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Deutschland

Wulff: Mal wieder im Rampenlicht

Der ehemalige Bundespräsident stellt in Berlin sein Buch vor und eckt gleich wieder an, weil dem Paritätischen Wohlfahrtsverband der Titel missfällt. Dabei passt der durchaus zu Wulffs kurvenreicher Karriere.

"Ganz oben Ganz unten" steht in großen blauen Lettern auf dem Buchdeckel. Als Politiker und Privatperson hat Christian Wulff diese Extreme oft erlebt. Es ist also naheliegend, seine Sicht auf die Umstände seines Rücktritts vom höchsten deutschen Staatsamt und den Folgen sprachlich so auf den Punkt zu bringen. Im C.H. Beck-Verlag, der das Buch im Beisein des Ex-Präsidenten am Dienstag (10.06.2014) in Berlin präsentierte, sieht man das selbstverständlich genauso. Und obwohl vorher niemand ein Besprechungsexemplar in den Händen hatte, sah sich Wulff schon vor dem Erscheinen mit heftigen Kritik konfrontiert.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, echauffierte sich und sprach von einem "peinlichen Fehlgriff", der bestenfalls noch Kopfschütteln auslöse. "Ganz unten" heiße im Fall des Ex-Bundespräsidenten 200.000 Euro Ehrensold pro Jahr bis zum Lebensende, Chauffeur und Büro. "Ein Standard, der für den Normalbürger völlig außerhalb jeder Reichweite liegt", kritisierte Schneider bei "Handelsblatt Online" den seines Erachtens unsensiblen Buchtitel. Menschen, die wirklich "ganz unten" seien, müssten sich "geradezu verhöhnt fühlen". Schneider denkt dabei vor allem an die mehr als sechs Millionen Empfänger von "Hartz IV". So werden in Deutschland staatliche Sozialleistungen bezeichnet.

Typischer Stoff für Filme und Bücher

Irgendwie passte die erste Aufregung zu Wulff. Was auch immer er tut, es findet sich schnell jemand, der ihm die Leviten liest. Auch wenn die betreffende Person - wie im vorliegenden Fall - den Stein des Anstoßes noch gar nicht gelesen haben kann. Nicht lesen konnte, weil das Buch bis zum Presse-Termin streng unter Verschluss blieb. Ob sich die harsche Kritik zusätzlich verkaufsfördernd auswirkt, sei dahingestellt. Nötig wäre es nicht, denn Bücher wie dieses sind automatisch Bestseller.

Die Prominenz des Autors, sein Sturz als Bundespräsident 2012, der gewonnene Korruptionsprozess in diesem Jahr - das ist der Stoff für Filme und eben Bücher. Der Privatsender "Sat 1" hat daraus schon ein Dokudrama ("Der Rücktritt") gebastelt und es im Februar ausgestrahlt. Wulff soll darüber wenig amüsiert gewesen sein.

Der damalige Bundespräsident Christian Wulff und Ehefrau Bettina verlassen nach der Rücktrittserklärung den Saal im Berliner Schloss Bellevue (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Ehepaar Wulff nach Rücktritt (2012): Abschied von Bellevue

Wie alles vielleicht gewesen sein könnte, schildert der Ex-Präsident in seinem nun vorgelegten Buch. Als Kulisse für die Präsentation diente das Haus der Bundespressekonferenz, in dem sonst Regierungssprecher Steffen Seibert dreimal wöchentlich Angela Merkels Politik erläutert.

In den Hauptsaal durfte Wulff zwar nicht. Aber weil der Andrang so groß war, mussten die mobilen Zwischenwände von vier Tagungsräumen entfernt werden. So viele Journalisten auf einen Schlag lassen sich sonst nur blicken, wenn die Kanzlerin persönlich auftaucht.

Weder Memoiren noch Rechtfertigung noch Abrechnung

Mit der Wahl des Ortes bewiesen Wulff und sein Verlag Gespür im Sinne der gewünschten Wahrnehmung. Denn natürlich sollen die persönlichen Betrachtungen des ehemaligen Präsidenten in den Feuilletons Niederschlag finden. Es sei ein politisches Buch "für die politische Kultur in unserem Land. Dabei gehe es auch um den Umgang mit Personen des öffentlichen Lebens. Der Autor betonte, wie er seine auf 256 Seiten niedergeschriebene Bilanz nicht verstanden wissen will: Sie sei "kein Erinnerungsbuch, keine Rechtfertigungsschrift, keine Abrechnung."

Ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff stellt Buch vor Ganz oben Ganz unten (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Buchautor Wulff: "Ganz oben Ganz unten"

Trotzdem kritisierte Wulff die Rolle der Medien, namentlich die des Boulevard-Blattes "Bild". Dem hatte der inzwischen 54-Jährige während seiner Zeit als Politiker lange Zeit gerne exklusive Einblicke in sein Privatleben gewährt. Als die Zeitung dem Präsidenten gefährlich zu werden schien, weil sie unter anderem über vermeintlich finanzielle Ungereimtheiten berichtete, kam es zum offenen Bruch. Offenkundig sieht sich Wulff als Opfer: "Gegen diese Macht der Medien setze ich mich zu Wehr." Er habe aber auch Fehler gemacht, räumte der Christdemokrat ein. Als Beispiel nannte Wulff unter anderem eine Urlaubsreise mit einem befreundeten Unternehmer. Mitunter habe er es an der nötigen Distanz fehlen lassen.

Medien-Meute im Regierungsviertel

Nach 45 Minuten Statement, Fragen und Antworten äußerte Wulff noch einen Wunsch: dass man sein Buch "ergebnisoffen" lesen möge und nicht nur das suche, was man finden wolle. Erste Eindrücke wird der gescheiterte Bundespräsident schon bald in Form von Buch-Besprechungen sammeln können. Gemessen an der Resonanz bei der Vorstellung von "Ganz oben Ganz unten" müssten die Zeitungen in den nächsten Tagen voll davon sein. Rund 250 Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus dem In- und Ausland drängten sich in den engen Räumen des Pressehauses. Und niemand ging früher, denn Rezensionsexemplare wurden erst am Ende der Veranstaltung verteilt.