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Afrika

Wut über neue Anschläge in Nigeria

Mehr als 100 Tote und Dutzende Verletzte: Wieder erschüttern Anschläge Nigeria, verantwortlich gemacht wird die Sekte Boko Haram. Die Regierung kann die Terroristen nicht stoppen und gerät immer mehr unter Druck.

Emaka Godwin (Name von der Red. geändert) ist froh, noch am Leben zu sein - einen Tag nach den Autobombenanschlägen auf die zentralnigerianische Stadt Jos. "Wir haben ein sehr lautes Geräusch gehört, einen Knall", sagte er einem DW-Reporter in Jos, noch immer mit einem Zittern in seiner Stimme. "Ich dachte, ich wäre tot. Ich habe für fünf Minuten auf dem Boden gelegen, dann bin ich losgerannt. Ich habe Schmerzen".

Während die Überlebenden noch immer im Schock sind, kämpfen sich Rettungsteams durch Schutt, den die beiden Autobomben hinterlassen haben. Die erste ging auf einem gut besuchten Markt im Stadtzentrum hoch. "20 bis 30 Minuten später gab es in der Nähe eine zweite Explosion in einem Bus, den der Fahrer angehalten hatte, um nachzuschauen, warum der Verkehr stockte", sagte der für den Bundestaat Plateau zuständige Polizeikommissar Chris Olakpe am Ort des Geschehens.

Viele Menschen noch vermisst

Die zweite Explosion tötete auch Rettungskräfte und Freiwillige, die versuchten, den Opfern des ersten Anschlags zu helfen. "Teile von menschlichen Körpern lagen überall herum wie Ersatzteile", sagte Ibrahim Baba Hassan, ein Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Plateau, der DW. Feuerwehrleute hatten die ganze Nacht über versucht, den Brand in den Griff zu bekommen, den die Anschläge verursacht hatten.

Verkohlte Marktstände nach einem Bombenanschlag auf einen Markt in Jos (Foto: dpa)

Der Anschlag in Jos geschah auf einem Markt zwischen der Bahnstation und einer Universität

Bis zum Mittwochmorgen hatten Rettungsmannschaften mindestens 118 Tote geborgen, mindestens 64 weitere Menschen wurden verletzt und werden in Krankenhäusern behandelt. "Wir schließen nicht aus, dass wir noch weitere Leichen finden", sagte Polizeichef Chris Olakpe. Hunderte Menschen strömten in die Krankenhäuser und Leichenhallen, auf der Suche nach Freunden und Verwandten, die noch immer als vermisst gelten.

Die Anschläge tragen die Handschrift der militanten islamistischen Sekte Boko Haram, die seit 2009 gegen die Regierung rebelliert. Die Gruppe hat sich bislang nicht offiziell zu den Attacken bekannt, hatte aber in der Vergangenheit immer wieder Bombenanschläge an öffentlichen Orten in Nordnigeria und der Hauptstadt Abuja verübt.

Präsident: "Grausame Täter"

Nigerias Staatschef

Goodluck Jonathan

nannte die Verantwortlichen "grausam und böse". "Präsident Jonathan möchte allen Nigerianern versichern, dass seine Regierung sich in der Pflicht sieht, den Kampf gegen den Terror zu gewinnen", hieß es in einem Statement. Man werde sich nicht von den Feinden des menschlichen Fortschritts und der Zivilisation einschüchtern lassen.

Schwarze Rauchschwaden, die nach dem Anschlag in Jos, Nigeria, aufsteigen (Foto: AP)

Die Detonationen waren meilenweit zu hören

Der Ärger über das Versagen der Regierung im Kampf gegen Boko Haram wächst jedoch im ganzen Land. Mehr als 2000 Menschen wurden allein in diesem Jahr in dem Konflikt getötet. In den vergangenen Monaten hat die Zahl der Anschläge zugenommen. Im April starben mehr als 120 Menschen bei einer Bombenexplosion in der Hauptstadt Abuja. Am 15. April verschleppte Boko Haram mehr als 200

Schülerinnen in der Stadt Chibok

und sorgte damit international für Schlagzeilen und Empörung.

Die Reaktion der nigerianischen Regierung - der Ausnahmezustand in drei nördlichen Bundestaaten und eine großangelegte Militäroffensive - wird von Menschenrechtlern und Beobachter scharf kritisiert. Armee und Polizei werden Menschenrechtsverletzungen beim Kampf gegen Boko Haram vorgeworfen. "Es ist überhaupt nicht sicher in Nordnigeria. Die Regierung muss endlich den Erwartungen gerecht werden", kritisiert auch Politiker Ibrahim Baba Hassan. Er repräsentiert Jos im Parlament des Bundesstaates.

Neue Gewalt zwischen Christen und Muslimen?

Die Stadt Jos liegt im Zentrum Nigerias, das den mehrheitlich muslimischen Norden vom christlichen Süden trennt. Die Region ist immer wieder Schauplatz religiöser Gewalt. Die Angst wächst, dass die Anschläge neue interreligiöse Konflikte anheizen könnten. Der Politiker Ibrahim Baba Hassan dagegen denkt, dass solche Befürchtungen unbegründet sind. "Die jüngsten Anschläge richteten sich nicht gegen Christen oder Muslime, sondern gegen eine bereitere Öffentlichkeit. Sie werden unser Zusammenleben nicht beeinträchtigen. Alle hier haben diese Krise einfach nur satt", sagt Hassan im Interview mit dem DW-Haussa-Programm.


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