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Welt

YPG: "Luftangriffe wichtig, aber nicht ausreichend"

IS-Milizen bestürmen die Stadt Kobane - und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) verteidigen sie. Jetzt fordert YPG-Sprecher Redur Xelil im DW-Interview mehr Hilfe vom Westen.

DW: Wie ist die derzeitige Situation in Kobane?

Redur Xelil: Es wird noch hart gekämpft, aber wir haben

wichtige Fortschritte

gemacht. Wir wehren jetzt nicht mehr nur Angriffe ab, sondern schlagen auch zurück. Aber wir arbeiten immer noch mit leichten Waffen gegen das schwere Gerät, das die Truppen des "Islamischen Staats" (IS) gegen uns einsetzen. Wir brauchen dringend Nachschub jeglicher Art, weil wir es nicht nur mit einer bewaffneten Gruppierung, sondern mit der Armee eines ganzen Staates zu tun haben.

Aber Sie werden durch die

US-Luftschläge

unterstützt. Inwiefern arbeiten die Kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Washington zusammen?

Luftangriffe sind wichtig, aber nicht genug, um den Feind loszuwerden. Was die Koordination mit Washington angeht - natürlich geben wir ihnen unsere genaue Position durch, damit ihre Bomben nicht auf uns fallen. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir uns darauf freuen, die Zusammenarbeit zu verbessern.

Falls Luftangriffe nicht ausreichen

, ist es möglich, den IS ohne international Bodentruppen zu besiegen?

Mossul, die zweitwichtigste Stadt im Irak, fiel in drei Tagen, wohingegen Kobane bereits einen ganzen Monat mit Kämpfen hinter sich hat - und zwar nur dank unseren hochmotivierten Kämpfern, die ihr Land verteidigen. Bis jetzt hat sich die YPG als einzige bewaffnete Streitmacht erwiesen, die sich dem IS erfolgreich entgegenstellen konnte. Wir sind aber nicht in der Lage, sie außerhalb unserer Grenzen zu bekämpfen, es sei denn, wir sprechen uns mit den Arabern in diesen Gebieten ab, wie wir es schon einige Male getan haben. Internationale Unterstützung ist zweifelsohne notwendig, aber ich glaube die verschiedenen Parteien im Nahen Osten könnten den IS schlagen, wenn sie anständig bewaffnet, trainiert und koordiniert werden würden. Wenn der Westen die Islamisten schlagen will, dann muss er uns helfen.

Wenn Sie sagen Sie sind bereit, Ihr Land zu verteidigen, meinen Sie damit die drei Enklaven Afrin, Kobane und Jazira oder den Landstreifen entlang der türkisch-syrischen Grenze, den viele syrische Kurden als ihr Eigentum ansehen?

Redur Xelil sitzt in Militäruniform an einem Tisch. (Foto: DW/ K. Zurutuza)

Redur Xelil sieht kein nahes Ende des Krieges in Syrien

Was wir als unser Land beanspruchen, sind die drei Enklaven, die Sie genannt haben. Es stimmt, dass wir uns am Anfang des Konflikts von Jazira in Syriens Nordosten bis Afrin in Syriens Nordwesten frei bewegen konnten, weil wir Kontakt zur Freien Syrischen Armee hielten. Wir erlaubten unseren jeweiligen Streitkräften, sich durch das nördliche Territorium zu bewegen. Aber das Auftauchen islamistischer Gruppen wie Jabat al Nusra, Ahrar al-Sham und schließlich dem IS machte das unmöglich.

Es gibt also kaum einen Weg, entweder Kämpfer oder Nachschub aus einer der anderen beiden Enklaven in Syrien zu bekommen, oder?

Heute führt der einzige Weg nach Kobane über die türkische Grenze. Ansonsten müsste man mit all den Islamisten auf dem Weg kämpfen.

Es sieht so aus, als würde die Türkei bis auf weiteres nichts tun, um von der anderen Seite der Grenze zu helfen. Wie beurteilen Sie die Situation?

Seit Beginn des Krieges wollte die Türkei sich nicht nur bei uns Kurden einmischen, sondern in ganz Syrien. Ankara dachte, dass Assad eher früher als später fallen würde, also haben sie versucht, die syrische Opposition durch die Muslimbruderschaft zu kontrollieren. Die Türkei hat den Islamisten, unter denen wir heute leiden, erlaubt, das ganze Land zu durchqueren und unser Territorium zu erreichen. Sie haben sie militärisch unterstützt und sogar ihre Verwundeten in ihren Krankenhäusern behandelt.

Die YPG wurde beschuldigt, junge Menschen mit Gewalt zu rekrutieren, um sie in Kobane einzusetzen. Stimmt das?

Das ist völlig falsch. Seit Beginn der Revolution ist jeder einzelne Kämpfer in unseren Reihen freiwillig beigetreten. Die Situation in Kobane hat den Zustrom von Freiwilligen erhöht. Viele von ihnen sind kurdische Zivilisten aus der Türkei, die die Grenze überquert haben, um Ihresgleichen auf der anderen Seite zu helfen.

In den vergangenen Wochen hat sich der Fokus der Medien auf Kobane verschärft - mittlerweile steht ein wachsender Teil der Öffentlichkeit hinter den syrischen Kurden. Wie werden sich die Ereignisse in Kobane auf die Zukunft der Region auswirken?

Die Welt öffnet ihre Augen und sieht, dass wir nicht nur die einzige Kraft sind, die sich dem IS entgegenstellen kann, sondern wahrscheinlich auch die einzige Bewegung, die in Syrien von Demokratie und Menschenrechten spricht. Und Sie müssen bedenken, dass die vier Teile, in die unser Land geteilt ist - in der Türkei, Syrien, dem Iran und dem Irak - miteinander verbunden sind: Was in einem Teil passiert, trifft auch die anderen. Kobane könnte dazu beitragen, das Kurdenproblem in der Türkei zu lösen, weil der internationale Druck auf Ankara steigt. Die PKK könnte sogar von der Liste der terroristischen Organisationen gestrichen werden dank dieses Drucks. Die Türkei muss verstehen, dass sie sich entweder mit den Kurden anfreunden muss - oder auf eine Katastrophe zusteuert. Ich bin sicher, dass Kobane ein Wendepunkt für alle Kurden sein wird.

Sehen Sie ein Ende des Kriegs in Syrien voraus?

Wegen der überwältigenden Präsenz islamistischer Gruppen im Land wird das in naher Zukunft nicht passieren. Aber wir müssen die Angelegenheit sowohl auf militärischer als auch auf politischer und sozialer Ebene angehen. Der hohe Grad der Zerstörung in der syrischen Gesellschaft, speziell unter den Sunnis, hat dem islamistischen Phänomen, das wir heute sehen, den Weg geebnet.

Redur Xelil ist der Sprecher der Kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG).

Das Interview führte Karlos Zurutuza.

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