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Kultur

Zeichen der Versöhnung?

Papst Benedikt hebt die Exkommunizierung von vier ultrakonservativen Bischöfen auf. Doch was als Versöhnungszeichen gedacht war, ruft massive Kritik hervor. Vor allem außerhalb der katholischen Kirche.

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Papst Benedikt XVI. rehabilitiert Holocaust-Leugner - nicht nur Juden sind erzürnt.

Einer der vier Bischöfe, der Brite Richard Williamson, gilt seit Jahren als Leugner des Holocausts. Erst kürzlich behauptete er bei einem Deutschland-Aufenthalt, es habe die Gaskammern der Nationalsozialisten nie gegeben. Zudem seien in den Konzentrationslagern nicht sechs Millionen, sondern lediglich 300.000 Juden getötet worden. Das brachte dem Bischof eine Ermittlung wegen Volksverhetzung seitens der Staatsanwaltschaft Regensburg ein.

Was Du auch tust, bedenke das Ende

Zur Weisheitsliteratur der Bibel gehört das Buch Jesus Sirach. Dieser kluge Mensch schrieb bereits vor 2200 Jahren den bemerkenswerten Satz: "Was du auch tust, bedenke das Ende." Später, im Mittelalter, erfuhr dieser Satz eine sinnvolle Erweiterung. In der Gesta Romanum heißt es: "Was du auch tust, fange es klug an und bedenke das Ende."

Vielleicht standen diese weisen Aussagen Papst Benedikt XVI. gerade nicht vor Augen, als er beschloss, die Exkommunikation von vier traditionalistischen Bischöfen aufzuheben und sie zurück in den Schoß der katholischen Kirche zu holen. Denn die Empörung über diesen Akt ist groß. Darüber hinaus ist er bestens dazu geeignet, erheblichen interreligiösen Flurschaden anzurichten und das Ansehen Roms nachhaltig zu schädigen.

Wenn ein Leugner des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden vom Führer der größten christlichen Konfession für wert erachtet wird, wieder Mitglied dieser Kirche zu werden, ist Protest programmiert. Jüdische Gemeinden, Rabbiner, Christen anderer Konfessionen und nicht wenige Katholiken sind empört.

Schritt des Papstes völlig inakzeptabel

Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitzkomitees sagte, der Schritt des Papstes sei "eine seelische Grausamkeit gegenüber den Überlebenden". Das sei "völlig inakzeptabel". Die Reaktionen, die Heubner registriert hat, reichen, wie er sagte, "von Fassungslosigkeit bis zu völligem Unverständnis und einfach Wut".

Papst Benedikt XVI vor der Todesmauer im KZ Ausschwitz

Papst Benedikt XVI. 2006 vor der Todesmauer im KZ Auschwitz.

Ein Blick in die jüngere Kirchengeschichte zeigt, dass gerade Papst Johannes Paul II. große Schritte der Verständigung und der Versöhnung mit dem Judentum gegangen ist. Dessen Besucht in der Synagoge Roms und des Heiligen Landes haben seinerzeit Breschen geschlagen in die trennende Mauer zwischen beiden Religionen. Das genaue Gegenteil bewirkt Vatikan-Sprecher Federico Lombardi, wenn er die Aufhebung der Exkommunikation als "Geste des Friedens" und "Quelle der Freude" für die ganze Kirche bezeichnet. Damit schließt er automatisch die Gefühlslage jüdischer Menschen aus.

Fragwürdige Versöhnung

Kalenderblatt Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils

Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils am 11.10.1962 im Petersdom.

Doch das, was innerkatholisch als Zeichen der Versöhnung betrachtet wird, sorgt auch im katholischen Kirchenvolk keineswegs für Begeisterungsstürme. Immerhin gelten die vier Anhänger des 1991 verstorbenen traditionalistischen französischen Erzbischofs als rückwärtsgewandt. Sie lehnen wesentliche Modernisierungen und Fortschritte des Zweiten Vatikanischen Konzils ab, wie den Dialog mit andere Konfessionen, das interreligiöse Gespräche sowie eine Liturgiereform.

Und so verwundert kaum die Kritik von Christian Weisner. Der Sprecher der Reformbewegung "Wir sind Kirche" bedauert, dass der Vatikan ohne jede Vorbedingung auf die Traditionalisten zugegangen sei. Dabei habe die Priesterbruderschaft Pius X. noch im Juni 2008 eine Aufforderung zur theologischen und kirchenpolitischen Aussöhnung abgelehnt. Die vier Bischöfe, 1988 von Lefebvre gegen den Willen Roms geweiht, versicherten zwar, den Primat des Papstes anzuerkennen. Reformkatholik Weisner spricht jedoch im Namen vieler, wenn er unterstreicht, eine Rückkehr in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche könne nur möglich sein, wenn die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ohne Wenn und Aber anerkannt würden. Dieser Schritt des Papstes passt allerdings ins Bild seines in mancherlei Hinsicht rückwärtsgewandten Pontifikats. Denn bereits 2007 hatte der deutsche Pontifex erlaubt, dass in allen Bistümern wieder Messen nach dem alten tridentinischen Ritus gefeiert werden können.Darin werden Juden zu christlichen Missionsobjekten erklärt.

Möglicherweise ist es jetzt, wo die vier Bischöfe wieder in Reih und Glied stehen, nur noch eine Frage der Zeit, bis das Schisma vollkommen überwunden sein wird – dass also alle rund 500 Priester und geschätzten 600.000 Gläubigen der "Priesterbruderschaft Pius X" in den Schoß der katholischen Kirche zurückkehren dürfen.

Dass das Aufheben der Exkommunikation allerdings ausgerechnet an dem Termin bekannt gemacht wird, an dem exakt 50 Jahre zuvor Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil angekündigt hat, ist für zahlreiche reformorientierte Katholiken kaum ein Hoffnungszeichen. Darum gilt auch hier: "Was du auch tust, fange es klug an und bedenke das Ende."

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