1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Ostmitteleuropa

Zahl der Rentner in Polen übersteigt Zahl der Arbeitslosen

- Rente wird oft erschwindelt und als erstrebenswerter Way of life betrachtet

Posen, 1.10.2002, WPROST, poln.

Für den Unterhalt von vier Personen, die entweder in Rente oder ohne Arbeit sind, müssen zehn berufstätige Polen aufkommen. Das ist ein absoluter Weltrekord. In Polen gibt es zur Zeit 3,3 Millionen Rentner und ihre Zahl übersteigt sogar die der Arbeitslosen (3,2 Millionen).

"Es gibt keinen anderen Staat, in dem die Auszahlungen von Unterstützungen 4,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmachen", schreiben die Experten der OECD in einem Bericht über Polen. "Es ist sogar noch schlimmer um uns bestellt! Unsere wirklichen Ausgaben für diesen Zweck betragen sechs Prozent des BIP. Wir geben vier mal so viel Geld dafür aus wie die Tschechen und die Ungarn", sagt Professor Stanislaw Gomulka, ein Wirtschaftexperte der London School of Economics,

"Polen ist zu einem kranken Organismus in Europa geworden, weil Millionen von Menschen die Rentenzahlungen als einen Weg betrachten, wie das Leben bestritten werden kann. Im kommunistischen Polen belegten sie die unproduktiven und unnötigen Arbeitsplätze und in der Zeit der Dritten Republik Polen genießen sie die Rentenzahlungen", behaupten Emily S. Andrews und Tom Hoopergardner, die Verfasser eines Berichtes über Polen, der für die Weltbank erstellt wurde.

"Die Rente ist für viele Menschen die einzige Rettung und ein Weg, das Leben zu bestreiten", sagt Professorin Danuta Graniewska

Der 31jährige Marian aus Bialogard muss seine Frau und vier Kinder ernähren: "Ich habe meine Erwerbsunfähigkeitsrente für 1.000 Zloty (etwa 250 Euro) gekauft. Ich sagte dem Arzt, dass ich - falls er mir kein Rentenattest gibt - gezwungen bin, zu klauen", erzählt er.

"Ich weiß zwar, dass es nicht richtig ist, was ich mache, aber was soll ich tun, wenn ich weiß, dass eine sechsköpfige Familie mit Hilfe dieser Rente überleben kann", erzählt ein Vertrauensarzt aus der Region Zachodniopomorskie (Westpommern). Er und viele andere Ärzte, die die Berufsunfähigkeit bescheinigen und dabei Schmiergelder kassieren, beschaffen auf diese Weise den Betroffenen ein "Sozialstipendium", für das der Steuerzahler aufkommen muss.

Noch Anfang der neunziger Jahre haben neun Prozent der Erwachsenen in Polen eine Rente bezogen. Schon Ende der neunziger Jahre stieg ihre Zahl auf 15 Prozent. Zur Zeit beziehen 2,5 Millionen Personen eine Altersrente von der Versicherungsanstalt ZUS und 800 000 eine Erwerbsunfähigkeitsrente von der Versicherungsanstalt KRUS.

Aus den Angaben des Institutes zur Untersuchung der Marktwirtschaft (IbnGR) geht hervor, dass die Rente die einzige Geldquelle für 45 Prozent der Familien ist, die in den Gemeinden mit der höchsten Arbeitslosenrate in Polen leben. (...) Dort leben von der Rente 30 Prozent Menschen, die arbeitsfähig sind, d.h. doppelt soviel wie in den anderen Regionen Polens. Somit wird die Rente zu einer Art Sozialhilfe.

Seit der Umstellung des politischen Systems in Polen wurden aber auch diejenigen in Rente geschickt, die in den aufgelösten Staatsbetrieben beschäftigt waren. In jedem der 1 000 Betriebe, die in den Jahren 1995-2001 aufgelöst wurden, wurden durchschnittlich 34 Prozent der Belegschaft als arbeitsunfähig eingestuft und bekamen darüber hinaus eine Rente.

Auch Personen im Vorruhestand beziehen eine Rente. Sie machen 45 Prozent aller Rentner in Polen aus.

"Das Kaufen einer Rente wird von vielen als ein Rezept gegen die Arbeitslosigkeit betrachtet. (...) Bei uns gibt es fast 30 Prozent mehr Rentner als in Tschechien, in der Slowakei oder in Ungarn, wo auch jede dritte Rente erschwindelt wird", sagt Dr. Bogdan Wyznikiewicz, Vizedirektor des Institutes zur Untersuchung der Marktwirtschaft. Die Versicherungsanstalt ZUS bekommt jedoch keinerlei Angaben über den Rentenbetrug, nicht einmal dann, wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, und deswegen kann sie sich das Ausmaß des Schwindels nicht vorstellen.

Eine durchschnittliche Rente beträgt 850 Zloty (etwa 212 Euro), d.h. sie liegt höher als der Lohn von 30 Prozent aller Beschäftigten. Weil es nicht schwierig ist, an solch eine Rente zu kommen, lohnt sich das Arbeiten für viele Menschen nicht. Sie melden sich zuerst arbeitslos und dann - wenn das Arbeitsamt nicht mehr zahlt, erkaufen sie sich eine Rente. Viele der Rentner arbeiten außerdem noch schwarz: "Nach dem Bankrott des Betriebes in Lodz habe ich eine Nierenkrankheit vorgetäuscht. Das war überflüssig, weil ich sowieso dem Arzt Schmiergeld zahlen musste. Jetzt bekomme ich 842 Zloty (etwa 211 Euro) als Rente und auf dem Markt in der Nähe von Lodz verdiene ich etwa 2 000 Zloty (etwa 500 Euro) im Monat" erzählt Ryszard C. aus Pabianice.

1997 wurden in Polen die Gesetze über die Erwerbsunfähigkeitsrente geändert, aber die Renten, die vor dieser Zeit bewilligt worden sind, wurden nicht erneut überprüft: "Die Folge der früheren Gesetzgebung ist die, dass auch, wenn ein Sachverständiger jetzt bescheinigt, dass die untersuchte Person gesund und durchaus arbeitsfähig ist, man sowieso nichts unternehmen kann, wenn die Rente bereits zehn Jahre vor dieser Gesetzesänderung bezogen wurde", erklärt Danuta Borsuk-Zawadzka von der Versicherungsanstalt ZUS in Koszalin (Köslin).

Die Verschärfung der Gesetze hat die Zahl der bewilligten Renten zwar nicht gesenkt, dafür ist aber die Höhe der Schmiergelder gestiegen, die früher bei 500 bis 2000 Zloty (etwa 125 bis 400 Euro) lag und heute 2000 bis 10 000 Zloty (ca. 2500 Euro) beträgt.

Keiner Regierung nach 1989 ist es gelungen, den Schwindel bei der Rentenzahlung einzudämmen. Von jeder dieser Regierungen wurden jedoch die Rentner als eine Gruppe betrachtet, um die sie sich besonders kümmern musste. Darüber hinaus wurden auch die Rentenbeträge ständig erhöht. Dabei erhielten nicht nur die aufrichtigen Rentner die Erhöhungen, sondern automatisch auch die Schwindler: "Die Regierung sollte sich um das Geld bemühen, das sinnlos an die Schwindler verschwendet wird. Angesicht der gegenwärtigen Haushaltlage würde dies große Einsparungen bringen. Aber die Regierung wird das nicht tun, weil die Rentner eine große und bedeutende Wählergruppe sind", sagt Professor Stanislaw Gomulka und fügt hinzu: "Im Endeffekt wurden in diesem Jahr für Renten etwa 12 Milliarden Zloty (etwa drei Milliarden Euro) ausgegeben. Wenn man annimmt, dass die Hälfte dieser Renten erschwindelt wurde, bedeutet dies, dass jeder arbeitende Pole etwa 1 000 Zloty (etwa 250 Euro) im Jahr für die Rentner dazuzahlen muss. Die Regierung will eine Vignette für Autofahrer einführen. Dadurch wird die Staatskasse etwa drei Milliarden Zloty kassieren. Wenn man aber die Ausgaben für die Renten um zwei Prozentpunkte senken würde, könnte man Ersparnisse in Höhe von 14 bis 15 Milliarden Zloty erzielen". (Sta)

  • Datum 08.10.2002
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/2jXO
  • Datum 08.10.2002
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/2jXO