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Fokus Osteuropa

Zagreb und Belgrad streiten über Tschetnik-Bewegung

Gedenkfeiern im serbischen Ravna Gora haben zu neuen Spannungen zwischen Serbien und Kroatien geführt. Der Ort gilt als "Wiege" der Tschetnik-Bewegung. Für Streit sorgte besonders eine Rede von Außenminister Draskovic.

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Umstrittener Auftritt bei Gedenkfeier: Vuk Draskovic, Außenminister von Serbien-Montenegro

Ganz Europa hat am 8./9. Mai die Gedenkfeierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges und Sieg über den Faschismus begangen. Wenige Tage später, am 15. Mai, haben 15.000 Menschen in Ravna Gora in Serbien den so genannten Jahrestag des Aufstandes der jugoslawischen Armee des Vaterlandes unter der Führung von General Dragoljub Draza Mihajlovic gefeiert. Die Anhänger des Tschetnik-Führers Draza haben sich auch schon früher dort versammelt, aber dieses Mal wurde die Versammlung mit dem Segen des offiziellen Belgrad und finanziert vom Kulturministerium abgehalten. Und während Vuk Draskovic früher der Versammlung in Ravna Gora nur als Vertreter des Serbischen Erneuerungsbewegung, SPO, beigewohnt hatte, tat er dies am vergangenen Wochenende als Außenminister von Serbien und Montenegro. Hinzu kommt, dass die Abgeordneten des serbischen Parlaments Ende letzten Jahres anerkannt haben, dass die Angehörigen der Tschetnik-Bewegung in Serbien die selben Rechte genießen wie die Partisanen. "Wenn Serbien, ohne Schutz, ohne Lügen, ohne ideologische Unterstellungen stolz alles über General Mihajlovic und seine Soldaten sagen würde, dann würde es auch von allen Nachbarn und allen in der Welt auf dieselbe Weise verstanden werden", so Vuk Draskovic.

Kritik von Seiten der serbischen Minderheiten

Am energischsten kritisierten dieses Treffen in Serbien die sozialdemokratische Jugendorganisation, die "Frauen in Schwarz" und Esad Durdevic, Abgeordneter im serbischen Parlament und Mitglied des Nationalrates des Sandzak. Er erklärte: "Nicht nur die bosniakische Minderheit hat dem gegenüber eine negative Einstellung, sondern alle Minderheiten, mit denen ich in diesen Tagen geredet habe. Das ist wie eine kalte Dusche: diese ganze Geschichte dreht sich um die Bejahung einer Bewegung, über die wir im bosnischen Nationalrat meinen, dass sie zumindest nicht antifaschistisch gewesen ist, was man heute bejahen möchte. Wir meinen, dass das eine Fälschung der geschichtlichen Tatsachen ist, aber man hat uns schlicht nicht gefragt und wir haben auf solche Vorkommnisse wie in Ravna Gora keinen Einfluss."

Mesic sagt Belgrad-Besuch ab

Während in Serbien selbst die Reaktionen auf dieses Treffen eher sporadisch waren, schlug die Meldung aus dem Büro des kroatischen Präsidenten wie eine Bombe ein. Darin heißt es, "nach der Tschetnik-Versammlung in Ravna Gora, die mit der aktiven Unterstützung von Seiten der serbischen Regierung organisiert und durchgeführt wurde und an der einige herausragende Vertreter der Regierung teilnahmen, sei Präsident Mesic der Meinung, dass unter den gegebenen Umständen und in absehbarer Zukunft keine Voraussetzungen bestünden, die Vorbereitungen für seinen geplanten Besuch in Serbien und Montenegro fortzusetzen."

Missstimmung zwischen Zagreb und Belgrad

Noch am selben Tag kam eine Antwort aus dem Außenministerium vom Serbien-Montenegro, mit folgendem Wortlaut: "Historische Tatsachen dürfen für die guten Beziehungen Serbien-Montenegros mit Kroatien oder jedwedem anderen Land kein Hindernis darstellen. Lassen Sie uns uns der Zukunft zuwenden. Unsere Beziehungen zu den Nachbarn werden wir nicht davon abhängig machen, wie diese sich gegenüber Geschehnissen in der Vergangenheit verhalten, dasselbe erwarten wir aber auch von ihnen. Europa ist unser gemeinsames Haus."

Der kroatische Präsident kommentierte die Botschaft aus Belgrad mit den Worten: "Ich stimme damit überein, dass historische Tatsachen kein Hindernis darstellen sollten, dann sollten wir uns aber an die historischen Tatsachen halten und sie nicht verfälschen. Denn der, der auf der Seite des Faschismus stand, der stand auf keinen Fall auf der Seite des Antifaschismus".

Ivan Protic vom Belgrader Zentrum für Menschenrechte sagte, auch hier zeige sich wieder einmal, wie immer auf dem Balkan, dass "unsere Verbrecher, unsere Faschisten, unsere Kriminellen besser sind als die der anderen. Immer wird im fremden Hof sehr viel stärker gekehrt als im eigenen. So hat Herr Mesic bei einigen eklatanten faschistischen Erscheinungen im eigenen Land wesentlich weniger heftig reagiert." Er fügte hinzu, es gelte nicht, die serbische Regierung zu verteidigen, die wieder einmal ein Eigentor geschossen habe, eines von vielen, seit sie an der Regierung sei. "Aber das entschuldigt Präsident Mesic nicht für seine ziemlich persönliche Reaktion, die seiner Position als Staatsmann nicht angemessen war".

Keine Konsultationen mit Montenegro

Das offizielle Podgorica stimmt in seiner Einschätzung mit der Linie des Außenministers des gemeinsamen Staates, Vuk Draskovic, nicht überein. Der Deutschen Welle sagte der montenegrinische Außenminister Miodrag Vlahovic unter anderem, es sei Besorgnis erregend, was da geschehe, nicht nur in Beziehung auf die Tschetniks und die Ideologie dieser militärischem, kriegerischen und politischen Bewegung, sondern auch allgemein, wie man sich in Serbien seinen Nachbarn gegenüber verhalte. "Die letzten Ereignisse und der Auftritt des Herrn Draskovic, Außenminister auf Bundesebene, wo er angeblich im Namen Serbiens und Montenegros sprach, ist nur einer in einer Reihe von Fällen, wo Herr Draskovic öffentlich im Namen Serbien-Montenegros auftritt und das ohne irgendwelche Konsultationen oder Einvernehmen mit uns. So dass eine Sache in der gesamten Geschichte absolut unstrittig ist, dass nämlich Montenegro damit überhaupt nichts zu tun hat", so Vlahovic.

Wiedereinführung der Visumspflicht?

Der kroatische Ministerpräsident Ivo Sanader erklärte am Mittwoch (18.5.) im kroatischen Parlament, die Regierung in Zagreb verurteile den Vorfall auf das Schärfste und weise jeden Versuch einer Rehabilitierung der Tschetnik-Bewegung von Ravna Gora zurück. Er werde aber die bilateralen Beziehungen zu Serbien und Montenegro weiterhin aufrechterhalten, denn "auch dort existieren Kräfte, die diese Bewegung betrachteten wie ich selbst." Weitaus relevanter ist allerdings folgende Aussage Sanaders: "Wir werden die Entwicklung in Serbien und Montenegro sehr aufmerksam verfolgen und reagieren, wenn es sein muss, auch mit der Wiedereinführung der Visumspflicht."

Tatjana Mautner
DW-RADIO/Kroatisch, 18.5.2005, Fokus Ost-Südost

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