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Kultur

Zar Nikolaus und Lenin gemeinsam im Netz

Ein texanischer Dokumentarfilmer arbeitet seit Jahren an einem russischen Webarchiv. Mittlerweile hat er tausende von Filmen und Bildern aus der ehemaligen Sowjetunion ins Internet gestellt.

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Der Rote Platz in Moskau

Es war ein Kurzwellenradio, das das Interesse des Amerikaners J. Mitchell Johnson an der früheren Sowjetunion weckte. In den 60er Jahren hörte er so sowjetische Propaganda-Sendungen. Die Faszination für Russland hielt bis zu der Zeit an, als aus dem texanischen Jungen ein Dokumentarfilmer geworden war. Heute ist Johnson Chef und Gründer der Firma Abamedia, die in Zusammenarbeit mit russischen Archiven tausende von Dokumentarfilmen und Bildern aus der ehemaligen Sowjetunion ins Internet stellt.

Archive geplündert

Zu sehen sind etwa seltene Aufnahmen von der Krönung des Zaren Nikolaus II. im Jahr 1896 oder Familienfotos des ersten Menschen im All, Juri Gagarin. 30.000 Filme und mehr als eine Million Bilder lagern seit Jahrzehnten in russischen Archiven. Nach der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 wurden diese für die Öffentlichkeit zugänglich. Als besondere Fundgrube erwies sich das Staatliche Russische Film- und Fotoarchiv in Krasnogorsk bei Moskau. Dort lagern auf sechs Stockwerken und in unterirdischen Gewölben alle Filmaufnahmen staatlicher Stellen.

"Diese Leute sind sehr erfahren im Umgang mit Filmen und
Fotografieren, aber zu Sowjetzeiten war alles streng kontrolliert", sagt Johnson. 1996 gelang es ihm, einen 20-Jahres-Vertrag mit den Verantwortlichen zu schließen, dem sich Verträge mit Museen und dem staatlichen russischen Archiv für wissenschaftliche und technische Dokumente anschlossen. Im Sommer vergangenen Jahres sicherte auch die Weltkulturorganisation UNESCO dem Projekt ihre Unterstützung zu.

Schnappschüsse und Familienfotos

Jetzt, nach Sichtung und Katalogisierung des Materials, haben Web-Surfer Zugriff auf rund 25.000 Filme auf Russisch und 5.000 Filme auf Englisch. Auch tausende von Bildern können bereits online abgerufen werden. Darunter finden sich Schnappschüsse aus Revolutionszeiten, seltene Bilder von Lenin, Stalin und anderen sowjetischen Führern, Kriegsfotos, Bilder von russischen Monumenten und Kunst aus Ost- und Mittelasien. Auch eine Art Tagebuch der Zarenfamilie Romanow mit Bildern und Zitaten kann hier studiert werden.

"Es hat lange gedauert, Vertrauen und Partnerschaften aufzubauen, aber für mich ist das fast zu einer Mission geworden", sagt Johnson. Mehrmals im Jahr reist er nach Russland, wo rund 160 Menschen Kataloge, Bilder und Videoclips bearbeiten. Die Nutzung ist frei, lediglich für die kommerzielle Weiterverwendung müssen Lizenzen erstanden werden. Mit Hilfe dieser Einnahmen soll das Projekt finanziert werden, erklärt Johnson, der rund zwei Millionen Dollar
(2,24 Millionen Euro) dafür investiert hat. Ob die Sache jemals Gewinn abwerfen wird, weiß niemand. Für Johnson ist das aber auch nicht am wichtigsten. Er hofft auf Nachahmer für andere Länder: "Der Zugang zu solchen Archiven sorgt in besonderem Maße für Frieden, Freundschaft und eine Brücke zwischen unseren Ländern." ap/(fro)

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