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Welt

Wut auf den Westen

Die Proteste gegen einen Film aus den USA, der den Propheten Mohammed verunglimpft, weiten sich aus. In vielen islamischen Ländern kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen – auch gegen die deutsche Botschaft in Khartum.

Sie gehen auf die Straße, versammeln sich vor Botschaften westlicher Länder und lassen ihrem Ärger freien Lauf: Auch am Freitag (14.09.2012) haben zahlreiche Muslime gegen einen islamfeindlichen Film demonstriert, der in Ausschnitten im Internet zu sehen ist und den Propheten Mohammed als Trottel, Frauenheld und Kinderschänder zeigt. In Ägypten, Jemen, Bangladesch, Indonesien, im Libanon und Sudan kam es zu teilweise gewaltsamen Ausschreitungen. Auch in anderen islamischen Ländern protestierten Muslime gegen den umstrittenen Film und äußerten ihre Wut auf den Westen.

Gewalt mit tödlichen Folgen

Ägyptische Sicherheitskräfte vor der US-Botschaft in Kairo (Foto: Reuters)

Vor der US-Botschaft in Kairo fliegen Steine

Die gewalttätigen Demonstranten machen zwar nur einen kleinen Teil der jeweiligen Bevölkerung aus, aber ihr Gewaltpotenzial ist enorm: Bei einem Angriff auf das US-Konsulat in der libyschen Hafenstadt Bengasi waren bereits in der Nacht zu Donnerstag vier Menschen getötet worden, darunter der US-Botschafter. Bei Protesten am Donnerstag in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa kamen mindestens vier Menschen ums Leben. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo erklommen gewaltbereite Demonstranten die Mauer vor der US-Botschaft und beschmierten sie mit anti-westlichen Parolen.

Allen Appellen zur Mäßigung zum Trotz setzten die ägyptischen Demonstranten ihre Proteste am Freitag fort und warfen mit Steinen auf Polizisten. Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Die mächtige Muslimbruderschaft, der früher auch der jetzige Präsident Mohammed Mursi angehörte, rief zu weiteren Protesten nach den Freitagsgebeten auf. Mursi selbst erklärte Proteste gegen den Film für legitim, betonte allerdings, dass diese friedlich bleiben müssten.

Ausgeprägter Anti-Amerikanismus

Aufgebrachte Jemeniten stürmen die US-Botschaft (Foto: DAPD)

Aufgebrachte Jemeniten stürmen die US-Botschaft

Dass die Demonstrationen dennoch oft in Gewalt umschlagen, habe einen Grund, sagt die Islamwissenschaftlerin Bettina Gräf vom Zentrum Moderner Orient in Berlin. "Bestimmte Gruppen versuchen, sich mit starkem Anti-Amerikanismus zu profilieren", sagt sie. "Der Gegensatz zwischen dem Islam auf der einen und dem Westen auf der anderen Seite wird dazu genutzt, um sich selbst zu definieren und Anhänger zu finden."

Dieser Mechanismus funktioniere auf verschiedenen Ebenen, sagt Bettina Gräf: einerseits historisch, weil die USA seit 1948 Israel unterstützen; andererseits ökonomisch, weil viele Staaten von Amerika abhängig seien. "Die USA gelten als ein Symbol für soziale Ungerechtigkeit und kapitalistische Strukturen, und das machen sich einige Gruppen für ihre lokale Politik zunutze", sagt Gräf.

Angriffe auf westliche Botschaften

Die deutsche Botschaft im Sudan wurde in Brand gesetzt (Foto: AFP)

In Brand gesetzt: Die deutsche Botschaft im Sudan

Der Protest der gewaltbereiten Demonstranten richtet sich allerdings nicht allein gegen die USA. Am Freitag stürmte eine aufgebrachte Menschenmenge die deutsche Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Die Demonstranten rissen das Emblem der deutschen Vertretung nieder und hissten eine islamische Flagge. Sie zerstörten Fensterscheiben und legten vor dem Haupttor Feuer.

"Das hat damit zu tun, dass sich Deutschland in den vergangenen elf Jahren, speziell nach dem elften September, stark engagiert hat - beispielsweise in Afghanistan und vor Somalia - und sich sehr stark in diese westliche Allianz einbindet", sagt Marco Schöller, Professor für Islamische Geschichte an der Universität Münster. "Deshalb wird Deutschland jetzt auch in die gleiche Gruppe gestellt wie die USA." Etwa 5000 Menschen hatten vor der deutschen und der britischen Botschaft gegen den Schmäh-Film protestiert. Auch die britische Botschaft wurde angegriffen.

Unzufriedenheit und Frustration

"Die Wut in der islamischen Welt lässt sich zurückführen auf eine grundsätzliche Unzufriedenheit oder auch Frustration, die sich aus sehr vielen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Faktoren speist", sagt Marco Schöller. "Man fühlt sich schon seit langer Zeit als zweitklassig, als ausgebeutet von den westlichen Nationen, als unterdrückt und nicht ernst genommen."

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Verunglimpfung des Propheten Mohammed, dessen Darstellung nach islamischer Tradition verboten ist, zu Gewaltausbrüchen in zahlreichen Ländern geführt hat. Bereits 2006 war es nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung zu Ausschreitungen auf der ganzen Welt gekommen. Damals wurden im Nahen Osten, Asien und Afrika mindestens 50 Menschen getötet.

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