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Amerika

Zehn Jahre Kanzlerin: Merkel und die USA - Ein spezielles Verhältnis

Mit US-Präsident George W. Bush verband Bundeskanzlerin Angela Merkel eine besondere Freundschaft. Ihr Verhältnis zu dessen Nachfolger Barack Obama ist weitaus distanzierter. Von Miodrag Soric, Washington

Henry Kissinger, der große Mann der US-Diplomatie, klagte vor Jahrzehnten über die zerstrittenen Europäer. "Welche Telefonnummer soll ich anrufen, wenn ich mit 'Europa' sprechen will?" Heute würde kein amerikanischer Politiker diese Frage stellen. Europas Telefonnummer ist die Handynummer von Angela Merkel. Welche Ironie der Geschichte, dass der Geheimdienst der Vereinigten Staaten ausgerechnet diese Nummer abhörte.

Doch das verzieh die deutsche Kanzlerin der Regierung in Washington. Denn sie mag die Amerikaner, deren Optimismus und Freundlichkeit im Alltag. Sie hat Amerikas jahrzehntelanges Einstehen für Freiheit und Demokratie nicht vergessen: ohne die Unterstützung Washingtons - keine deutsche Wiedervereinigung.

Und die Amerikaner mögen Angela Merkel. Das Ansehen der Kanzlerin geht vor allem auf Deutschlands wirtschaftliche Stärke zurück. In der Heimat des Kapitalismus zählt letztlich das Geld. Viele fragen sich: Wie hat Merkel es hinbekommen, dass die Wirtschaftskrise 2008 und 2009 Deutschland kaum traf? Wie schafft es ihre Regierung, nicht mehr auszugeben als sie einnimmt?

Bescheidenheit

Im Gespräch mit US-Politikern führt die Kanzlerin den Erfolg auf das deutsche Bildungssystem, die gute Infrastruktur und das Engagement des Mittelstandes zurück. Nie käme die Kanzlerin auf die Idee, einen Teil des Erfolges sich selbst zuzuschreiben. Donald Trump würde da anders reagieren.

Merkel und Obama in Washington (02.05.2014) - Foto: Mandel Ngan (AFP)

Partner Merkel und Obama

Angela Merkel mag die USA. Doch hätte sie als US-Politikerin in Washington keine Chance. Ihr fehlt das Star-Gen, das rhetorische Talent, das Siegerlächeln, die Ausstrahlung eines Barack Obama.

"Charisma löst keine Probleme", soll sie trocken über den US-Präsidenten gesagt haben. Für Lichtgestalten, für Politiker, die vorgeben über Wasser laufen zu können, hat sie nicht viel übrig. Auch wenn sie im Weißen Haus sitzen.

Kühle Treffen

Herzlich war ihr Verhältnis zu Obama nie. Bei ihren Treffen ist die Kühle stets zu spüren. Auch als ihr der Präsident die "Medal of Freedom" überreichte - die höchste Auszeichnung, die die USA zu vergeben haben. Obama stört diese Distanz nicht. Er ist kein "Schulterklopfer".

Das trifft übrigens auch auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu. Obama fällt es sichtlich schwer, sich in die russische Seele hineinzudenken. Nicht so Angela Merkel. Sie weiß mit beiden Präsidenten umzugehen.

2014 soll sie - so fand ein Statistiker heraus - über 110 Stunden mit dem Kremlchef telefoniert haben. Obama scheint sich jedes Mal überwinden zu müssen, wenn er etwas mit Putin zu verhandeln hat.

Lösung der "europäischen Probleme"

Nur wenige Amerikaner wissen, dass Angela Merkel Russisch spricht. Ein Porträt von Katharina der Großen steht auf ihrem Schreibtisch im Kanzleramt. Besonders wenn es um Russland geht, vertraut ihr Obama.

In den vergangenen Jahren hat er der Kanzlerin die Lösung der "europäischen Probleme" gänzlich überlassen. So verhandelt Merkel oft mit Putin, befriedet die Ukraine, rettet Griechenlands Wirtschaft, steuert die Flüchtlingsströme.

In den vergangenen zehn Jahren hat Angela Merkel Europas Krisen irgendwie gemeistert. Die meisten Amerikaner haben sich an sie gewöhnt. Sie hoffen, dass sie noch lange Kanzlerin bleibt.

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