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Sport

Zeit für Gedanken

Nach einer unerwartet beschwerlichen Dienstreise ist die deutsche Nationalmannschaft zurück im DFB-Quartier. Während der Bundestrainer einen Strandspaziergang macht, regenerieren seine Spieler.

Tief graben sich seine Zehen bei jedem seiner Schritte in den Sand. Sein Gang ist langsam, der Kopf nach unten geneigt. Der Bundestrainer schlendert barfuß über den Strand von Santo André und wirkt dabei nachdenklich. Hin und wieder wird er in seinen Gedanken unterbrochen. Mal ist es ein kleiner Junge, mal ein Mann, mal eine ganze Familie, die ihn um ein Foto bittet. Joachim Löw bleibt geduldig stehen, lächelt in die Kamera. Freundlich nickt er anderen Spaziergängern zu. Dann geht er weiter, begleitet von seinem Pressesprecher und einem Sicherheitsmitarbeiter. Gerne würde man ihn nun fragen, was in ihm vorgeht, wie seine Gedankenwelt am Tag nach dem knappen Sieg gegen Algerien aussieht. Doch das Bauchgefühl sagt mehr als deutlich: Dies ist nicht der Moment für Fragen.

Vermutlich sucht Joachim Löw selbst noch nach Antworten. Warum tat sich seine Mannschaft am Abend zuvor so schwer, ihr gewohntes Spiel auch nur ansatzweise zu zeigen? Warum wirkte die Abwehr so verunsichert? Warum leistete sich das Mittelfeld so viele Fehler? Fragen, die vorerst im Raum stehen bleiben müssen. Denn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) machte an diesem Dienstag (01.07.2014) dicht. Keine Pressekonferenz, kein öffentliches Training, kein Statement. Stattdessen Ausschlafen und Regeneration - nur zu verständlich nach 120 intensiven Minuten und einem rund zweieinhalbstündigen Flug im Anschluss. Dann noch die obligatorische Fähre, die die Nationalspieler um kurz nach 1 Uhr mit müden Augen betraten. Erst um 1.41 Uhr Ortszeit erreichte der Tross das Teamquartier Campo Bahia, Ende einer unerwartet anstrengenden Dienstreise.

Ein Spiel, das Nerven kostete

Manuel Neuer agiert gegen Algerien als Libero: Hier köpft er in letzter Sekunde vor einem algerischen Angreifer den Ball ins Aus (Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch)

Torwart und Libero in einer Person: Manuel Neuer - hier im Zweikampf mit dem Algerier Islam Slimani

Algerien hatte zwar wie vom Bundestrainer vorhergesagt kompakt und robust verteidigt. Doch dass die "Wüstenfüchse" so gefährlich im Konterspiel waren, hatte kaum jemand vor dem Spiel geahnt. Vor allem in der ersten Halbzeit bereiteten die Spieler in grün der deutschen Mannschaft erhebliche Probleme, einzig der als Libero agierende Manuel Neuer bewahrte die DFB-Elf vor einem Rückstand. Am Ende war es dann eine Mischung aus Neuers Galaform, Schürrles Hackentrick und der besseren Kondition, die dem Team von Joachim Löw in der Verlängerung den Sieg brachte. Hauptsache eine Runde weiter, war die Kernaussage in den meisten Spielerinterviews nach der Partie. Manch einer reagierte jedoch dünnhäutig auf kritische Reporterfragen. "Was wollen Sie jetzt von mir? Was wollen Sie, jetzt, so kurz nach dem Spiel? Das kann ich nicht verstehen", rüffelte Per Mertesacker einen Reporter des ZDF, weil der es gewagt hatte, nach den Gründen für das schwerfällige deutsche Spiel zu fragen. Das Algerienspiel ging an die Substanz und die Nerven.

Im Flieger von Porto Alegre zurück nach Porto Seguro ergriff dann DFB-Präsident Wolfgang Niersbach das Bordmikrofon und versuchte die Stimmung wieder etwas anzuheben. "Euch steckt das Spiel noch in den Knochen. Es hat Nerven gekostet, das haben alle gemerkt. Aber Leute, was unter dem Strich steht, ist: Ihr seid, wir sind, im Viertelfinale", sagte der DFB-Boss in 8000 Meter Höhe und erntete dafür Beifall.

Kritik von Kahn und Matthäus

Oliver Welke, Oliver Bierhoff und Oliver Kahn bei der ZDF WM-Berichterstattung (Foto: Christian Charisius/dpa)

War mit dem Spiel der DFB-Elf nicht zufrieden: ZDF-Experte Oliver Kahn (r.) mit Oliver Welke (l.) und Oliver Bierhoff (m.)

Weniger Lob kam dagegen von den Stars der Vergangenheit. "Die Mischung derzeit ist nicht optimal", kritisierte der ehemalige Nationaltorwart Oliver Kahn. "Da muss eine bessere Balance gefunden werden zwischen absoluten Stürmertypen und den verspielten Typen wie Mesut Özil, von denen wir viele im Team haben", sagte der Vizeweltmeister von 2002. Lothar Matthäus nahm sich den Bundestrainer zur Brust: "Wir bilden in Deutschland Außenverteidiger aus, aber dann setzen wir gelernte Innenverteidiger außen ein, wo sie sich nicht wohl fühlen. Das ist ganz sicher ein großes Problem."

Shkodran Mustafi wälzt sich auf dem Boden (Foto: REUTERS/Henry Romero)

Shkodran Mustafi fällt für den Rest der WM aus

Allzu großen Wiederhall werden die mahnenden Stimmen der Ehemaligen im Lager des DFB erfahrungsgemäß nicht haben. Nach dem Regenerationstag wird sich dort der Blick sehr schnell auf den kommenden Freitag richten, wenn die deutsche Mannschaft in Rio de Janeiro auf Frankreich trifft. Dort wird Joachim Löw zwar voraussichtlich wieder auf Mats Hummels zurückgreifen können, doch ein anderer Verteidiger wird fehlen: Für Shkodran Mustafi ist die Fußball-WM definitiv schon vorbei. Der 22-Jährige von Sampdoria Genua zog sich im Algerienspiel einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel zu, wurde ausgewechselt und fällt nun für das restliche Turnier aus. Entwarnung gab der Bundestrainer jedoch bei Bastian Schweinsteiger, der mit Muskelkrämpfen vom Platz musste: "Das ist nichts Schlimmes." Etwas lädiert, aber am Freitag hoffentlich wieder in Form – das dürfte auch das Motto für die gesamte Mannschaft sein.

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