bild des gespannten Jagdbogens. Spannend ist etwas, wenn es interessant ist, Aufmerksamkeit erregt. Man ist gespannt auf den Fortgang eines Geschehens. Wenn man sich hingegen entspannt, beginnt man sich zu erholen. Wenn man etwas im Kopf hat, beschäftigt einen eine Angelegenheit sehr und drängt auf schnelle Erledigung. Hat man zu viel im Kopf, ist man gehindert, Dinge nacheinander abzuarbeiten und macht häufig Fehler. Dann weiß man vor lauter Arbeit nicht mehr, wo einem der Kopf steht, weil einem das Übermaß an Arbeit über den Kopf wächst. Man schafft seine Arbeit nicht mehr, ist ihr kräftemäßig nicht mehr gewachsen.

Sprecherin:

Zumindest in den anspruchsvolleren Berufen nimmt der Freizeit-Anteil schon seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Stattdessen wird immer mehr gearbeitet: man leistet unbezahlte Überstunden und arbeitet nicht selten auch am Wochenende. Dadurch befinden sich viele Leute im Dauer-Stress: Sie meinen, keine Zeit mehr zu haben, um sich von ihrer Arbeit zu erholen, und wenn sie Zeit haben, denken sie immer nur an die Arbeit. Das Problem mit der Zeit ist gesellschaftsfähig geworden, und deshalb gibt es inzwischen viele Seminare, die zum Thema Zeit angeboten werden. Theo Bühler:


Theo Bühler:

"Es gibt eine immer stärker werdende Diskussion über Zeitverdichtung. Das Gegenstichwort ist Entschleunigung, also mit der Zeit etwas bewusster, entspannter umzugehen. Der andere Pol ist, dass das Berufsleben sozusagen auf stärkere Effizienz und Beschleunigung, Mobilität im umfassenden Sinn Wert legt. Und, ich glaub, dass es immer mehr Leuten einerseits schwer fällt, dass sie andererseits auch unter Druck kommen, zwischen diesen beiden Polen ein Gleichgewicht zu finden, also, sich nicht, salopp gesagt, von dem Zeitdruck auffressen zu lassen, aber andererseits doch gewissermaßen sehr effizient zu funktionieren."

Sprecher:

Ein Pol ist der Dreh-, Mittel-, Ziel- oder Ruhepunkt, auch der Endpunkt der Erdachse. Spricht man im übertragenen Sinne von nur einem Pol, meint man immer den Ruhepol. So ist jemand der ruhende Pol einer Familie. Spricht man dagegen von zwei Polen, so sind immer Gegensätze gemeint. Die Rede ist dann von der Polarität im Grunde unvereinbarer Dinge, die sich polarisieren. Bereits im Mittelhochdeutschen spricht man bildlich von Druck, der im geistigen oder seelischen Sinne auf jemanden ausgeübt wird. Steht eine Person unter Druck, so ist sie stark genötigt, etwas Bestimmtes zu tun. Diese Redewendung folgt dem Bild des unter Druck gesetzten Dampfkessels. Man kann bei der Erledigung seiner Arbeit auch unter Zeitdruck geraten oder in Zeitdruck sein. Nimmt das Maß an Arbeit überhand, so wird man von ihr aufgefressen.

Sprecherin:

Weil die Zeit insgesamt knapper wird, wird allgemein häufig beklagt, dass es nur noch wenige Menschen gibt, die sich sozial engagieren. In Aachen gibt es eine Organisation mit dem Namen 'help', die vornehmlich Studierenden ehrenamtliche Tätigkeiten vermittelt. Die freiwilligen Helfer übernehmen zum Beispiel regelmäßig Dienste im Krankenhaus oder fahren behinderte Menschen im Rollstuhl spazieren. José Pons hat den Verein ins Leben gerufen.

José Pons:

"Die Leute, die zu 'help' kommen, das sind nicht Leute, die viel Zeit übrig haben, nicht wissen, was sie tun sollen. Das sind Leute, die sich Zeit abknapsen müssen, um halt diese sozialen Dienste zu verwirklichen. Die sind vielleicht vielfältig woanders engagiert. Ich find das erstaunlich. Also, das sind bei uns meistens auch gute Studenten, die zu uns kommen. Das sind nicht so, ich will mal sagen, Faulpelze, sondern Leute, die mit Mühe diese Zeit sich reservieren, weil sie merken, das lohnt sich."

Sprecher:

Das Eigenschaftswort knapp wurde im 16. Jahrhundert aus dem Niederdeutschen entlehnt und meint etwas Kurzes, Enges, im übertragenen Sinne auch Geringes, Weniges. Bis heute ist die Wendung kurz und knapp geläufig, die auf die ursprüngliche Bedeutung hinweist. Wenn die Zeit knapp ist, ist sie für eine bestimmte Tätigkeit kaum ausreichend. Man muss dann mit der Zeit knapsen, das heißt äußerst sparsam mit ihr umgehen, oder sich Zeit abknapsen, das heißt eine bestimmte Tätigkeit schneller erledigen, um für eine andere noch Zeit zu haben. Das Wort Pelz bezeichnet eigentlich eine weich behaarte Tierhaut, wird aber in der Umgangssprache auch gelegentlich für die menschliche Haut gebraucht. So kann man sich, wenn man ein Sonnenbad nimmt, die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Wenn eine Person hingegen jemanden auf den Pelz rückt, tritt sie mit einem Anliegen sehr dringlich an jene heran. Wer etwas auf den Pelz bekommt, wird hingegen geprügelt. Jemanden Faulpelz oder auch Faultier zu nennen, sind ausdrucksstarke Bezeichnungen für einen trägen oder arbeitsunlustigen Menschen. Das Adjektiv faul geht auf ein germanisches Partizip zurück, dessen zugehöriges Verb verloren gegangen ist. Die germanische Wurzel ist jedoch in dem lautmalenden Ausdruck "pfui!" heute noch geläufig. Das Eigenschaftswort faul hat zwei Bedeutungen entwickelt: Es meint zum einen träge, langsam, zum anderen in Verwesung übergehend. Auf diese Doppelbedeutung zielen die Wortspielereien: vor Faulheit stinken, stink- oder stinkend faul sein.

Sprecherin:

Es gibt aber auch Menschen, die sich Zeit für Muße und Hobby nehmen. Ursula Zeilinger zum Beispiel spielt an einem ganz gewöhnlichen Montagvormittag mit ihrem Mann Golf.

Ursula Zeilinger:

"Wenn wir zum Golfen gehen, haben wir schon die Zeit und planen das ein und wissen, dass wir dann eben die vier Stunden unterwegs sind und dass wir eventuell uns dann noch mit Freunden auf die Terrasse setzen. Das ist dann ja das Schönste, sich so hoch zu schaukeln und zu sagen, wie gut man war oder wie schlecht man war. Das gehört einfach zum Spiel dazu."

Sprecher:

Die Redewendung sich an etwas hochschaukeln, wie hier beispielsweise am persönlichen Erfolg, zielt auf das Bild der Schaukel. Es macht Vergnügen, in der Schaukel immer höher zu schwingen, wobei allerdings die gleichzeitige Steigerung der unsicheren Lage zur Gefahr werden kann. Wer sich an etwas allzu sehr hochschaukelt, womit meistens eine positive Erfahrung gemeint ist, bewertet etwas über und verliert so den Sinn für die Realität. Die Redewendung: Du wirst das Ding (oder das Kind) schon schaukeln, will Mut machen und versichern, dass jemand eine Sache schon richtig machen und Schwierigkeiten überwinden wird. Diese Versicherung spielt auf den Wiegevorgang eines Kindes an, das sich durch die gleichförmigen Bewegungen beruhigt, bis es schließlich einschläft und durch sein Weinen nicht mehr stört.


Sprecherin:

Ist es also nun eher erstrebenswert, wenig, oder doch viel freie Zeit zu haben? Menschen in Eile werden in der Regel gesellschaftlich hoch eingeschätzt. Sie gelten als wichtig, erfolgreich, wohlhabend, vielleicht sogar als mächtig. Manche dieser gehetzten Menschen träumen ein Leben lang davon, mehr Zeit zu haben. Was würde wohl passieren, wenn dieser Traum einfach Wirklichkeit würde? Vielleicht würden sich viele Menschen ganz furchtbar langweilen und mit ihrem Leben plötzlich nichts mehr anzufangen wissen. Wer weiß?

Musik (Hermann van Veen "Weg da")

"Schnell weg da, weg da, weg

es tut uns furchtbar Leid

wir schaffen's kaum

der Weg ist da noch weit.

Wir müssen rennen, springen, fliegen,

tauchen, hinfallen und gleich wieder aufstehn,

wir dürfen keine Zeit verlieren,

können hier nicht stehn, wir müssen gehn.

Ein andermal sehr gern…"

Fragen zum Text

Die Redewendung noch einen Zahn zulegen bedeutet, dass …

1. jemand noch schneller wird.

2. jemand sich noch einen Zahn kauft.

3. jemand noch langsamer wird.

Du wirst das Kind schon schaukeln meint, dass …

1. jemand ein Kind in den Armen wiegt.

2. jemand eine Angelegenheit zufrieden stellend erledigt.

3. jemand ein Kind auf einer Schaukel zum Schaukeln bringt.

Als Faulpelz wird jemand bezeichnet, der …

1. träge oder arbeitsunlustig ist.

2. stinkt.

3. mit einer besonderen Pelzart handelt.

Arbeitsauftrag

Schreiben Sie einen kleinen Aufsatz darüber, was Sie machen, wenn Sie ganz viel Zeit und Muße haben.

Autorin: Antje Allroggen

Redaktion: Beatrice Warken

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