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Deutschland

Wulff - Ende einer Präsidentschaft

Christian Wulff wollte nie ein politisches "Alphatier" sein. So landete er statt im Kanzleramt im Schloss Bellevue. Er wollte das Amt eigentlich modernisieren, doch die Vergangenheit holte ihn ein.

Als Christian Wulff im Sommer 2010 zum zehnten Bundespräsidenten gewählt wurde, galt er in der Öffentlichkeit als grundsolider, fleißiger und vertrauenswürdiger Politiker. Er hatte die "Ochsentour" durch seine Partei, die CDU, bis zum stellvertretenden Parteivorsitzenden absolviert und als niedersächsischer Ministerpräsident genügend Erfahrung im Politikbetrieb gesammelt. Nach dem Rücktritt des gescheiterten Quereinsteigers Horst Köhler schien er deshalb für Kanzlerin Merkel der geeignete Mann fürs Präsidentenamt.

"Wohlfühl-Wulff" nannte ihn ein Soziologe, der damals 51-Jährige war in der Bevölkerung zeitweise beliebter als Merkel selbst und wurde sogar als möglicher Konkurrent für die kommende Kanzlerschaft gehandelt. Überraschend bekannte er im Sommer 2008 in einem Interview, ihm fehle "der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen".

"Die Zukunft gehört den Sanftmütigen"

Berlin/ Bundespraesident Christian Wulff und seine Frau Bettina (l.) empfangen am Donnerstag (12.01.12) im Schloss Bellevue in Berlin im Rahmen des Neujahrsempfangs Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Wulff hat an seinem Amtssitz im Berliner Schloss Bellevue Vertreter der Politik, des oeffentlichen Lebens und verdiente Buerger empfangen. Dieses Jahr wurde die Veranstaltung von der Kredit- und Medienaffaere um Wulff ueberschattet. Aus Protest gegen eine vom Bundespraesidenten versprochene und nicht eingehaltene Transparenz haben sowohl Transparency International als auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) ihre Teilnahme abgesagt. (zu dapd-Text) Foto: Axel Schmidt/dapd

Präsidentenehepaar mit Kanzlerin

Er beziehe aus Machtpositionen einfach keinen Lustgewinn und traue sich das Amt des Bundeskanzlers nicht zu, sagte Wulff damals. "Ich finde es gut, wenn nicht nur Alphatiere auf der politischen Bühne sind. Die Zukunft gehört den Sanftmütigen, den Friedfertigen. Vielleicht kann man das ja auch mal für die Politik gebrauchen, dass es da mal ein paar gibt, die an die Sache anders herangehen.“

Als Wulff dies sagte, hatte er bereits fünf Jahre als Ministerpräsident von Niedersachsen hinter sich. Regierungschef eines Bundeslandes war mehr, als sich der Aufsteiger aus schwierigen Familienverhältnissen je erträumt hatte. Die Eltern trennten sich, als er zwei Jahre alt war. Später verließ auch der Stiefvater die Familie und Sohn Christian musste seine Freizeit zum großen Teil für die Pflege der schwerkranken Mutter und der kleinen Schwester opfern. Trotzdem schaffte er mit viel Fleiß sein Abitur und das Jurastudium. Er wurde Anwalt. Als Jugendlicher schon schloss er sich der CDU an, sie sei eine Art Familien-Ersatz für ihn gewesen, sagen manche.

Politischer Marathon-Mann

ARCHIV - Christian Wulff, Mitglied des Bundesvorstandes der Jungen Union am 9.3.1981 auf dem CDU-Parteitag in Mannheim. Der jetzige Ministerpräsident von Niedersachsen wurde von der schwarz-gelben Koalition für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Foto: Heinz Wieseler dpa (nur s/w) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Christian Wulff 1981. Damals war er Vorstandsmitglied der Jungen Union

Den Ruf, er sei ein politischer "Marathon-Mann", erwarb er sich, als er zwei Mal vergeblich für das Amt als Ministerpräsident in Hannover kandidierte, und es im dritten Anlauf doch noch schaffte. Sein Einzug ins Berliner Schloss Bellevue als Bundespräsident von "Merkels Gnaden" wurde vom Berliner Politikbetrieb mit Skepsis beäugt. Ein Bundespräsident, der das Amt vor allem einer Parteikarriere verdankte, galt vielen im Vergleich zu Vorgängern wie Theodor Heuss oder Richard von Weizsäcker und auch im Vergleich zu seinem unterlegenen Konkurrenten, dem ostdeutschen Bürgerrechtler und Pfarrer Joachim Gauck, als zu stromlinienförmig und zu wenig charismatisch.

Andererseits versprach man sich frischen Wind durch den damals 51-Jährigen mit seiner jungen, zweiten Frau und den Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen. Eine "Patchwork"- Familie, jubelten die Illustrierten, die das moderne Deutschland verkörpere.

Bettina Wulff macht die bessere Figur

Wulffs Frau Bettina, Medienreferentin eines Unternehmens, brachte neben einem vielfotografierten Tattoo am Oberarm auch einen anderen Lebensstil mit und viele schreiben ihr die Veränderungen an Wulffs Image zu: nicht mehr brav und langweilig, sondern gern auch dem Glamour zugeneigt. "Bettina Wulff macht in Schloss Bellevue eine deutlich bessere Figur", hieß es in einer Zeitung.

Wie sehr sich die beiden Wulffs bereits im heimischen Hannover zu den Reichen und Schönen hingezogen gefühlt hatten und auf welche Beziehungen sich der damalige Ministerpräsident Wulff einließ, vom Privatkredit bis zu Urlaubsreisen auf Einladung von Geschäftsleuten, wurde erst Mitte Dezember 2011 bundesweit bekannt. Da ging die "Bild"-Zeitung mit dem umstrittenen 500.000-Euro-Privatkredit für Wulffs Einfamilienhaus an die Öffentlichkeit. Kurz vor Weihnachten erklärte Wulff dazu, ihm sei klar geworden, wie irritierend die private Finanzierung des Einfamilienhauses in der Öffentlichkeit gewirkt habe: "Das hätte ich vermeiden können und müssen. Ich hätte auch den Privatkredit dem niedersächsischen Landtag damalig offen legen sollen. Das war nicht geradlinig und das tut mir leid.“

Doch danach ging es Schlag auf Schlag, vor allem die Urlaube bei befreundeten Geschäftsleuten und mögliche Gegenleistungen des damaligen Ministerpräsidenten gerieten in die Kritik.

Die Macht des Wortes blieb ungenutzt

Berlin/ Eine Teilnehmerin einer Demonstration gegen Bundespraesident Christian Wulff haelt am Samstag (07.01.12) vor Schloss Bellevue in Berlin einen Zettel mit der mit der Aufschrift Ruecktritt, waehrend hinter ihr ein Schuh in die Hoehe gehalten wird. Foto: Adam Berry/dapd

Proteste vor Schloss Bellevue in Berlin

"Der Rabattkönig" überschrieb das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe einen Beitrag über den Bundespräsidenten. Politisch ist wenig im Gedächtnis der Öffentlichkeit hängen geblieben, obwohl das Wort das wichtigste Machtinstrument eines Bundespräsidenten ist. Nicht nur inhaltlich, sondern auch rhetorisch blieb der jüngste Bundespräsident aller Zeiten blaß. Am meisten wird seine Äußerung zitiert, dass heutzutage neben Christentum und Judentum auch der Islam zu Deutschland gehöre. Aufsehen erregte im Sommer 2011auch seine Kritik am massiven Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank.

Auf die Frage, was ihn eigentlich für das Präsidentenamt geeignet mache, hatte Wulff bei seinem Amtsantritt gern geantwortet, er wolle Menschen zusammenführen. Er sei ein Brückenbauer, kein Polarisierer. Seine Schlussbilanz weist nun eher das Gegenteil aus.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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