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Wissen & Umwelt

Zehn Jahre Genom-Entschlüsselung

Am 26. Juni 2000 wurde das Genom des Menschen präsentiert. Und was wurde nicht alles versprochen? Die Medizin sollte zu neuen Ufern aufbrechen! Doch nach zehn Jahren scheinen viele Verheißungen von damals übertrieben.

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Im Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik rauschen die Sequenzier-Automaten um die Wette. Auf den Monitoren neben den kühlschrankgroßen Automaten leuchten grüne, rote, blaue, und gelbe Farbkleckse. Sie stehen für die vier Buchstaben des genetischen Alphabets: Adenin (A), Thymin (T), Cytosin (C) und Guanin (G). Sechs Milliarden dieser so genannten Basen bilden gemeinsam den genetischen Bauplan für einen Menschen.

Wofür die größten Forschungsinstitute der Welt beim Human-Genom-Projekt in den neunziger Jahren noch zehn Jahre brauchten, geschieht heute in nicht einmal zwei Wochen. "Die Geräte der nächsten Generation werden das gleiche in fünfzehn Minuten schaffen", verspricht Hans Lehrach, der Leiter der Genom-Forschung am Berliner Max-Planck-Institut. Dann werde man in der Lage sein, das Erbgut vieler tausend Menschen zu vergleichen, um besser als heute krankmachende Erbanlagen aufzuspüren.

Prof. Hans Lehrach, MPI für Molekulare Genetik in Berlin (Foto: MPI/Michael Lange)

Genom-Pionier Hans Lehrach, MPI für Molekulare Genetik in Berlin

In den vergangenen Wochen haben die Automaten in Berlin einige Dutzend menschliche Proben des internationalen 1000-Genome-Projekts sequenziert. Gemeinsam mit den großen Genom-Zentren in den USA, Großbritannien und China soll in den nächsten Jahren das Erbgut von 2500 Menschen erforscht werden. Die Proben stammen aus allen Regionen der Welt und sollen den Forschern einen detaillierten Überblick über die genetische Vielfalt des Menschen geben.

Von Durchbrüchen ist nicht die Rede

Doch wie schon beim Human-Genom-Projekt können dadurch weder Krankheitsursachen entdeckt noch Therapien entwickelt werden, wenden Kritiker ein. Denn es werden nur gesunde Personen untersucht, und neben den Genom-Daten keine weiteren Informationen über die Probanden gesammelt. Das sei auch nicht das Ziel dieser Forschung, betont Hans Lehrach: "Das Genom ist ein enorm wichtiges Hilfsmittel, um darauf aufzubauen", erklärt er, "aber es ersetzt nicht die Analyse der medizinischen Probleme." Die in den Computern gespeicherten Informationen sollen als eine Art Katalog Medizinern und Pharmaforschern helfen. Mehr können sie nicht.

Genom-Proben für die Sequenzierung (Foto: Michael Lange)

Genom-Proben für die Sequenzierung

Ob die Genom-Forschung in den vergangenen Jahren die Medizin voran gebracht hat, auch darüber gibt es unter Fachleuten unterschiedliche Ansichten. Hans-Hilger Ropers, ebenfalls vom Berliner Max-Planck-Institut, hält es für zielführender, einzelne Patienten, ihre Familien und deren Erbanlagen zu untersuchen, statt immer mehr Genome zu sequenzieren und einen Datenberg anzuhäufen, der kaum verwertbare Informationen enthält.

Hans Lehrach hält diese Kritik für ungerechtfertigt. Bei der Behandlung von Krebs werde man schon bald die Genom-Analyse gezielt zum Nutzen von Patienten einsetzen können, verspricht er. Denn im Genom von Tumorzellen lasse sich ablesen, ob bestimmte Medikamente den Tumor wirksam bekämpfen oder nicht. So könnten schon in den nächsten Jahren Behandlungen vermieden werden, die zwar Nebenwirkungen hervorrufen, aber den Tumorzellen nichts anhaben können. "Diese Methode wird bald ein Standardverfahren in der Krebsforschung sein", verspricht Hans Lehrach. Der Genom-Pionier ist auch zehn Jahre nach der Entzifferung des ersten menschlichen Genoms Optimist. Seiner Ansicht nach hat die große Zeit der Genom-Forschung gerade erst begonnen.

Autor: Michael Lange
Redaktion: Judith Hartl

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