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Kultur

Wunder in der Stadt der Wunden

Juden, Christen und Muslime - nicht überall begegnen sich die Gläubigen der drei großen, monotheistischen Weltreligionen mit Toleranz. In Berlin bauen sie sich jetzt ein gemeinsames Bet- und Lehrhaus.

"Die Stadt der Wunden, die Stadt der Wunder", nennt Rabbiner Tovia Ben Chorin Berlin. Die Stadt, in der die Shoa, eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit des 20. Jahrhunderts geplant wurde. Tovia Ben Chorins Eltern flohen 1935 aus Deutschland ins damalige Palästina. Jetzt steht der Jerusalemer Rabbiner in der Mitte Berlins, wo er seit sechs Jahren lebt. Gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Gregor Hohberg und dem muslimischen Imam Kadir Sanci.

Talar, Kippa und Kaftan, kein Bild der Selbstverständlichkeit, sicher nicht in Ländern wie Nigeria und im Nahen Osten, wo religiöse Konflikte Menschenleben kosten. Aber auch in Deutschland steckt in so manchem Kopf noch Ablehnung gegenüber Andersgläubigen. Umso schöner dieses Bild: Die Geistlichen stapeln in ihren Händen drei sandfarbene Ziegelsteine übereinander - aus Steinen wie diesen soll das "House of One" gebaut werden. Es ist der erste Sakralbau der Welt, der eine Synagoge, eine Moschee und eine Kirche in einem Bauwerk vereint. Er wird ein Test für Toleranz.

Geschichtsträchtiger Ort

Deutschland Religion Architektur Bet- und Lehrhaus Berlin House of One

Ziegelsteine für das Drei-Religionen-Haus. Die Spendenkampagne hat begonnen.

Im Frühjahr 2016 soll der Bau begonnen werden. Auf dem Petriplatz in Berlin Mitte - einer Brache, die zuletzt als Parkplatz genutzt wurde. Schon vor 700 Jahren haben Christen hier ihren Gottesdienst gefeiert. Hier standen eine gotische Kirche, eine neobarocke und dann eine neogotische, die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und zu DDR Zeiten abgerissen wurde. Das "House of One" wird exakt auf den Fundamenten der letzten Kirche stehen. "Wir wollen nicht einfach eine Kirche bauen", sagt Pfarrer Gregor Hohberg, "die Stadt hat sich verändert. Menschen aller Konfessionen leben hier und wir wollen einen Ort, an dem sie aufeinander zugehen."

Deshalb konzipieren, bauen und leben die drei monotheistischen Religionen das neue Haus. "Aber wir sind nicht auf der Suche nach einer neuen Religion und wollen unsere Identität nicht vermischen", sagt Imam Kadir Sanci. Einen Ort, über Religion zu lernen ohne zu missionieren will der liberale Rabbiner Tovia Ben Chorin - einen Ort, auch kritisch über Religion zu diskutieren.

Religiöses Experiment

Deutschland Religion Architektur Bet- und Lehrhaus Berlin House of One

Noch gibt es das "House of One" erst als Modell auf der grünen Wiese.

Multireligiöse Räume gibt es auch an anderen Orten - an Flughäfen etwa, oder in der UNO. In Bern wird gerade ein Zentrum geschaffen. Aber Berlin soll anders sein, der erste interreligiöse Sakralbau. Den internationalen Architektur-Wettbewerb hat das Berliner Büro Kuehn Malvezzi gewonnen. Ihr Entwurf wird mit einem 32 Meter hohen Turm, einem darunter liegenden Kubus und einem zentralen Kuppelraum erhaben aus dem Stadtbild herausstechen.

Jede der drei Religionen hat ihren eigenen Raum für Gottesdienste: Zweigeschossig wie für Synagogen und Moscheen üblich, eingeschossig für die Kirche. "Wir sind weit in der Geschichte zurückgegangen und haben festgestellt: Die Urformen sakraler Bauten für Juden, Christen und Muslime haben sich gar nicht so sehr voneinander unterschieden", sagt Architekt Winfried Kühn. Dennoch wurde der Entwurf mehrfach an die Bedürfnisse der Bauherren angepasst. Synagoge und Moschee müssen nach Osten ausgerichtet sein - die Synagoge braucht Platz auf dem Dach für die Hütte zum Laubhüttenfest.

Durch orientalisch anmutende Lichtschlitze im Mauerwerk wird der gesamte Bau von Licht durchflutet. Der größte Raum wird der zentrale Kuppelraum sein, Ort der Begegnung und des Dialogs. Für Gläubige und Atheisten.

Freitagsgebet, Shabbat und Sonntagsgottesdienst

Zu den Gottesdiensten sind jeweils auch Menschen anderer Religionen eingeladen. Besonders junge Leute will man mit dieser Offenheit ansprechen. In den christlichen Kirchen werden sie kaum mehr gesehen. Die jüdische Gemeinde Berlins, durch die Shoa weitgehend ausgelöscht, wächst langsam. Nur junge Muslime nehmen immer häufiger am religiösen Leben teil. Für sie und alle anderen Interessierten wird das Freitagsgebet bis auf wenige arabische Verse auf Deutsch gehalten. Keine Selbstverständlichkeit in deutschen Moscheen, wo oft türkisch, arabisch oder bosnisch gepredigt wird. Kritik am Projekt und daran, dass Muslime teilnehmen, verbreiten islamisch-fundamentalistische Hardliner über das Internet.

Crowdfunding im Namen des Herrn

Deutschland Religion Architektur Bet- und Lehrhaus Berlin House of One

Der Architekt Winfried Kühn erläutert seine Pläne vor der Weltpresse

Initiiert und getragen wird das Sakralbauprojekt von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, dem Abraham-Geiger-Kolleg, dem muslimischen Forum für Interkulturellen Dialog und der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri und St. Marien. 43 Millionen Euro wird der Bau kosten und man setzt auf die Mithilfe der Welt. Über eine Internetseite in sieben Sprachen kann jeder für zehn Euro einen Ziegelstein erwerben.

Allein durch dieses Crowdfunding soll das House of One entstehen. "Ich hoffe, dass von der Idee auch etwas auf Jerusalem strahlt", sagt Rabbiner Tovia Ben Chorin. Eine Frage allerdings wird auch im Dialog offen bleiben, darin sind sich alle drei Geistlichen einig: Wer ist der One, der eine Gott? "Einer der Vielfalt geschaffen hat, sonst wäre es ja langweilig", sagt Ben Chorin.

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