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Europa

"Yanukovych Leaks" deckt Machtmissbrauch auf

Nach und nach wird immer deutlicher, welch aufwendigen Lebensstil der geflüchtete ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch geführt hat. Journalisten werten Dokumente aus, die sie auch ins Internet stellen.

"Wenn Janukowitsch an die Angelegenheiten des Landes so herangegangen wäre, wie an sein Privatleben in Meschyhirja, dann wären wir ein wohlhabendes Land", sagt scherzhaft die ukrainische Journalistin Anna Babinez. Sie weiß, wovon sie spricht: Babinez und mehr als ein Dutzend weiterer Journalisten studieren seit drei Wochen intensiv Dokumente und Unterlagen, die in der ehemaligen und inzwischen verstaatlichten Präsidenten-Residenz "Meschyhirja" gefunden wurden.

Das gewaltige Anwesen

... nördlich von Kiew hatte der geflüchtete Ex-Präsident Viktor Janukowitsch in den vergangenen Jahren errichten lassen. Während seiner Regierungszeit war es von einem Schleier der Geheimhaltung umgeben. Nach dem Machtwechsel in Kiew Ende Februar wurde "Meschyhirja" den Bürgern zugänglich gemacht. Deren Interesse richtete sich vor allen auf die luxuriöse Ausstattung der Residenz: Kronleuchter, pompöse Dekorationen, Schmuck und Autos. Doch die Journalisten interessiert eher, woher Janukowitsch mit seinem Präsidentengehalt von 83.000 Euro pro Jahr das Geld für all den Luxus nahm.

Janukowitsch-Residenz (Foto: Getty Images)

Zimmer in Janukowitsch-Residenz: Vorhänge für 80.000 Euro

Tausende Dokumente sind online

Am Tag der Flucht des Präsidenten am 22. Februar hatte ein Residenz-Mitarbeiter Journalisten darüber informiert, dass in dem angrenzenden Kiewer Stausee Papiere schwimmen. Sie wurden herausgefischt, getrocknet, analysiert und ins Internet gestellt. Und so begann

yanukovychleaks.org

Später wurden in einem der Gebäude des Anwesens hunderte Ordner mit weiteren Unterlagen und Dokumenten gefunden. Auf der Website des Projekts sind inzwischen rund 10.000 gescannte Originale abrufbar. Die Dokumente geben Aufschluss über Janukowitschs Privatleben und darüber, wer zu seinem engen Kreis gehörte.

Spuren nach Österreich und Liechtenstein

Der Großteil der gefundenen Unterlagen bezieht sich auf rund ein Dutzend Firmen, die sich um den Betrieb der Präsidenten-Residenz kümmerten. Die wichtigste von ihnen war die Firma "Tantalit". Ihr gehörte formal der größte Teil des 140 Hektar großen Geländes. Sie ließ auch verschiedene Objekte auf dem Anwesen errichten. Bis zu Janukowitschs Flucht war über diese Firma wenig bekannt. Jetzt liegt über sie viel Material vor.

Serhij Leschtschenko (Foto: DW)

Serhij Leschtschenko deckt das Firmengeflecht des Janukowitsch-Klans auf

"Tantalit" gehörte offenbar einem österreichischen Unternehmens, das wiederum einem britischen Unternehmen gehörte. Dieses wurde von einem Trust aus Liechtenstein kontrolliert. Der Direktor von "Tantalit" sei Pawel Litowtschenko gewesen, ein Anwalt des Janukowitsch-Klans", sagt Serhij Leschtschenko von der Online-Zeitung "Ukrainska Prawda". Vor einem halben Jahr habe "Tantalit" seinen Anteil an der Residenz "Meschyhirja" verkauft - an eine Firma des Bruders des ehemaligen Leiters der Präsidentenadministration, Serhij Kljujew. "Kljujew war aber nur der nominale Besitzer. Real kontrollierte Janukowitsch den Besitz selbst", so Leschtschenko.

Wie viel der Bau der Residenz gekostet hat, kann noch niemand genau sagen. Die Journalistin Anna Babinez geht von einer Summe in Milliardenhöhe aus. "Allein die Vorhänge in einem Zimmer kosteten 80.000 Euro", sagt sie. "Tausende Menschen haben da gearbeitet, mit nur einer Aufgabe: Alles sollte dem Präsidenten gefallen."

Firmen als Tarnung für Geldwäsche

Die Journalisten in "Meschyhirja" haben sich in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Die einen berechnen die Ausgaben für den aufwendigen Lebensstil des Präsidenten, andere suchen nach dessen Geldquellen.

Andrij Baschtowyj (Foto: DW)

Andrij Baschtowyj sieht Beweise für Geldwäsche

"Ich habe einen Ordner studiert, der Auskunft über die Einnahmen von 'Tantalit' im Jahr 2011 gibt. Die kamen hauptsächlich von der UkrBusinessBank, die faktisch dem Janukowitsch-Klan gehört. Allein anhand eines Ordners kann man sehen, wie innerhalb des Klans die Gelder gewaschen wurden, wie sie hin- und hergeschoben wurden. Sie dachten wohl nicht, dass jemals jemand die Unterlagen in die Hand bekommt", so der Journalist Andrij Baschtowyj.

Anna Babinez hat sich den Jagdklub in Sucholutsch vorgenommen, der 20 Kilometer von "Meschyhirja" entfernt liegt. "Wir haben Nachweise über die Mitgliedsbeiträge gefunden, die 50.000 Euro pro Jahr betrugen." Dem Klub gehörten nur Personen aus Janukowitschs engerem Umfeld an. Babinez geht davon aus, dass alle Beträge für Freizeitaktivitäten dem Präsidenten illegal zuflossen. "Aber das muss man noch klären", so die Journalistin.

Gleichzeitig geben die Unterlagen auch Auskunft darüber, wie bescheiden die Arbeiter in der Luxus-Residenz "Meschyhirja" bezahlt wurden. Sie erhielten umgerechnet zwischen vier und sieben Euro pro Tag, sagt Andrij Baschtowyj.

Anna Babinez (Foto: DW)

Anna Babinez will die Kosten für den Bau von Janukowitschs Luxus-Residenz klären

Amtsmissbrauch im großen Stil

Die Originale der Unterlagen, die der geflüchtete Präsident in der Residenz hinterlassen hat, sind inzwischen alle an die Staatsanwaltschaft übergeben worden. Die Journalisten arbeiten nur mit eingescannten Kopien. Serhij Leschtschenko zufolge reichen die gefundenen Beweise für "zehn Freiheitsstrafen für Janukowitsch". Bisher hat die Staatsanwaltschaft ein Verfahren in zwei Punkten eingeleitet: Geldwäsche und Veruntreuung von Eigentum durch Machtmissbrauch im großen Stil.

Die Internetseite von "Yanukovych Leaks" soll in den kommenden Wochen und Monaten mit weiteren Dateien gefüllt werden. "Das Ziel des Projekts ist, möglichst alle gefundenen Unterlagen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen", so Anna Babinez.

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