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Asien

Zehn Jahre nach den Gujarat-Pogromen

Es war das blutigste Massaker in der jüngsten Geschichte Indiens, das wütende Muslime ausgelöst hatten. Viele Menschen starben bei den Ausschreitungen in Gujarat. Der Konflikt schwelt bis heute weiter.

Erst brannte nahe der Stadt Godhra ein Waggon des Sabarmati-Express, den ein muslimischer Mob am 27. Februar 2002 angeblich angezündet hatte. 59 Menschen, darunter auch viele Frauen und Kinder, starben. Die meisten von ihnen waren Mitglieder fanatischer Hindu-Gruppen. Sie waren auf dem Rückweg aus Ayodhya, wo Hindu-Nationalisten zehn Jahre zuvor eine jahrhundertealte Moschee, die Babri Masjid, zerstört hatten. Dann brannte der Bundesstaat Gujarat, in dem Godhra liegt. Etwa 1.000 Menschen, die meisten davon Muslime, kamen bei den brutalen Vergeltungsakten ums Leben. Erst nach mehreren Tagen und Einsatz der Armee hörte das Morden auf. Doch das Feuer schwelt auch zehn Jahre nach den Ausschreitungen weiter. Denn alle von der Regierung eingesetzten Kommissionen konnten die Schuldfrage bisher nicht klären.

Traumata weit verbreitet

Ein Hindu-Fanatiker bei anti-muslimischen Ausschreitungen in Sahapur am 28. Februar 2002 (Foto: dpa)

Ein Hindu-Fanatiker bei anti-muslimischen Ausschreitungen in Sahapur am 28. Februar 2002

Viel ist in den vergangenen zehn Jahren über die Ausschreitungen in Gujarat geschrieben worden. Über die Grausamkeit, den Hass, das Entsetzen darüber, wozu Menschen fähig sind. Die Ausschreitungen in Gujarat traumatisierten nicht nur die Überlebenden bis heute, sondern die gesamte Gesellschaft, sagt die renommierte Psychologin Aruna Bruta aus Neu Delhi: "Zunächst ist es so, dass eine Gesellschaft durch einen derartigen Schock erst einmal wie gelähmt ist. Wenn sie nun versucht, sich wieder dem Alltagsgeschäft zuzuwenden und sich von dem Schock zu erholen, dann sieht man, wie sich eine Art Depression über alles legt." Es sei wie bei einer Krankheit, so Bruta: "Die Wut verbreitet sich wie bei einer Epidemie, es ist wie bei einer Grippe. Zunächst hat es der eine, dann der andere. Dann sagen einige, die Muslime sind schlecht, die nächsten sagen, die Sikhs sind schlecht, und so geht es immer weiter. Wie soll dann wieder ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen?"

Kaum Verurteilungen

Aruna Bruta sieht es als ein großes Problem bei der Verarbeitung der vielfältigen Traumata, dass viele der Verantwortlichen für die Ausschreitungen auch zehn Jahre danach nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind. Anders als bei einer Naturkatastrophe wie einem Tsunami oder einem Erdbeben ist es den Überlebenden nicht möglich, sich die Katastrophe als gottgewollt oder als Schicksal zu erklären. Depressionen, Angstzustände, Schlaflosigkeit und unerklärliche körperliche Beschwerden sind die Folge. Auch die Zahl der Selbstmorde in den betroffenen Gebieten in Gujarat stieg einige Monate nach den Ausschreitungen sprunghaft.

Der Chefminister von Gujarat, Narendra Modi (Foto: ddp/AP)

Der Chefminister von Gujarat, Narendra Modi, war bereits zum Zeitpunkt der Unruhen im Amt

Die deutsche Anthropologin Julia Eckert von der Universität Bern hat sich seit 2002 in ihren Forschungen immer wieder mit den Geschehnissen in Gujarat beschäftigt. Sie schockiert, dass es kaum ein Unrechtsbewusstsein in der Mehrheitsbevölkerung gab und sie immer wieder Hindus begegnete, die das Gefühl verspürten, eine Art Sieg erlangt zu haben. Dies steht im Widerspruch zu dem Image eines multikulturellen und multireligiösen Landes, als das Indien sich immer wieder darzustellen versucht: "Es gibt schwelende Konflikte, die aber überhaupt nicht loszulösen sind von der politischen Orchestrierung, von der Rolle dieser konstruierten Feindschaft zwischen Hindus und Muslimen für politische Parteien, für die Politik Indiens." Konflikte, die allein auf lokale Spannungen zurückzuführen seien, seien meistens klein und würden auch beigelegt, so Eckert: "Alle größeren Pogrome und Ausschreitungen zeigen eine ganz große Rolle politischer Organisationen."

Nutznießer der Gewalt

Im Fall von Gujarat hätten die Ausschreitungen vor allem der hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) genützt. Diese malte fleißig mit am vermeintlichen Feindbild der Muslime, damit die Hinduwählerschaft bei der BJP Zuflucht sucht. Die Rolle des derzeitigen Ministerpräsidenten von Gujarat Narendra Modi von der BJP ist bis heute ungeklärt. Immer wieder ist er in der Vergangenheit dafür kritisiert worden, dass er angeblich Polizeikräfte angewiesen haben soll, nicht einzugreifen.

Umgekehrt hat die Kongresspartei des derzeitigen Premierministers Manmohan Singh sich als eine Art Retter der Muslime zu profilieren versucht. Alle eingesetzten Kommissionen zur Aufklärung der Verbrechen kamen bei ihren Ermittlungen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das Feuer im Sabarmati Express könnte sogar einfach durch einen Kurzschluss ausgelöst worden sein, so eine Theorie.

Kinder gefährdet

Fanatisierte Jugendliche bei den Ausschreitungen in Ahmadabad (Foto: AP)

Fanatisierte Jugendliche bei den Ausschreitungen in Ahmadabad

Die Trauma-Expertin Aruna Bruta befürchtet, dass vor allem die Kinder von Überlebenden, also die nächste Generation, die Geschehnisse so nicht abschließen und verarbeiten kann. Das Gefährliche sei die langfristige Radikalisierung: "Kinder sind noch nicht so intelligent und haben noch nicht die Erfahrung, dass sie differenzieren könnten, was da passiert, wer dahinter steht, ob es sich um politisch motivierte Gewalt handelt. Sie fühlen nur den Schmerz, dass der Vater, die Mutter getötet wurden, die Schwester vergewaltigt wurde." Die Kinder sähen nur, dass die andere Religionsgemeinschaft diese Verbrechen verübt habe, so Bruta: "Daraus entsteht eine Wut, die selbst Aufklärung und Bildung nicht auslöschen können."

Mehr Trauma-Experten, mehr Aufklärung in der Schule und ein ehrliches Streben der Politiker nach einem multireligiösen und multiethnischen Indien: das ist es, was Experten wie Aruna Bruta fordern. Nur dann könnten in der Zukunft derartige Gewaltexzesse zwischen den Religionsgruppen in der größten Demokratie der Welt verhindert werden.

Autorin: Priya Esselborn
Redaktion: Hans Spross