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Kultur

Yoani Sánchez: Ich bin eine "blinde" Bloggerin

Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez ist Gewinnerin der Deutsche Welle Weblog-Awards "The BOBs" in der Kategorie "Bestes Weblog". Von Kuba aus sprach sie mit DW-WORLD über Kuba, ihr Blog und die Freiheit im Internet.

Yoani Sànchez (Quelle: DPA)

Yoani Sànchez ist die bekannteste kubanische Bloggerin

DW-WORLD: Wie kam es zu der Idee den Blog "Generación Y" zu schreiben?

Yoani Sánchez: Die Idee schoss mir aufgrund einer Ansammlung alltäglicher Geschichten durch den Kopf - Fragen und jede Menge Frustration, die weder in der Presse noch im Fernsehen besprochen wurden. Also entschloss ich mich, einen Blog zu erstellen und alles zu erzählen, was uns Kubanern widerfährt und was in den offiziellen Medien keine Erwähnung findet.

Auf diese Weise entwickelte sich "Generación Y" zu einem persönlichen Exorzismus, der mir einige Dämonen austrieb: den Dämon der Apathie, der Angst und Trägheit. Diese Therapie in Form eines Blogs betreibe ich mittlerweile seit anderthalb Jahren und sie fand im Internet bei vielen anderen Leuten mit ähnlichen Dämonen Anklang.

Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass das, was man schreibt, von tausenden von Menschen überall auf der Welt gelesen wird?

Das ist eine der großen Überraschungen der modernen Welt. Vor einigen Jahren noch passierten in Kuba Sachen, von denen niemand je etwas erfuhr. Nun hat sich ein Fenster geöffnet, durch das wir die Insel verlassen und der Welt erzählen können, was bei uns los ist. Dies gibt der Bevölkerung eine große Macht. Auf diese Weise können wir uns ausdrücken, uns wenigstens im Cyberspace frei bewegen und uns darin üben, unsere freie Meinung zu äußern, was wir das eines Tages in die Praxis umsetzen werden müssen.

Zu wissen, dass Tausende meinen Blog lesen, bereitet mir nicht nur große Freude, sondern gibt mir auch ein Gefühl von Sicherheit, um weiter zu schreiben.

Welchen Einfluss haben die Blogger im In- und Ausland auf die politische Situation des Landes?

Die kubanische Blogosphäre spielt und wird dank dieser Freiräume eine wichtige Rolle bei der Demokratisierung Kubas spielen, denn wir entziehen uns nach und nach der Zensur.

Außerhalb der Insel bilden die kubanischen Blogger eine feste Einheit, auf der Insel sind wir jedoch leider sehr wenige: ein Dutzend alternativer und unabhängiger Blogger. Aber ich glaube, dass wir in Zukunft eine wichtige Rolle in Kuba spielen werden, da wir mit den Augen des Bürgers, des Individuums sehen. In einer Gesellschaft wie der unserigen, wo alles mit der Masse und im Block gedacht wird, trägt die Stimme eines Einzelnen und seine subjektive Sichtweise der Realität dazu bei, Mauern einzureißen und viele Mythen zu begraben.

Wenn man deinen Blog liest, stellt man fest, dass Unabhängigkeit ein großer Wert für dich ist. Haben sich die kubanischen Blogger von den politischen Strömungen frei gemacht, die sich über das Schicksal des Landes streiten?

Wir sind eine junge Generation, die die Technologie beherrscht und die sich weder als Opfer noch als Scharfrichter fühlt, sondern in einer gewissen Weise sind wir Teil dessen, was passiert ist und sind auch verantwortlich dafür. Unsere Sprache zeichnet sich weniger durch politische Begriffe aus, sie lässt sich nicht in rechts oder links einordnen oder gegen irgendetwas, sondern sie ist einfach ein Aufschrei junger Leute, die existieren möchten, die ihre Gefühle ausdrücken und Fragen zur Realität stellen möchten.

Ich glaube, die kubanische Blogosphäre ist im höchsten Maße bürgerrechtlich geprägt. Die Tatsache Staatsbürger Kubas zu sein, bedeutet bereits Politik zu machen. Viele Leute fragen mich, ob ich eine Oppositionelle, eine Dissidentin bin - und ich antworte ihnen mit Nein. Auf Kuba ist die Realität zutiefst systemkritisch, und ich schreibe nur über die Realität.

Auf welche Probleme stößt du beim Schreiben deines Blogs?

Wir Kubaner dürfen keine Internetverbindung zuhause haben, zumindest nicht der Normalbürger. Nur die hohen Funktionäre und im Land wohnhaften Ausländer können sich eine eigene Internetverbindung legen lassen. Der Rest von uns muss sich mit dem Internetzugang in Hotels zufrieden geben, der sehr teuer und sehr langsam ist. Oder wir gehen zu den Universitäten und Arbeitszentren, wo der Zugang extrem kontrolliert wird und viele Seiten blockiert oder zensiert werden .

Für mich war die Aufrechterhaltung der "Generación Y" eine echte Herausforderung, da ich meine Texte meistens offline schreiben und bearbeiten muss und dann mit meinem Memorystick sehen muss, wo ich eine Verbindung bekomme. Dazu kommt noch, dass die Behörden meinen Blog in der letzten Märzwoche für das Inland gesperrt haben: Ich bin also eine "blinde" Bloggerin. Nur aufgrund der Solidarität vieler Menschen und dank vieler Freunde außerhalb Kubas kann "Generación Y" weiter existieren.

Die Kritik an der aktuellen Situation Kubas ist aus einem sehr persönlichem Blickwinkel geschrieben und frei von jeglicher Ideologie: Warum betrachtet die Regierung deinen Blog als so gefährlich?

Die größte Gefahr durch meinen Blog geht von der möglichen Ansteckung aus. Davon, dass andere sehen, was ich mache und ihren eigenen Blog erstellen und sagen, was sie denken. Ich bin keine Person, die zu verbaler Gewalt aufruft. Vielleicht schreibe ich mit einer ordentlichen Portion Skepsis und Ernüchterung, aber ohne jemanden dabei zu attackieren oder zu diffamieren.

Das ist nicht der erste Preis, den du gewinnst und wieder einmal ist dir von der Regierung verboten worden, das Land zu verlassen, um ihn entgegen zu nehmen: Hast du schon mal daran gedacht aufzuhören?

Schon oft habe ich daran gedacht, mit dem Blog aufzuhören. Der persönliche Preis, den man dafür bezahlt, der politische Preis, der Preis der Zivilcourage – er ist sehr hoch für ein einzelnes Individuum. Aber das Durchhaltevermögen, das mir die Tausenden Leser geben, die tausenden Kommentare, die ich zu jedem Beitrag erhalte, und sogar der Personen, die mich angreifen, bewegen mich dazu weiterzumachen. Und natürlich die Preise, die mir einen internationalen Schutz bieten. Aber hauptsächlich mache ich weiter, weil ich viele Dinge zu erzählen habe, und weil ich mit der Therapie seit ihrem Beginn im April 2007 noch nicht fertig bin. Ich bin noch nicht endgültig geheilt, es sind noch nicht alle Dämonen vertrieben worden.

Welche Maßnahmen würdest du dir von der Regierung wünschen, um in Kuba den Zugang zum Internet zu erleichtern und die Entwicklung der Blogosphäre voranzutreiben?

Ich würde sie bitten, die freie Meinungsäußerung nicht mehr zu bestrafen, nicht nur um die Blogosphäre zu unterstützen, sondern auch damit jeder Einzelne auf Kuba seine Meinung frei äußern kann und wir gemeinsam nach Lösungen für die Probleme suchen können. Was innerhalb der kubanischen Blogosphäre passiert - die gesperrten Seiten, die Zensur, mein Ausreiseverbot - ist nur Ausdruck dessen, wie weit wir noch von einem toleranten Umgang mit der Meinung anderer entfernt sind.

Das Gespräch führte Luna Bolívar Manaut (Nina Küster)

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