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Kultur

Zeit heilt nicht alle Wunden

Die Bilder vom tödlichen Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium werden nach Expertenansicht die betroffenen Schüler wahrscheinlich monatelang in ihrem Unterbewusstsein quälen.

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Schüler und Eltern warten in der Nähe des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt auf Nachrichten

"Die größte Gefahr bei der emotionalen Verarbeitung besteht darin, dass die Kinder Schuldgefühle entwickeln. Sie glauben dann, sie seien mitverantwortlich an dem Amoklauf", sagte der Trauma-Psychologe Christian Lüdke. Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft Human Protect, die Opfer von Gewalttaten psychologisch betreut.

Die Erfurter Schüler müssten nach Beendigung des Dramas bald damit beginnen, die schrecklichen Bilder durch "traumatische Spiele" zu verdrängen. "Sie spielen solche Szenarien in ihrer Fantasie, beim Malen oder Erzählen so lange durch, bis sie eine Lösung finden. Hundert Mal stellen sie sich die Leiche des toten Lehrers vor, beim 101. Mal ist er dann im Krankenhaus gestorben und das Ereignis wird vorstellbar", erklärte Lüdke. Dieser Verarbeitungsprozess könne länger als drei Monate dauern.

Intensive Beobachtung

Die Eltern dürften in diese "Interventionsfantasien" nicht eingreifen. Es sei völlig normal, wenn sich ihre Kinder in den nächsten Tagen nicht normal verhielten. "Manche sind stille Verarbeiter und verstummen, andere sind besonders aggressiv", sagte Lüdke. "Auf keinen Fall gleich am Montag mit ihnen zum Arzt gehen. Die Eltern müssen die Kinder jetzt ganz intensiv beobachten. Ändert sich das Verhalten nicht nach drei Wochen, sollte man therapeutischen Rat einholen."

Der Psychologe berät zurzeit die beiden Frauen, die beim Wrestedter Banküberfall Anfang April als Geiseln genommen worden waren.

Bei Großeinsätzen wie der Schießerei in einem Erfurter Gymnasium haben auch die Notfallseelsorger alle Hände voll zu tun: "Da müssen wartende Verletzte, unverletzte Zeugen, Angehörige und Rettungskräfte betreut werden", sagt Pfarrer Dieter Roos, Notfallseelsorger in Frankfurt am Main. In oder unmittelbar nach der akuten Situation herrsche in den Betroffenen ein Chaos, in das der Seelsorger versucht, Ordnung zu bringen.

Die Gedanken- und Wertewelt sei bei den Betroffenen oft aus den Fugen geraten, sagt Roos. Eine Mutter fragt sich, warum sie ihr Kind nicht hat beschützen können. Eine Lehrerin macht sich Vorwürfe, ihre Schüler nicht vor den Amokschützen bewahrt zu haben. "Erst in einem letzten Schritt spreche ich die Gefühle an, vertiefe sie aber nicht", sagt Roos. Dadurch soll verhindert werden, dass sich Betroffene zu sehr in die Emotionen hineinsteigern. (wga)

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