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Europa

Yanis Varoufakis - der Mann auf dem heißen Stuhl

Eigentlich gilt der neue Finanzminister Griechenlands als aufbrausend. Doch die Signale aus Athen werden versöhnlicher. Denn auch Yanis Varoufakis ist klar, dass die Zukunft des Landes auf dem Spiel steht. Ein Porträt.

Schon ihre unterschiedlichen Kleidungsstile machten deutlich, dass der niederländische Finanzminister und Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem und der frisch gewählte Finanzminister Griechenlands Yanis Varoufakis nicht auf einer Wellenlänge liegen. Während Dijsselbloem am Freitag im dunklen, maßgeschneiderten Anzug und mit Krawatte aufrecht im Stuhl der Presse gegenüber saß, lehnte sich Varoufakis in einem aufgeknöpften türkisfarbenen Hemd über der Hose entspannt zurück.

Doch nicht nur äußerlich provoziert der als "Popstar der Ökonomie" gefeierte Varoufakis. Durch seine Äußerungen wurde klar, dass die beiden auch politisch nicht zusammenkommen. "Unser Land weigert sich mit der Troika zu kooperieren", sagte Varoufakis und lächelte dabei. Er macht international Schlagzeilen mit dieser Aufkündigung. Überall fragte man sich: Meint er das wirklich ernst?

Jeroen Dijsselbloem und Giannis Varoufakis (Foto: AFP)

Jeroen Dijsselbloem und Giannis Varoufakis: Es herrschte eisige Stimmung

Entschärfte Rhetorik

Dem Mann, der das Rettungsprogramm der EU für Griechenland als "fiskalisches Waterboarding" und somit als Folter bezeichnet, traut man zu, es ernst zu meinen. Doch der griechische Premier Alexis Tsipras versuchte gleich, in Telefonaten mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi, die Wogen wieder etwas zu glätten. Und auch Varoufakis rüstete bei einem anschließenden Interview mit der BBC verbal ab. Denn viele Griechen stürmen bereits die Banken aus Sorge um ihr Geld. Die Europäische Zentralbank hat damit gedroht, sie werde den griechischen Banken Ende Februar den Geldhahn zudrehen, wenn sich Athen bis dahin nicht mit den Gläubigern einigt.

Seine Äußerungen zur Zusammenarbeit mit der Troika seien wohl aufgrund der Übersetzung missverstanden worden, so Varoufakis: Natürlich werde man mit den einzelnen Institutionen der Troika, also mit der Europäischen Kommission, dem Internationalen Währungsfonds oder der Europäischen Zentralbank, verhandeln. Er betonte auch, dass man unbedingt auch mit den einzelnen Geberländern sprechen wolle. Er verweigere sich lediglich dem Teil der Troika, die in Griechenland ein Programm durchdrücken will, das in den Augen seiner Regierung gescheitert ist. "Wir wollen ein neues Programm, einen neuen Deal für Griechenland."

Das Sparen beenden

Und ein neues Programm bedeutet für Varoufakis: Schuldenerlass. Man müsse über das Kreditabkommen mit den europäischen Partnern verhandeln, das für ganz Europa eine Plage sei, sagte Varoufakis. Sein Ziel ist es, Griechenland zu reformieren. "Seit fünf Jahren wartet dieses Land auf Reformen und bekommt sie nicht", sagte der 53-Jährige in einem Interview. "Im Gegenteil, wir deformieren uns aufgrund eines Sparprogramms, das sich nicht mit dem Krebsgeschwür in der griechischen Wirtschaft beschäftigt". Außerdem will er den Oligarchen und der Korruption an den Kragen und die Steuerimmunität abschaffen.

Varoufakis steht nun vor der monumentalen Herausforderung, die "Würde der Griechen" wiederherzustellen: Alexis Tsipras und seine Syriza-Partei haben im Wahlkampf versprochen, dass die vielen Mitarbeiter, die wegen des Spar- und Reformprogramms der Troika aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden, schnell wieder eingestellt würden. Außerdem solle der Mindestlohn um 40 Prozent angehoben werden. Nur ist es Varoufakis, der für diese Vorhaben als Finanzminister das Geld auftreiben muss. Wie Varoufakis das konkret angehen will, hat er noch nicht durchblicken lassen.

Alexis Tsipras (links) und Giannis Varoufakis (Foto: AP)

Sind beide für ihren lässigen Stil bekannt: Alexis Tsipras (links) und Giannis Varoufakis

Etwa 25 Prozent der Griechen sind arbeitslos, unter den jungen Menschen sind es 50 Prozent. Wenn nicht zumindest einige der Versprechen der neuen Regierung eingelöst werden, dann könnte die Regierung um Tsipras an Glaubwürdigkeit verlieren.

Seine Anhänger hoffen, dass der politische Neuling die Griechen aus dem strengen Spardiktat, das ihnen 2010 auferlegt wurde, befreit. Dabei macht eben auch der Ton die Musik. Die Troika ist in Griechenland ein rotes Tuch, sie gilt als Symbol für übertriebene Sparauflagen. Europa habe beschlossen, den größten Kredit der modernen Geschichte auf den schwächsten Schultern, nämlich auf denen des griechischen Steuerzahlers, abzuladen. Die Menschen hätten dafür ein Viertel ihres Lohns abgeben müssen. "Jedes Kind versteht, dass das nicht gut gehen kann", sagte Varoufakis kurz nach seiner Ernennung zum Finanzminister.

Nicht mehr nur Theoretiker

Varoufakis, der nach seinem Mathematik- und Statistik-Studium seinen Doktor in Ökonomie an der Universität in Essex machte, hatte schon früher Kontakte in die Politik - und zwar, als er als Berater für den damaligen sozialdemokratischen Oppositionsführer Giorgios Papandreou tätig war. Doch es kam noch vor dessen Wahl zum Ministerpräsidenten 2009 zum Zerwürfnis.

Als die Krise vor fünf Jahren ausbrach, hat er sich das Krisenmanagement als Hochschullehrer von Australien, Schottland und den USA aus angeschaut. In seinem Buch "Der globale Minotaurus" fordert er eine grundlegende Debatte statt hektischer Rettungsaktionen. Doch als Minister ist das Debattieren alleine nicht mehr genug, nun muss er die Ankündigungen seiner Regierung praktisch umsetzen.

"Weg mit dem Spardiktat", das ist die glasklare Botschaft von Yanis Varoufakis. Schulden könne nur bezahlen, wer wachse und Überschüsse erwirtschafte. Beides werde in Griechenland systematisch verhindert. Deutschland und Kanzlerin Angela Merkel spielten dabei eine Schlüsselrolle. Doch während Giannis Varoufakis kürzlich noch scharf gegen Deutschland schoss und in einem Zeitungsinterview erklärte, Deutschland müsse in jedem Fall zahlen, ruderte er jetzt wieder zurück: Deutschland sei als Wachstumslokomotive wichtig für Europa. So deutlich hat das bis jetzt noch keiner aus der neuen griechischen Regierung gesagt.

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