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Alltagsdeutsch – Podcast

Zünftige Handwerkssprache

Handwerker spielten seit dem Mittelalter eine wichtige Rolle in Deutschland. Ihr großer Einfluss im öffentlichen Leben spiegelt sich auch in Redewendungen wider, die bis heute in der Umgangssprache zu finden sind.

Sprecher:
Die Handwerker waren in den so genannten Zünften zusammengeschlossen. Hier wachten die Handwerksmeister über Können und Ehrbarkeit ihrer Mitglieder und legten in der so genannten Zunftordnung ihre Pflichten und Rechte fest. Verletzungen dieser Ordnung – sei es durch Übergriffe eines Handwerkers in das Gebiet eines anderen, sei es durch Leute, die außerhalb der Zunft standen – wurden heftig bekämpft.

Sprecherin:
Na ja, es lässt sich auch niemand gern ins Handwerk pfuschen, auch dann nicht, wenn man gar kein Handwerker ist. Mal sehen, was die Leute auf der Straße dazu meinen.

O-Ton:
"Wenn ich am Herd stehe und koche, und genau weiß, wie ich mein Gericht zubereiten möchte, und jemand anders daneben steht und mir ständig Verbesserungsvorschläge macht, oder mir ständig erzählt, wie ich was zuzubereiten habe. Das ist für mich ins Handwerk pfuschen und das passt mir dann nicht und dann kann ich auch sehr ungnädig werden."

Sprecherin:
Da haben wir es. Der Herr ist gar kein Handwerker, sondern er fühlt sich beim Kochen gestört, weil sich jemand ungefragt einmischt. Aber was bedeutet eigentlich pfuschen?

Sprecher:
Der Pfuscher war derjenige, der die Zunftordnung verletzte, etwa ein Geselle, der sich nach Feierabend etwas dazuverdienen wollte oder ein Schmied, der Schlosserarbeiten durchführte – was nicht zu seinem Aufgabenbereich gehörte. Solche Arbeiten wurden oft – da unerlaubt – mehr schlecht als recht zusammengeschustert, das heißt hastig und ohne die nötige Sorgfalt ausgeführt. Das Ergebnis entsprach dann nicht den Anforderungen der Zunft. Die Arbeit war verpfuscht.

Sprecherin:
Das heißt also, der Herr, der sich beim Kochen gestört fühlt, ärgert sich nicht nur darüber, dass sich jemand in seine Angelegenheit einmischt. Er unterstellt dem Störenfried auch, dass dieser von dieser Angelegenheit nicht so viel versteht wie er selbst; dass er das Essen nur verderben würde mit seinen Einmischungen.

Sprecher:
Ja die Meister sahen sich als die wahren Könner ihres Handwerks. Auch zwischen Meistern, Gesellen und Lehrlingen wurden große Unterschiede gemacht. Zahlreiche Redewendungen zeugen von der überlegenen Position, die die Meister innehatten – und weisen den Lehrling in seine Schranken. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen belehrt ein altes Sprichwort. Der Berufsanfänger musste damals wie heute erst einmal drei Jahre bei einem Meister in die Lehre gehen. Dass das nicht immer lustig war, davon zeugt noch die Wendung Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Erst nach bestandener Gesellenprüfung wurde der junge Handwerker in den Gesellenstand aufgenommen. Die Aufnahme wurde als Zeremonie begangen, bei der je nach Handwerk mitunter recht schmerzhafte Rituale vollzogen wurden. Die Tischler zum Beispiel unterzogen die Gesellenanwärter einer symbolischen Bearbeitung. Sie wurden gehobelt, also wie ein raues Stück Holz glatt gerieben und geschliffen. Ein ungehobelter und ungeschliffener Geselle war einer, der diese Zeremonie noch nicht hinter sich gebracht hatte. Dieser Sprachgebrauch ist bis heute erhalten geblieben.

Sprecherin:
Das wollen wir doch mal sehen. Wer ist denn ein ungehobelter Mensch?

O-Töne:
" Ungehobelter Mensch? Das ein Mensch, der schlechte Manieren hat. / Ungehobelter Mensch – der sich so ausdrückt wie es ein anderer nicht hören möchte, aber dabei vielleicht trotzdem die Wahrheit sagt."

Sprecher:
Die Gesellen hatten ihre eigenen Zusammenschlüsse. Sie waren in den so genannten Schächten organisiert. Die Schächte stellten eine Art früher Gewerkschaften dar. Nach dem Motto Gemeinsam sind wir stark setzten sie sich für die besonderen Belange der Gesellen ein. Eine ihrer Errungenschaften war es, dass die Gesellen zusätzlich zum Sonntag einen freien Tag in der Woche bekamen, nämlich den so genannten Blauen Montag. An diesem Tag konnten sie ihre Treffen abhalten, eigene Arbeiten ausführen, oder einfach noch etwas faulenzen.

Sprecherin:
In Zeiten der Fünf-Tage-Woche brauchen wir ja Gott sei Dank um einen Blauen Montag nicht mehr zu kämpfen. Blaumachen ist allerdings immer noch beliebt. Gerade unter Schülern, die nicht gleich um einen Arbeitsplatz fürchten müssen.

Sprecher:
Warum dieser Montag ausgerechnet Blauer Montag hieß, dafür haben Fachleute die verschiedensten Erklärungen gefunden. Eine besteht darin, dass Wolle, die blau gefärbt werden sollte, sonntags ins Färbebad gelegt wurde und montags an der Luft trocknen musste. Die Gesellen hatten dann frei. Sie konnten blaumachen. Andere führen den Ausdruck darauf zurück, dass die Gesellen an ihrem freien Montag ihre blaue Festtagskleidung anzogen.

Sprecherin:
Erst nach drei Jahren im Beruf durfte sich der Geselle zur Meisterprüfung melden. Viele Zünfte schrieben für diese drei Jahre eine Zeit des Wanderns vor, die so genannte Walz. Der Lehrling sollte in der Fremde bei verschiedenen Meistern etwas dazulernen.

Musik:
"…der Meistermann, der in der Welt gewesen ist,
der etwas weiß und kann,
von dem ist viel zu halten,
bei Jungen und bei Alten…"

Sprecher:
Zahlreiche Redensarten ranken sich um diese Wanderzeit der Gesellen. Das war eine abenteuerliche und oft auch entbehrungsreiche Zeit. Da konnte es schon mal vorkommen, dass ein Handwerksgeselle etwas stahl. War dann in einer Gemeinschaftsunterkunft eine Durchsuchung zu erwarten, versuchte der Dieb von sich abzulenken. Er schob den gestohlenen Gegenstand einem anderen in die Schuhe.

Sprecherin:
Besonders ehrenvoll ist das ja nicht. Aber es gibt ja überall schwarze Schafe, also Leute, die sich nicht an die Moral der Mehrheit halten – auch heute noch. Zumindest wussten die Leute auf der Straße Bescheid, was es heißt, jemandem etwas in die Schuhe zu schieben.

O-Ton:
"Etwas, was man selber verbrockt hat, ja das jemand anders halt in die Schuhe schieben, jemanden das aufs Auge zu drücken, dass man das nicht selber gemacht hat – eine negative Sache. Kinder machen das ja sehr viel, ne. Das eine Kind lässt irgendwie etwas fallen, was weiß ich, in der Küche und sagt dann, der kleine Bruder war das, weil er sich nicht wehren kann."

Sprecherin:
Diese Erklärung bedarf wohl wiederum einer Erklärung. Etwas verbrocken bedeutet so viel wie etwas anstellen. Der Ausdruck geht auf das Wort einbrocken zurück – und das bezeichnet einen ganz harmlosen Vorgang, nämlich das Hinzufügen von Brotstückchen in eine Suppe. Eine Redewendung besagt, dass man die Suppe auslöffeln muss, die man sich selber eingebrockt hat. Das heißt, man muss für die Folgen dessen, was man getan hat, auch die Verantwortung übernehmen. Was man sich selber eingebrockt hat, das soll man mit anderen Worten nicht jemand anderem in die Schuhe schieben – oder wie man auch sagen könnte, jemandem auf 's Auge drücken.

Sprecher:
Die Handwerker grenzten sich nicht nur nach außen, sondern auch gegeneinander ab. Über bestimmte Handwerke machte man mit Vorliebe seine Witze. So galten die Schneider als schwächlich und wurden als Stubenhocker verspottet. Man sagt noch heute Frieren wie ein Schneider wenn man sagen möchte, dass jemand sehr leicht friert. Ein Schmied dagegen galt etwas. Er arbeitete mit Körperkraft. Entsprechend positiv sind auch die Wendungen, die auf ihn zurückgehen. Ein altes Sprichwort lehrt beispielsweise Jeder ist seines Glückes Schmied – man soll sein Schicksal in die eigene Hand nehmen und formen wie der Schmied sein heißes Eisen.

Sprecherin:
Apropos heißes Eisen. Es soll Leute geben, die ein heißes Eisen durchaus auch mal anfassen. Das ist meist ziemlich unangenehm, aber nicht ganz so schmerzhaft wie Sie jetzt vielleicht vermuten. Ein heißes Eisen anfassen oder berühren heißt schlicht und einfach, ein heikles Thema anzusprechen. Und wo wir schon bei dem heißen Eisen sind: Es ist immer gut von denen gleich mehrere im Feuer zu haben. Was das heißt, das hat mir ein Musiker erklärt.

O-Ton:
"Dass man mehrere Dinge gleichzeitig tut und Erfolg sich verspricht davon. Also ich bin Musiker. Ich habe mögliche Engagements für verschiedene Orte an verschiedenen Zeiten oder vielleicht sogar zur gleichen Zeit – also ich hab' mehrere Möglichkeiten 'ne Karriere zu machen. Vielleicht kenn' ich drei Dirigenten, die mich haben wollen, oder so."

Sprecher:
Der junge Mann will offensichtlich Karriere machen. Und damit das gelingt, versucht er mehrere Eisen im Feuer zu haben – das heißt in diesem Fall, mit mehr als mit einem Dirigenten zusammenzuarbeiten, damit ihm einer dann auch tatsächlich zur Karriere verhilft. Und da ist es wichtig, das Eisen zu schmieden solange es heiß ist. Das heißt, er muss ein Angebot gleich wahrnehmen, denn er kann nicht wissen, wann das nächste kommt.

Sprecherin:
Es nutzt allerdings nichts, immer nur heiße Eisen im Feuer zu haben. Irgendwann muss man dann auch mal Nägel mit Köpfen machen.

O-Ton:
"Ja, das bedeutet, dass man, wenn man eine Sache macht, dass man sie richtig macht von Anfang bis Ende durchzieht. Nicht so 'n halben Kram, sondern 'n ganzen Kram."

Sprecher:
Eine Sache durchziehen heißt einfach, sie zu Ende zu bringen. Der Nagel, den der Schmied machte, war erst etwas Wert, wenn er auch einen Nagelkopf hatte.

Sprecherin:
Das wichtigste Werkzeug des Schmieds ist bekanntlich der Hammer. Wenn sich Leute miteinander unterhalten, kann es schon mal vorkommen, dass mitten im Gespräch jemand ausruft: Das ist ja der Hammer!. Was das bedeutet, das wollte ich von einem Passanten wissen.

O-Ton:
" Das ist ja 'n Hammer, dass Sie mich das fragen. Ich würd' sagen, das bedeutet, dass man so vor 'n Kopf geschlagen ist, dass man den Hammer einfach als Metapher nimmt oder so."

Sprecherin:
Die Frage nach dem Hammer kam für diesen Mann offensichtlich völlig überraschend. Er war verblüfft, wie vor den Kopf geschlagen. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass dieser Herr behämmert ist. Nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, konnte ich mich ja ganz vernünftig mit ihm unterhalten. Wenn ich von jemandem sage, dass er behämmert ist, dann unterstelle ich ihm hingegen, dass er irgendwann einmal – bildlich gesehen – einen Schlag vor den Kopf bekommen hat, von dem er sich nicht so ganz erholt hat – dass er also etwas dumm ist. Mit solchen Unterstellungen sollte man ja bekanntlich etwas vorsichtig sein.

Sprecher:
Ein anderes Handwerk, von dem viele noch heute gebräuchliche Redewendungen stammen, ist das des Müllers. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst: Diesen Spruch bekommt derjenige zu hören, der von einer Sache nichts mehr abbekommt, weil andere schneller waren. Die Redewendung ist damit zu erklären, dass die Mühlen ursprünglich den Grundbesitzern gehörten. Bauern und Bäcker konnten dort ihr Getreide selbst mahlen – keiner hatte Vorrang.

Sprecherin:
Das schlimmste, was einem Müller passieren konnte, war, dass jemand ihm das Wasser abgräbt. Dann war sein Mühlrad nämlich stillgelegt. Und wie ist das heutzutage?

O-Ton:
"Das Wasser abgraben? Ja jemanden handlungsunfähig machen, ne. Es ist was Hinterlistiges, was arg Hinterlistiges. Ja vielleicht aus, weiß nicht, verschiedenen Motivationen heraus, Neid oder so."

Sprecher:
Jemandem das Wasser abgraben kann bedeuten, jemandem das Geschäft kaputt zu machen oder auch ein beliebiges Vorhaben zu vereiteln. Das Resultat ist in jedem Fall, dass der Betreffende auf dem Trockenen sitzt – wie man auch so schön sagt – er hat keinen Handlungsspielraum mehr. Er kommt nicht mehr weiter.

Sprecherin:
Zum Glück sitzt ja niemand ewig auf dem Trockenen. Wie das Leben so spielt: Mit einem Mal hat der Betreffende wieder Oberwasser.

O-Ton:
"Das ist ein altes Sprichwort ja: Das kommt ihm zugute. Dann wenn einem unverhofft irgendetwas zugute kommt, das man sich zwar erhofft hat, aber in dem Moment nicht erwartet hat, und das einen in seiner eigenen Situation stärkt."

Sprecher:
Das Oberwasser wurde von oben auf die Mühlen geleitet und brachte sie somit in Schwung. Jemand, der Oberwasser hat oder bekommt, der erhält somit Verstärkung in seinem Vorhaben.

Sprecherin:
Wenn Sie übrigens mal kein Oberwasser haben, sondern auf dem Trockenen sitzen und jemand fragt Sie Wo drückt der Schuh?, dann brauchen Sie nicht zu denken, dass sich dieser Jemand lustig machen will über Sie, indem er in einer solchen Situation ausgerechnet auf Ihr Schuhwerk zu sprechen kommt. Ich fragte eine Frau, wem sie diese Frage stellen würde.

O-Ton:
"Meiner Tochter oder der Familie, die in Wismar wohnen und wo jetzt also das Werftensterben ja große wirtschaftliche Sorgen macht. Da drückt der Schuh. Die Kinder, da sind Enkelkinder, und die Familie lebt davon. Ich würde es im übertragenen Sinne Sorgen sagen, nicht."

Sprecherin:
Sehen Sie. Wenn Sie jemand auf Ihren Schuh anspricht, dann ist er mitunter ganz ernsthaft daran interessiert zu erfahren, wie es Ihnen geht. Sie werden es schon ahnen: die Frage geht natürlich auf den Schuster zurück. Und mit dem wollen wir unsere Ausführungen erst einmal beenden. Ich wünsche Ihnen bei allen Ihren Vorhaben ganz viel Oberwasser. Aber auch wenn Sie mal auf dem Trockenen sitzen, Kopf hoch und denken Sie dran: Jeder ist seines Glückes Schmied!

Musik:
"Schmiede dein Glück solang es noch Zeit ist,
pflücke die Rose und geh' nicht vorbei…"



Fragen zum Text

Keine Redewendung ist: …
1. Man soll den Senkel schnüren, bis er fest sitzt
2. Man schmiedet das Eisen solange es heiß ist.
3. Man muss mal Nägel mit Köpfen machen.

Jemand, der keine Verantwortung für etwas übernehmen möchte, …
1. liebt Blaue Montage.
2. verbrockt etwas.
3. schiebt anderen etwas in die Schuhe.

Auf dem Trockenen sitzt umgangssprachlich jemand, der …
1. nichts mehr zu trinken hat.
2. bankrott ist.
3. mit seinem Boot auf Grund gelaufen ist.


Arbeitsauftrag
Erarbeiten Sie einen durchlaufenden Lückentext, in den passende Redewendungen eingesetzt werden müssen. Ein Beispiel: Sabine hat sich einen genauen Urlaubsplan gemacht. Ihr Freund liebt es allerdings, anderen … Er findet das Hotel nicht schön und bucht eine andere Reise. Am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub … ihr Freund … .


Autor: Annette Schmidt
Redaktion: Beatrice Warken

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