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Politik

Zehn Jahre Wahrheitskommission: Das schwere Erbe Südafrikas

Vor zehn Jahren beendete die Wahrheitskommission in Südafrika ihre Arbeit. Ihr Ziel war es die Verbrechen aus der Zeit des Apartheid-Regimes aufzuklären und das Land zu versöhnen. Doch dies ist nur unzureichend gelungen.

Mandela und Tutu (Quelle: dpa)

Nelson Mandela (l.) nimmt von Desmond Tutu den Bericht der Wahrheitskommission entgegen

Am 29. Oktober 1998 überreichte der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu dem damaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela fünf dicke Bände mit insgesamt dreieinhalbtausend Seiten. Dokumentiert war darin die mehrjährige Arbeit der von Tutu geleiteten Kommission, die die gewaltsame Vergangenheit der Apartheidsverbrechen aufarbeiten sollte. Damit Südafrika nach der blutigen Vergangenheit nicht zerrissen und ein gemeinsamer Neuanfang von Tätern und Opfern möglich werde, sollte so geklärt werden, wie es zu den Verbrechen kam. Denjenigen, die offen über ihre Taten sprachen, sollte Amnestie gewährt werden.

Mammutaufgabe Regenbogennation

"Wir hatten den Auftrag, unsere dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten, um damit zur Heilung eines traumatisierten und verwundeten Volkes beizutragen", erklärt Tutu. Eine Mammutaufgabe sei es gewesen, denn alle Südafrikaner seien verwundete Menschen. "Wir wollten nationale Einheit und Versöhnung erreichen", formuliert Tutu die damaligen Ziele.

Mbeki (Quelle: AP Photo/ SA Govt via APTN)

Schlug für Südafrika wohl den falschen Weg ein: Thabo Mbeki

Es war ein in der Welt damals einzigartiges Experiment. Die Wahrheit kam tatsächlich in beträchtlichem Maße, wenn auch nicht vollständig, ans Licht. Aber die ebenfalls beabsichtigte Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen, der Aufbau einer Regenbogennation, wie Tutu es nannte, kam nicht zustande. Denn auf Nelson Mandela folgte 1999 Thabo Mbeki als Staatschef, der - im Gegensatz zu Mandela - nicht auf ein Miteinander zum gemeinsamen Nutzen des Landes setzte, sondern auf die systematische Bevorzugung von Schwarzen vor Weißen. Schwarz-Weiß-Denken statt Regenbogennation.

Rassenzugehörigkeit vor Qualifikation

Innerhalb weniger Jahre wurden so die weißen Fachleute mit ihren oft jahrzehntelangen Erfahrungen aus ihren Positionen verdrängt. Auch jungen weißen Hochschulabsolventen wurde jede Karrierechance verbaut. Zugleich aber kam es unter Mbeki zu keiner umfassenden Bildungsoffensive der in der Apartheidzeit sträflich vernachlässigten schwarzen Jugend. Und so führte das dazu, dass immer mehr inkompetente Funktionäre das Sagen bekamen. "Was fehlt, ist eine breite Basis von Ausbildung, so wie wir sie in Deutschland haben", beklagt der in Südafrika sehr aktive deutsche Unternehmer Claas Daun. "Das ist wie in einer Firma", fährt er fort, "Wenn man nicht genügend gute Leute hat, keine Mannschaft, geht die Firma rückwärts."

Zudem holten viele Funktionäre oft noch Parteimitglieder, Freunde und Familienangehörige auf lukrative Posten, ungeachtet deren fehlender Qualifizierung. Es zählte die rassische Quote, nicht das Können. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde mit dieser Hau-Ruck-Aktion zwar erreicht, dass sich in der staatlichen Administration auf allen Ebenen nun die Bevölkerungszusammensetzung - also über 80 Prozent Schwarze - adäquat widerspiegelt, aber aufgrund fehlender Qualifikation und Erfahrung funktionieren viele Bereiche des staatlichen Sektors wesentlich schlechter als früher.

"Sie füllen die eigenen Taschen"

Polizisten während Unruhen in Johannesburg (AP Photo/Jerome Delay)

Immer wieder kommt es in Südafrika zu Unruhen

Vor allem im lokalen Bereich, also auf der Ebene der Städte und Kommunen hat das katastrophale Auswirkungen. Bildungs- und Gesundheitswesen haben sich drastisch verschlechtert und obwohl Millionen Wohnungen gebaut, für viel Geld erstmals eine Strom- und Wasserversorgung errichtet wurde und die meisten Armen Sozialleistungen erhalten, reicht dies noch immer nicht. Viele von der Regierung angestrebte soziale Verbesserungen bleiben auf der Strecke, weil sie an der Basis nicht durchgesetzt werden. Das führte wiederum zu sozialen Unruhen in vielen Gegenden, die einst als Hochburgen des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses galten.

So sind immer mehr Menschen unzufrieden. "Es gibt ein Gefühl der Bitternis", sagt David Mohale. "Du erinnerst dich an deine einstigen Kameraden, mit denen du gekämpft hast, die dich dorthin brachten, wo wir heute sind. Aber sie haben dich dann vergessen. Sie sind nur noch daran interessiert, sich die eigenen Taschen zu füllen. Sie kümmern sich um nichts anderes mehr."

Politische Instabilität und Furcht vor Gewalt

Es kam erst zu spontanen Demonstrationen, die oft von der Polizei niedergeschlagen wurden, dann zu geradezu anarchischen Machtkämpfen in den Townships und Provinzen. Andere schwarze Kräfte wurden nach oben gedrängt und machten Stimmung gegen Präsident Mbeki. Dieser klagte auf dem ANC-Parteitag in Polokwane vergangenen Dezember, diese Leute missbrauchten bewusst ihre Positionen in der Regierung zu Korruption und Selbstbereicherung.

Zuma (Quelle: AP Photo/Nic Bothma/Pool)

Jacob Zuma ist der neue starke Mann im Afrikanischen Nationalkongress

Doch Mbeki verlor auf diesem Kongress die Führung des Afrikanischen Nationalkongresses an den populistischen Jacob Zuma und wurde vor einem Monat sogar von der neuen Führung aus dem Präsidentenamt gedrängt. Die Art und Weise, wie dies geschah, brachte wiederum viele Kräfte im Afrikanischen Nationalkongress auf, die jetzt dabei sind, eine eigene Partei zu gründen. Anhänger beider Lager werden zunehmend militanter und einige Beobachter befürchten, dass es bei den für nächstes Jahr anstehenden Wahlen zu Gewaltaktionen zwischen ihnen kommen kann. Das aber könnte dann auch Auswirkungen auf die Fußballweltmeisterschaft 2010 haben. Diese sollte doch eigentlich in Ruhe und Frieden stattfinden - und das "neue Südafrika" präsentieren.

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