Zehn Bücher für das Frühjahr | Bücher | DW | 20.03.2016
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Bücher

Zehn Bücher für das Frühjahr

Literarische Großveranstaltungen wie Leipziger Buchmesse oder Lit.Cologne ziehen die Menschen in Strömen an. Das Bücher-Frühjahr naht. Aus der unendlichen Vielfalt von Neuerscheinungen haben wir zehn ausgewählt.

Emanuel Bergmann: Der Trick

Das erstaunliche Debüt eines jungen deutschen Autors. Emanuel Bergmann, Jahrgang 1972, erzählt in "Der Trick" zwei Geschichten. Da ist der zehnjährige Max Cohn, der in Los Angeles lebt und zusehen muss, wie sich seine Eltern auseinanderleben. Das ist für kein Kind schön. Deshalb ersinnt Max einen Plan, wie er die beiden wieder zusammenbringen kann. Die zweite Geschichte blickt zurück in das Deutschland der Vorkriegszeit. Im Berlin der 1930er Jahre geht es auch um einen Jungen, der ein Unglück zu überwinden sucht. Und es geht um die Welt der Zauberer und die der Magie. Natürlich führt der Autor dann seine beiden Handlungsfäden zusammen. Wie Bergmann das bewerkstelligt, ist elegant, immer unterhaltsam und am Ende auch sehr berührend.

(Diogenes 2016, 400 Seiten, ISBN 978-3-257-06955-6)

William Boyd: Die Fotografin

In das Berlin zwischen den Weltkriegen entführt den Leser auch der britische Autor William Boyd. In dessen neuen Wälzer "Die Fotografin" ist die deutsche Hauptstadt aber nur einer unter mehreren Schauplätzen. Boyd heftet sich auf die Fersen der Fotografin Amory Clay, begleitet diese auf den verschiedenen Etappen ihres Berufs- und Liebeslebens. 1. und 2. Weltkrieg, Vietnamkrieg, dazu Rückzug ins Privatleben eines schottischen Schlosses, das sind unter anderen die literarischen Kulissen des Romans. Wie immer bei diesem Autor stößt der Leser auf ein Geflecht zwischen Fiktion und realen Geschehnissen. Eine erfundene Biografie vor dem Hintergrund des Weltgeschehens, das ist die Spezialität des 1952 in Ghana geborenen Briten. Sein 13. Roman ist vielleicht nicht sein bester, aber Boyd schreibt nie schlecht - ein pralles Lesevergnügen bietet er immer.

(Berlin Verlag 2016, 560 Seiten, übersetzt von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer, ISBN 978-3-827-01287-6)

J. Meade Falkner: Moonfleet

Das ist auch beim Abenteuer-Klassiker "Moonfleet" von Boyds Landsmann J. Meade Falkner garantiert. Und das, obwohl der Roman bereits vor 118 Jahren erschienen ist. "Moonfleet" muss sich nicht hinter Genrehöhepunkten wie "Die Schatzinsel" oder "Robinson Crusoe" verstecken. Die Abenteuer des fünfzehnjährigen John Trenchard lesen sich noch heute taufrisch. Auch bei Falkner geht es um einen mythischen Schatz, um eine lange Kerkerstrafe und um eine innige Freundschaft. Neben all den prall geschilderten Geschehnissen, die Trenchard erlebt, ist es besonders dessen Beziehung zum bärbeißigen Elzevir Block, die dem Leser heute noch zu Herzen geht. 1955 verfilmte der Deutsche Fritz Lang in Hollywood den hierzulande lange vergessenen Roman.

(Liebeskind Verlag 2016, 352 Seiten, neu übersetzt von Michael Kleeberg, ISBN 978-3-95438-059-6)

David Garnett: Dame zu Fuchs

Und noch eine ganz erstaunliche Wiederentdeckung aus dem englischen Sprachraum. Garnetts Novelle aus dem Jahre 1922 ("Lady into Fox") zeigt dem aufgeschlossenen Leser, was möglich ist in der modernen Literatur. Garnett erzählt vom Ehepaar Tebrick, das ein gemütliches Landleben im Süden Englands verbringt - bis sich Mrs. Tebrick plötzlich in eine Fähe, einen weiblichen Fuchs, verwandelt. Ganz ohne Begründung und Herleitung konfrontiert uns Garnett mit dieser eigentümlichen Metamorphose auf den Spuren von Franz Kafka. Was dann geschieht, ist allerdings noch erstaunlicher. Die beiden halten an ihrer Beziehung fest. Bis sich Mrs. Tebrick nicht nur äußerlich mehr als Tier denn als Mensch gebärdet. Ein wunderlich anmutendes Buch, gar nicht schwer zu lesen - und eine Wohltat für Vielleser, die schon alles zu kennen meinen.

(Dörlemann, Zürich 2016, Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch, 160 Seiten, ISBN 3-03820-026-3)

Françoise Giroud: Ich bin eine freie Frau

Dieser Text hat ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel. Geschrieben wurde er bereits Anfang der 1960er Jahre von Françoise Giroud, einer der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Doch auch in ihrer Heimat wurden diese autobiografischen Aufzeichnungen erst vor drei Jahren veröffentlicht. Warum so spät? Die Antwort kann man im Buch nachlesen. Der deutsche Leser begegnet einer Frau, die als Mitgründerin des Nachrichtenmagazins "L'Express" Mediengeschichte schrieb. "Ich bin eine freie Frau" ist einer jener Texte, die den Leser in eine aufregende Zeit zurückversetzt: in das Frankreich der Nachkriegszeit. Giroud, sensibel und aufrichtig, muss sich in einer von männlichen Leitwölfen geprägten Gesellschaft durchsetzen. Messerscharf beobachtet sie Menschen und Mechanismen der Macht - das ist auf jeder Seite erkenntnisreich, aber auch sehr berührend.

(Zsolnay 2016, aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky, 238 Seiten, ISBN 978-3-552-05766-1)

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

In diesen Tagen, in denen ja auch immer wieder von elternlosen Flüchtlingskindern in Deutschland die Rede ist, kommt dieser schmale Roman gerade recht. Köhlmeier erzählt in "Das Mädchen mit dem Fingerhut" von einer Sechsjährigen, die orientierungslos herumirrt, immer auf der Suche nach etwas Essbarem und ein wenig Wärme zum Übernachten. Manchmal wird sie von zwei älteren Kindern, die ebenso auf der Flucht sind, begleitet, manchmal ist sie allein. Wo genau sich das alles abspielt, woher die Kleine kommt, ob das Ganze auf die aktuelle Flüchtlingspolitik gemünzt ist, das lässt der Österreicher Köhlmeier offen. Man darf als Leser alles hineinprojizieren in diesen Roman, der nüchtern und abstrakt daherkommt, einen aber nicht unberührt lässt.

(Hanser 2016, 144 Seiten, ISBN 978-3-446-25055-0)

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Aus einem ganz anderen Grunde berührt auch Heinz Strunks neuer Roman. Auch hier geht es um Menschen, die sich auf der Verliererstraße befinden und die alles in Bewegung setzen, um überhaupt zu überleben im Wirtschaftswunderland Deutschland. Strunk entführt uns in die Niederungen der Gesellschaft. Und wie er das tut! Das ist nichts für schwache Nerven. Was der Autor hier beschreibt, erregt oft bizarren Ekel. Ist aber stellenweise auch wahnsinnig komisch. "Der goldene Handschuh" ist weniger ein Buch über den legendären Serienmörder Fritz Honka, als ein Panorama der Säufer und Schnorrer der Hamburger Unterwelt in den 1970ern. In der legendären Absturzkneipe "Zum Goldenen Handschuh" begegnet man den originellsten, aber auch erschreckendsten Figuren dieses Bücher-Frühjahrs.

(Rowohlt-Verlag 2016, 252 Seiten, ISBN 978-349-806436-5)

Peter Stamm: Weit über das Land

Der Roman des Schweizers Peter Stamm ist so etwas wie das literarische Gegengift zu Strunk. Wo der prall und saftig bis ins allerletzte Detail schreibt, ist Stamm ein Meister des Verzichts. Seine Erzählungen und Romane zeichnen sich durch einen auf das Nötigste reduzierten Stil aus. Nüchtern, klar und ohne Ornament beschreibt der Schweizer in "Weit über das Land", wie sich ein Paar verliert. Thomas verlässt Astrid schon nach wenigen Seiten. Doch ist "Weit über das Land" kein Roman über eine Beziehungskrise, sondern ein Buch über das Verschwinden. Thomas bricht einfach aus, ohne Erklärung, ohne Ziel. Astrid bleibt im bis dahin gemeinsamen Haus zurück - ohne die geringste Ahnung, was da gerade mit ihr geschieht. Der Autor überlässt es der Fantasie des Lesers, was hinter dieser vertrackten Geschichte steht.

(Fischer 2016, 224 Seiten, ISBN 978-3-100-02227-1)

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Dagegen ist die Geschichte, die der 1984 in München geborene Benedict Wells in seinem Roman erzählt, sehr konkret. "Vom Ende der Einsamkeit" ist Familienroman, Liebesgeschichte und Coming-of-Age-Story zugleich. Wells erzählt vom jungen angehenden Schriftsteller Jules und dessen Geschwistern Liz und Marty. Die drei hoffen das Trauma des Unfalltodes der Eltern zu überwinden. Jules wird dabei von Alva unterstützt, der Liebe seines Lebens. Wie Wells seine Erzählfäden spinnt und entwickelt und sich manchmal in erzählerischen Verästelungen verliert, das hat etwas von Paul Auster in Hochform. Welch größeres Kompliment könnte man einem sehr jungen deutschen Autor machen?

(Diogenes 2016. 368 Seiten, ISBN 978-3-257-06958-7)

Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte

Nur ein Jahr älter als der Deutsche Benedict Wells ist die US-Amerikanerin Naomi Wood, deren zweiter Roman in diesem Frühjahr in Deutschland erschienen ist. Für alle Fans von Ernest Hemingway bietet das Buch reizvolle Lektüre, verfolgt der Leser doch ein paar wichtige Lebensetappen des Nobelpreisträgers von 1954. Im Mittelpunkt bei Wood steht der Frauenschwarm, Abenteurer und Schriftsteller jedoch nicht. Die Autorin schaut vielmehr auf vier seiner langjährigen Lebensgefährtinnen. Wood schreibt mit leichter Hand - wobei sich die Gefühlslagen und -wirrungen stetig wiederholen. Das führt bei der US-Amerikanerin aber nicht zur Langeweile, sondern zu durchaus klugen Erkenntnissen über das ewige Auf und Ab der Liebe.

(Hoffmann und Campe 2016, 368 Seiten, ISBN 978-3-455-40559-0)

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