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Kultur

Wurzeln der jüdischen Gemeinde in Köln

Kölns jüdische Gemeinde ist die älteste nördlich der Alpen. Ein neues Museum soll die unbekannte Seite der einstigen Römerstadt aufarbeiten und zeigen, dass Köln bereits im Mittelalter eine weltoffene Stadt war.

Gerry White weist auf ein Loch. Dort unten befinden sich die Ruinen einer mittelalterlichen Mikwe, eines jüdischen Bades, das einst wahrscheinlich nur den Frauen zugänglich war. Der Archäologe steht inmitten eines Grabungsfeldes in der Kölner Innenstadt - zwischen historischem Rathaus und Wallraf-Richartz-Museum gelegen. Ein Zelt schützt die Ausgrabungen vor Sonneneinstrahlung und Regen. Spuren von 2000 Jahren Stadtgeschichte wurden rund um den Rathausplatz gefunden. Menschen mit Helmen auf dem Kopf sind derzeit damit beschäftigt, Mauer- und Gebäudereste zu konsolidieren.

Jüdisches Viertel auf den Ruinen der römischen Besatzung

Gary White, Archäologe, steht inmitten der Ausgrabungsfläche Copyright: DW/Sabine Oelze

Grabungen in Köln: Archäologe Gerry White

Durch ihre Arbeit konnten sie feststellen, dass im Mittelalter ein jüdisches Viertel unmittelbar auf den Ruinen der römischen Bebauung errichtet worden war. Lange wussten die Forscher nicht, ob die Stadt Köln von der Antike bis zum Mittelalter kontinuierlich besiedelt war. Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanischen Museums, der die Grabungen zur Zeit kommissarisch leitet, sieht diese Frage nun beantwortet: "Reste vom Prätorium, dem Palast des Stadthalters von Niedergermanien, Reste von frühmittelalterlicher Herrschaft, Teile vom jüdischen Viertel, bis hin zu den zerstörten Kellern des Zweiten Weltkriegs gibt es im Rathausviertel zu entdecken."

Digitale Techniken helfen bei der Rekonstruierung

Dr. Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanischen Museum und Leiter der Grabungen in der Archäologischen Zone in Köln.Copyright: DW/Sabine Oelze

Direktor des Römisch-Germanischen Museums: Marcus Trier

Schon in den 1950er und 1960er Jahren interessierten sich Archäologen für die Schätze unter dem Rathausplatz in der Nähe des Kölner Doms. 1956 wurden Reste einer Mikwe sowie der Synagoge der mittelalterlichen Judengemeinde von Köln gefunden. Rund 20 Jahre lang dauerten die Arbeiten. Doch dann wurde der Großteil des Rathausplatzes wieder zugeschüttet und zum Parkplatz umfunktioniert. Erst 2007 wurden die Grabungen unter der Leitung der Archäologen Sven Schütte und Marianne Gechter wieder aufgenommen, und bis April 2013 von ihnen geleitet. Durch digitale Techniken und naturwissenschaftliche Methoden können die Spuren der Zeit nicht nur neu interpretiert, sondern auch möglichst anschaulich mittels 3-D-Modellen rekonstruiert werden.

Die Archäologen wollten herausfinden, wie weit die Wurzeln der jüdischen Gemeinde in Köln zurückreichen. Auf dem Rathausplatz entdeckten sie neben Teilen einer Synagoge inklusive der Redekanzel Bimah auch Speisereste von koscherem Essen, Schiefertafeln mit Redewendungen und Schmuck. "Bereits im vierten Jahrhundert lebte eine jüdische Gemeinde in Köln", sagt Marcus Trier. Wie groß diese war und wo sie lebte, könne jedoch nicht genau gesagt werden. Ab dem zehnten Jahrhundert wiesen die archäologischen Funde aber eindeutig darauf hin, dass in Köln viele Juden gelebt haben.

"Es war lange Zeit ein funktionierendes Miteinander"

Rekonstruktion der jüdischen Synagoge Copyright: DW/Sabine Oelze

Rekonstruktion der jüdischen Synagoge im 13. Jahrhundert

Die Kölner Synagoge, die am Rathausplatz stand, gilt als die älteste nördlich der Alpen. In ihrem näheren Umfeld fanden die Archäologen Hinweise dafür, dass das Zusammenleben zwischen Christen und Juden zeitweise gut funktionierte. "Es war ein geschlossenes Viertel, aber auch eines, das im Austausch mit den christlichen Bürgern stand. Es war für eine lange Zeit ein funktionierendes Miteinander," so Trier. Das änderte sich durch Pogrome wie etwa im Jahr 1349 und der damit einhergehenden Verfolgung der jüdischen Gemeinde. 1424 mussten alle Juden die Stadt verlassen.

Ein spektakulärer Beleg für die Pogrome ist ein goldener Ohrring, den die Archäologen ebenfalls auf dem Rathausplatz sichergestellt haben. Dabei handelt sich um ein herausragendes Beispiel der salischen Goldschmiedekunst des späten zehnten und frühen elften Jahrhunderts. Sehr wahrscheinlich habe die Besitzerin den Schmuck dort versteckt, um ihn vor Plünderern zu schützen. "So ein wertvolles Stück verliert man nicht einfach so", vermutet Trier.

Schätze von der Antike bis zum Mittelalter

Blick auf das Ausgrabungsgelände. Copyright: DW/Sabine Oelze

Fundgrube im Rathausviertel der Stadt Köln

Das Besondere des geplanten Jüdischen Museums ist, dass die Funde an einem authentischen Ort, also dort, wo die Synagoge einst ein spirituelles und religiöses Zentrum war, auch präsentiert werden. In das Bauvorhaben werden die Überreste der Synagoge und der Mikwe, des rituellen jüdischen Bades, einbezogen. So sieht es der Entwurf für den Bau vor, mit dem die Architektengruppe "Wandel, Höfer, Lorch + Hirsch" in einem Wettbewerb im Jahr 2007 überzeugt hat. Eine archäologische Zone soll außerdem die Schätze von der Antike bis zum Mittelalter durch einen unterirdischen Gang verbinden, um sie für jedermann zugänglich zu machen.

Das Projekt hat allerdings viele Gegner, nicht zuletzt, weil Köln finanzielle Sorgen plagen und die Stadt schon jetzt Schwierigkeiten hat, ihre bestehenden Museen zu bewirtschaften. Je länger gestritten wird, desto mehr zögert sich der Baubeginn hinaus.

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