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Asien

Zöllner: "Es geht um eine gemeinsame Grundlage"

Der Arabische Frühling und die Demokratisierung in Myanmar haben viel gemeinsam, meint der Theologe und Orientalist Hans-Bernd Zöllner im Interview mit der DW.

DW: Herr Zöllner, Sie arbeiten zurzeit an einem Buch über die Demokratisierung in der arabischen Welt und in Myanmar. Inwiefern lassen sich die Entwicklungen überhaupt vergleichen?

Hans-Bernd Zöllner: Sie lassen sich zuerst einmal deswegen vergleichen, weil sie vom Westen als Demokratisierungsbewegung wahrgenommen werden. Außerdem lassen sie sich vergleichen, weil bestimmte strukturelle Merkmale ähnlich sind. Zum Beispiel - wenn wir jetzt auf Ägypten und Myanmar schauen - die Rolle des Militärs. In beiden Ländern ist das Militär ein Staat im Staate. Nicht zuletzt ist der religiös-kulturelle Hintergrund der Bewegungen vergleichbar. Es handelt sich in erster Linie um Freiheits- und nicht zuerst um Demokratiebewegungen, in denen es um mehr Menschenwürde geht. Die Kultur und die Religion spielen eine wesentliche Rolle, was vielen westlichen Betrachtern entgeht.

Wenn Sie sagen, es geht in all diesen Bewegungen in erster Linie um Freiheit und Menschenwürde und nicht so sehr um Demokratie, welche Rolle spielt dabei die Religion?

Das eigentliche Schlagwort des arabischen Frühlings lässt sich im Deutschen als "Würde" übersetzen. Würde ist ein zentraler religiöser Begriff, unabhängig davon, welche Religion - Buddhismus, Christentum oder Islam - wir betrachten. Religionen versuchen dafür zu sorgen, dass der einzelne Mensch seine Würde bekommt. Die Religion ist also ein Antrieb und kein Hindernis in den Bewegungen der arabischen Welt oder in Myanmar.

Dr. Hans-Bernd Zöllner, Theologe und Orientalist an Uni Hamburg und Uni Passau (Foto: privat)

Der Theologe und Orientalist Hans-Bernd Zöllner

Das Problem beginnt, wenn Religion in die Hände der Menschen gerät. Wenn sie in Form von Kirchen oder politischen Gruppen institutionalisiert wird, wie etwa der Muslimbruderschaft in Ägypten oder der Enachta-Partei in Tunesien. Dann besteht die Gefahr, dass die Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Das kennen wir aus dem christlichen Kulturkreis, wenn wir etwa an die Kreuzzüge denken. Das Phänomen ist überall auf der Welt das gleiche.

Worin liegen mit Blick auf Myanmar und den arabischen Frühling die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung besteht darin, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, auf der alle gemeinsam arbeiten. Es muss unter den verschiedenen Vorstellungen von politischer Kultur und vor dem Hintergrund der verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen eine allgemein akzeptierte Basis geschaffen werden. Bisher war es in Myanmar und in den Ländern des arabischen Frühlings so, dass die einzelnen Gruppen miteinander streiten über das Recht, diese Grundlage festzulegen. Mit anderen Worten geht es darum, eine Verfassung zu schreiben.

Myanmar hat eine Verfassung, aber viele Gruppen sagen seit der Öffnung von 2011: Das erste, was jetzt passieren muss, ist, die Verfassung zu ändern. Dasselbe also, was jetzt auch in Ägypten passiert. Man hat in Ägypten eine irgendwie demokratisch legitimierte Verfassung, aber jetzt sagen die säkularen ägyptischen Muslime, die in unseren Augen gerne als die "richtigen" Demokraten wahrgenommen werden, aber bei den Wahlen den "islamistischen" Muslimen unterlagen, sie sei falsch, weil sie den Muslimbrüdern die Vorherrschaft eingeräumt hat. Die Verfassung muss also erst mal wieder weg und alles muss ganz anders gemacht werden.

Was muss also passieren? Ein gemeinsamer Konsens über die Grenzen der Interpretation von traditionellen religiösen und kulturellen Werten. Das ist die Hauptaufgabe und das ist ein Langzeitprozess!

Was könnten die beiden Bewegungen voneinander lernen?

Ich denke, die arabische Welt kann von Myanmar lernen, dass es für eine Regierung - in Myanmar war es eine Militärregierung - möglich ist, sowohl gegen den Widerstand der eigenen Bevölkerung als auch gegen den Widerstand der gesamten westlichen Welt eine Verfassung durchzusetzen, die eine Chance bietet, eine solche Grundlage zu sein. Das empfinden wir im Westen natürlich erst einmal als sehr undemokratisch. Aber nur wenn so eine Grundlage gegeben ist, dann kann ein Versöhnungs- und Friedensprozess erst beginnen. Und erst danach kann vielleicht eine Demokratie aufgebaut werden, die den religiösen und kulturellen Gegebenheiten der Länder entspricht. Als Metapher kann man sagen, dass Demokratie ein Chamäleon ist: überall auf der Welt dasselbe, aber je nach kulturellem Hintergrund hat sie eine andere Farbe.

Der Theologe und Orientalist Hans-Bernd Zöllner arbeitet seit mehr als 30 Jahren in Südostasien, insbesondere Thailand und Myanmar. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher über Myanmar, die Demokratiebewegung und ihre religiösen und kulturellen Hintergründe geschrieben.

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