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Welt

Worte des Jahres 2015: "Vorbei ist vorbei"

François Hollande hat "Krieg" ausgerufen, Sepp Blatter "tut es leid" und "Charlie Hebdo" hat "alles vergeben". Manche Zitate lassen tief blicken - und die besten resümieren ganze Debatten.

Die obligatorischen Jahresausblicke Anfang 2015 waren kaum aus der Presse verschwunden, als die ersten Attentate die Titelseiten füllten: Zwischen dem 7. und 9. Januar töteten drei Männer im Namen des Islam elf Redaktionsmitglieder des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo", zwei Polizisten sowie vier Geiseln in einem Supermarkt für koschere Lebensmittel. Das Motiv für den Mord an den Karikaturisten war ihre respektlose Darstellung des Propheten Mohammed.

Eine Woche später zeigte das Blatt erneut ein Mohammed-Bild und titelte:

"Alles ist vergeben." (Charlie Hebdo, 14. Januar)

Damit nannten die Ketzer von "Charlie Hebdo" das zutiefst christliche Handlungsmotiv der Vergebung im Zusammenhang mit dem Islam. Die erneute Provokation spiegelt Trotz und Spott gegenüber Gewalt und Religion wider.

Krieg und Terror

Das Zitat der Satiriker ist aber auch der vorweggenommene Gegenentwurf zur Reaktion des französischen Präsidenten François Hollande auf die Terroranschläge elf Monate später:

"Frankreich befindet sich im Krieg." (François Hollande, 16. November)

Das konstatierte Hollande, nachdem mehrere Attentäter am 13. November unter Berufung auf ihre salafistische Ideologie willkürlich 130 Menschen getötet hatten, die im Pariser Nachtleben unterwegs waren. Der unbeliebte Präsident demonstrierte damit

Entschlossenheit und Gewaltbereitschaft

gegenüber dem islamischen Terrorismus. Gleichzeitig rechtfertigt er so den Ausnahmezustand, der in Frankreich seither die Menschenrechte einschränkt. Die implizite Botschaft: Im Krieg muss man Opfer bringen.

Zwei Soldaten mit Sturmgewehren patrouillieren in Paris. (Foto: Copyright: Reuters/Y. Herman)

"Frankreich befindet sich im Krieg": Soldaten patrouillieren in Paris

In Deutschland bedeutete das nach Ansicht des Bundesinnenministers, dass Bürger nicht notwendigerweise alle Informationen bekommen. Thomas de Maizière sagte in einer Pressekonferenz nach der Absage des Fußballländerspiels Deutschland gegen Niederlande über die Hintergründe:

"Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." (Thomas de Maizière, 17. November)

Flüchtlinge und Islamkritik

Um Kriegszustand und Terrorgefahr in Deutschland einzuordnen, sei ein Flüchtling aus Syrien zitiert. Gefragt, ob er nach den Pariser Anschlägen Angst vor Terror in Deutschland habe, antwortete er irritiert:

"Meine Familie ist noch in Damaskus." (Syrer in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft, 16. November)

Ein verwundeter Mann stapft in aufgewirbeltem Staub durch Ruinen (Foto: Picture-alliance/A.A./M. Rashed)

"Meine Familie ist noch in Damaskus": Syriens Hauptstadt nach einem Bombenangriff Mitte des Jahres

Was in Syrien und anderen Kriegsschauplätzen im Nahen Osten vor sich geht, kann wohl niemand aus der Ferne ermessen - laut Donald Trump auch nicht die US-Regierung. Doch nicht jeder leitet daraus die gleiche Forderung ab wie der republikanische Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur 2016:

"Donald J. Trump fordert einen vollständigen und kompletten Einreisestopp für Muslime in die Vereinigten Staaten, bis die Vertreter unseres Landes herausfinden können, was vor sich geht." (Donald Trump, 7. Dezember)

So plump haben sich osteuropäische Politiker auch schon geäußert. Sie zeigen dabei aber auch auf die Europäische Union. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán packte diese Haltung in eine sprachlich zwar redundante, semantisch aber äußerst griffige Formel:

"Das Problem ist nicht ein europäisches Problem, das Problem ist ein deutsches Problem." (Viktor Orbán, 3. September)

Das war

Orbáns Antwort

auf

Angela Merkels Parole

, mit der die Bundeskanzlerin den Schwierigkeiten durch die rasant gewachsenen Flüchtlingszahlen begegnet war:

"Wir schaffen das!" (Angela Merkel, 31. August)

Griechenland und der Euro

Mit einem ähnlichen Vorsatz dürfte Merkel in die Verhandlungen um Griechenlands Zukunft im Euro gegangen sein. Die harte Haltung der Bundesregierung gegenüber der Syriza-Regierung verdeutlicht jedoch ein Satz von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble besser, der ein Ultimatum im badenser Englisch so formulierte:

"Am 28., um 24.00 Uhr, isch over." (Wolfgang Schäuble, 17. Februar)

Griechenlands Finanzminister Varoufakis in Berlin 05.02.2015 (Foto: Reuters/F.Bensch)

"Isch over": Das Verhältnis zwischen Wolfgang Schäuble (l.) und Yanis Varoufakis

Im weiteren Verlauf der Verhandlungen waren Schäuble und sein griechischer Kollege Yanis Varoufakis zu erbitterten Gegenspielern geworden. Varoufakis' unverblümter Art haben Medien bereits eigene Zitat-Sammlungen gewidmet. Eine Äußerung verdeutlicht besonders prägnant, welchen Anteil an Griechenlands Finanzkrise Varoufakis ausländischen Regierungen und Finanzinstituten beimisst:

"Zu jedem verantwortungslosen Kreditnehmer gehört ein verantwortungsloser Kreditgeber." (Yanis Varoufakis, 8. Juni)

Korruption und menschliche Verluste

Und zu jedem Bestochenen gehört einer Bestecher, würde Varoufakis vielleicht mit Blick auf den Skandal beim Weltfußballverband feststellen. Nachdem UEFA-Präsident Michel Platini und FIFA-Boss Josef Blatter von der FIFA-Ethikkommission Ende Dezember

für acht Jahre gesperrt

wurden, hatte Blatter immerhin aufrichtig Bedauern geäußert:

"Es tut mir wirklich leid. Es tut mir leid, dass ich immer noch ein Punchingball bin. Es tut mir leid für den Fußball. Es tut mir leid für die FIFA. Und es tut mir leid für mich." (Josef Blatter, 21. Dezember)

Vielleicht ist er genauso hintergangen worden wie der seit Jahren nicht so genau hinschauende Franz Beckenbauer. Lange bevor der 2013

in Katar keine Sklaven

entdeckt hatte, waren dem einstigen Fußballstar und heutigen Sportfunktionär schon mutmaßliche schwarze Kassen entgangen, die Deutschland die WM 2006 beschert haben sollen:

"Ich habe immer blind unterschrieben, wenn sie meine Unterschrift gebraucht haben." (Franz Beckenbauer, 21. November)

Unbekannter schreibt ins Kondolenzbuch von Helmut Schmidt, dessen Porträt zu sehen ist. (Foto: Getty Images/A. Koerner)

"Wenn es vorbei ist, ist es vorbei": Gedenken an Ex-Kanzler Helmut Schmidt

Noch ist der FIFA-Skandal damit nicht abgehakt. Irgendwann aber wird er nur noch in der kollektiven Erinnerung fortleben.

So wie einige Persönlichkeiten, die 2015 aus dem Leben geschieden sind: der Schriftsteller Günter Grass, sein vielleicht größter Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der Dirigent Kurt Masur und der Politiker Helmut Schmidt. Ein halbes Jahr vor seinem Tod am 10. November hatte der Ex-Kanzler über sein Leben gesagt, was für jeden Menschen gilt:

"Wenn es vorbei ist, ist es vorbei." (Helmut Schmidt, 28. April)

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