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Asien

"Wozu noch Boote und Häuser?"

Einst war der Manchar-See in Pakistan berühmt für seine Vögel und Fische. Doch seit ein Abwasserkanal in das Gewässer führt, haben die Fischer dort kein Auskommen mehr. Die Menschen verlassen ihre Dörfer.

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Geschirrspülen am Manchar-See

Sher Muhammed lässt sein kleines, bunt bemaltes Langboot mit ruhigen Paddelschlägen über das Wasser des Manchar-See gleiten, vorbei an den Fischernetzen am Schilf-Ufer. Im seichten Wasser am Uferrand sind in der Ferne einige Reiher zu sehen. Sie blicken mit langgestreckten Hälsen neugierig herüber. Gäste auf der Durchreise, sagt Sher Muhammed lachend. Die Vögel machen Rast auf ihrem Flug von Sibirien bis nach Afrika. Dann wird die Stimme des Fischers ernst. "Mein Vater, mein Großvater und auch sein Vater. Wir leben hier am See Manchar seit Generationen." Der Manchar sei einmal ein beliebtes Touristenziel gewesen – ein Süßwassersee, berühmt für seine Vögel und Fische.

Verschwinden einer Kultur

Damals habe der See den Fischern ein gutes Auskommen ermöglicht, erzählt Sher Muhammed. Die Fische wurden mit vielen Lastwagen bis in die Großstadt Lahore oder in die Distrikthauptstadt des Punjab, Khanewal, geliefert. Alle hatten Geld und konnten regelmäßig ihre traditionellen Feste feiern. Doch die Zeit ist lange vorbei, erinnert sich auch Muhammad Ali Shah nur noch mit Wehmut. Der Vorsitzende des Fischereiverbandes hat die Zerstörung des Sees und seiner einzigartigen Kulturlandschaft miterlebt. "Früher lebten hier 50.000 Fischer auf schwimmenden Dörfern im See. Es war eine einzigartige Kultur. Wir feierten Hochzeiten und auch Trauerzeremonien auf unseren Booten. Durch die Zerstörung des Sees wurde unsere ganze Kultur ausgelöscht."

Versalzung

Zehntausend Fischer haben die Region verlassen, weil der See durch Abwässer aus der Landwirtschaft verseucht wurde, klagt Muhammad Ali Shah. Der ehemalige Süßwassersee ist inzwischen stark salzhaltig. Zahlreiche Felder in Pakistan werden über ein ausgeklügeltes Kanalsystem bewässert. Auf vielen Plantagen werden in Überflutungsbecken Zuckerrohr und Baumwolle angebaut. Diese Kanäle ermöglichten den Aufstieg Pakistans zu einer Agrarexportnation. Doch der Preis für diese Anbauform ist eine Versalzung der Böden und eine dramatisch zunehmende Umweltzerstörung. Das über Abwasserkanäle von den Feldern in den See Manchar geleitete Salz hat das ökologische Gleichgewicht zerstört und die meisten Fischarten aussterben lassen. "Wir haben kein Trinkwasser mehr" klagt Sher Muhammed. "Außerdem ist der Wasserspiegel von zwei Metern auf vier Meter angestiegen. Wie sollen wir da noch fischen? Wir versuchen uns mit kleinen Geschäften die Zeit zu vertreiben."

Viele Familien setzen inzwischen darauf, in andere Gebiete des Landes zu fliehen. "Wir versuchen immer, eines unserer Kinder fort zu schicken, um Geld für die Familie zu verdienen. Viele können nichts anderes arbeiten. Deshalb gehen sie weit weg, um in anderen Seen zu fischen." Doch nicht überall sind die Auswanderer vom Manchar willkommen. Sie bekämen oft Ärger mit den dortigen 'Feudalherren'. "Wo immer in der Provinz Fischer sind, sind sie vom Manchar-See", fürgt Muhammad Ali Shah, der Vorsitzende des pakistanischen Fischereiverbandes, bitter hinzu. Selbst bis Afghanistan wanderten sie aus. "Die Regierung will, dass wir neue Häuser und Boote bauen. Aber wenn keine Fische im See sind, was sollen wir dann mit Booten und Häusern?"

Vom See ins Meer

Nun hat die Regierung den Fischern vom Manchar-See versprochen, den Abwasserkanal noch 350 Kilometer zu verlängern, bis zur Meeresküste bei Karachi. Von Kläranlagen allerdings ist immer noch keine Rede. "Das ist doch auch keine Lösung", schimpft Muhammad Ali Shah und fügt hilflos hinzu: "Das Gesetz legt doch ganz klar fest: Niemand darf Wasser verseuchen."

Autorin: Jutta Schwengsbier
Redaktion: Mathias Bölinger