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Sport

Zürcher Geschnetzeltes

Sie haben Tickets für die Fußball-WM ergattert? - Schön! Aber nun mal ehrlich, ganz unter uns: Haben Sie zufällig auch eine Karte erwischt für ein Spiel, das Sie wirklich sehen wollten?

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Lange Zeit nur mit der Lupe zu finden: WM-Tickets

Na ja, war bei dieser Lotterie auch nicht wirklich zu erwarten, oder? Aber was soll's: Iran gegen Angola oder Ecuador gegen Costa Rica ist ja auch schön. Dabei sein ist halt alles. So schnell werden Sie nicht noch einmal die Gelegenheit haben, eine solch kapitale Katze im Sack zu kaufen.

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage erlebt bei dieser Veranstaltung geradezu abenteuerliche Varianten. Als das sonderbare Theater mit der weltweiten Flatrate-Hatz auf die Karten-Tombola losging, schien es so, als wären die Tickets über Nacht spurlos verschwunden. Da haben sich alle zwar geärgert, aber nichts dabei gedacht. So funktioniert nun mal die Marktwirtschaft.

Mit dem Näherrücken des Ereignisses aber fingen die Absonderlichkeiten an. Die Tickets waren so gründlich verschwunden, dass mancher sich schon besorgt fragte, ob es trotz ausverkaufter Spiele bei der WM nicht wieder (wie schon bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal) hässlich leere Tribünen geben würde, bei deren Anblick nicht zuletzt diejenigen böse ins Grübeln kommen könnten, die bei der Ticketvergabe leer ausgingen.

Überall lauern WM-Tickets

FIFA Praesident Sepp Blatter

Trifft schon mal daneben: FIFA-Präsident Sepp Blatter

Merkwürdigerweise stimmte auch Joseph S. Blatter aus Zürich in diesen Chor mit ein. Dabei müsste der, als Boss und anerkannt potenter Gewinnoptimierer der allmächtigen Veranstalterfirma, doch genau wissen, welche Kartenkontingente nicht in den Verkauf gelangt sind: Allein 300.000 Tickets waren für die VIPs vorgesehen (im Schnitt immerhin knapp 5000 pro Spiel) - und dann gab's ja noch die Karten für die Sponsoren.

In den letzten Wochen konnten sich Fußballliebhaber dann plötzlich kaum noch retten vor Kartenangeboten. Kein Radio- oder TV-Sender, der keine Tickets wie Sauerbier feilgeboten hätte. Beim Tanken wurden Autofahrer Rubbelkarten aufgedrängt, die (mit etwas Glück) zu einer WM-Karte verhalfen. Sogar beim Besuch von Fast-Food-"Restaurants" und Möbelhäusern oder beim Öffnen von Getränkeflaschen (versteckte Da Vinci-Codes im Verschluss) drohten WM-Tickets.

Kommerzialisierungsblüten

Sponsoren dürfen mit den Karten halt machen was sie wollen. Und sie sind bei solchen Veranstaltungen unentbehrlich - auf zahlende Zuschauer kann man zur Not gänzlich verzichten: Im Bedarfsfall können als Füllmaterial ja immer noch Soldaten herangezogen werden - wäre für die auch mal 'ne nette Abwechslung: statt Aufenthalt in Krisenregionen zu Gast bei Freunden. Ob in Ausgehuniform oder in Zivil: Dieses Detail ließe sich mit Sicherheit noch in einer Sondersitzung des Bundestages klären.

Verhökert wird ja wirklich alles und jeder bei dieser WM. Gesponsert wird nicht nur die Münze, mit der der Schiedsrichter die Seitenwahl vornimmt. Vermarktet werden auch die Kinder, die an der Hand ihrer Idole aufs Spielfeld laufen. Es fehlt nur noch die entsprechende Ansage des Stadionsprechers: "Diese Kinder werden Ihnen präsentiert von der Firma XY."

Es mag sein, dass dies alles Ihnen recht bizarr vorkommt. Seien Sie versichert: nicht nur Ihnen. Aber vielleicht ist ja alles nur eine Frage der Perspektive. Besagte Veranstalterfirma residiert halt in der Schweiz, einem wunderschönen Land mit vielen Bergen und viel, viel Geld. Vielleicht sollte sie ihre 120-Millionen-Euro-Zentrale mit Panoramablick auf die Geldberge einfach zugunsten eines Domizils in einem ärmeren Mitgliedsland aufgeben. Immerhin 206 Staaten stünden zur Auswahl.

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