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Deutschland

Wollte Außenamt keine Nazi-Akten?

Jahrzehntelang verhandelte das Bundesaußenministerium mit den USA um die Herausgabe der NSDAP-Mitgliedskartei. Recherchen haben jetzt ergeben: Schuld an den Verzögerungen waren die deutschen Diplomaten.

Die deutsche NS-Vergangenheit scheint seit Jahren gut aufgearbeitet zu sein. Etliche Publikationen widmen sich allen Aspekten der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland in der Zeit von 1933 bis zum Kriegsende 1945. Doch in Wirklichkeit gab es lange Zeit große Lücken im Wissen - zum Beispiel war bis 1994 die Frage kaum zu beantworten, wer wirklich Mitglied in der NSADP, der Partei Adolf Hitlers, gewesen ist.

Die Mitgliederkartei der NSDAP wurde seit Kriegsende in Berlin aufbewahrt, und zwar im Document Center der Vereinigten Staaten. Die USA wollten die Akten nicht herausrücken - obwohl die Bundesrepublik sie immer wieder offiziell darum gebeten hatte. Jahrzehntelang waren alle Verhandlungen darüber fruchtlos geblieben. Doch das, so hat jetzt der Journalist und Autor Malte Herwig herausgefunden, lag nicht etwa an der Sturheit der USA. Im Gegenteil: Die Bundesrepublik wollte die brisanten Akten offenbar gar nicht haben.

"Ein Abgrund von staatlicher Verdrängung"

Bei seinen Recherchen ist Herwig auf Dokumente gestoßen, die das eindeutig belegen. Er fand Schriftstücke, in denen sich die US-Gesandtschaft in Berlin darüber "aufregt, dass die Bundesregierung öffentlich die Rückgabe dieser Nazi-Akten fordert, aber auf diplomatischem Wege zu verstehen gibt: Wir fordern das zwar öffentlich, aber bitte erklärt Ihr ebenso öffentlich, dass Ihr die Dateien auf keinen Fall zurückgeben könnt."

Autor Malte Herwig (Foto: imago/Horst Galuschka)

"Datenaustausch bewusst verzögert": Autor Malte Herwig

Hat die Bundesregierung tatsächlich die Rückgabe der Daten bewusst hintertrieben? Der Historiker und Zeitgeschichtler Hans Mommsen hält das für unwahrscheinlich. Der DW sagte er: "Ich würde das Wort hintertreiben nicht gebrauchen. Ich habe das Gefühl, dass die eher bürokratisch gehandelt haben." Das Auswärtige Amt selbst kommentiert die aktuelle Debatte nicht.

Ebendort, im Archiv des Außenministeriums, hatte Autor Malte Herwig Hinweise auf eine Verzögerungstaktik entdeckt. Er war "auf ein Gesprächsvermerk von 1986 gestoßen, in dem sich die Einschätzung findet, dass bis zur Rückgabe noch sechs bis sieben Jahre verstreichen und die Sache dann unproblematisch sein wird." Spätestens hier war Herwig alarmiert: "Das ist, muss man wirklich sagen, ein Abgrund von Verdrängung, von staatlicher Seite aus. Ich hätte das nicht für möglich gehalten."

"Wenn man einmal gelogen hat, bleibt man dabei"

Auf die Vokabel "unproblematisch" stieß Herwig in den Akten des Außenministeriums wiederholt. Welches Problem da gemeint ist, ist für den Autor klar: "Problematisch" seien die Namen westdeutscher Spitzenpolitiker, die auch in den Mitgliederlisten der NSDAP auftauchen. Allen voran "Hans-Dietrich Genscher. Der Leiter eben jenes Ministeriums, das für die Rückgabeverhandlungen zuständig war." Genscher, der von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister war, wollte gegenüber der DW dazu keine Stellung nehmen - aus Zeitgründen, wie er sagte.

Historiker Hans Mommsen (Foto: dpa)

"Die haben eher bürokratisch gehandelt": Historiker Hans Mommsen

Dennoch hält Historiker Mommsen die Aufregung über die Entdeckungen Herwigs für einen "Sturm im Wasserglas". Denn "die Leute, die für diese Materialien zuständig waren und die ich persönlich noch kenne, waren sicherlich keine Leute, die das Amt vor dem Schatten des Nationalsozialismus decken wollten."

Eine Einschätzung, die Malte Herwig nicht teilt. Er stellt sich eine andere Frage: Warum haben so viele Menschen - und unter ihnen eben auch viele Spitzenpolitiker - ihre Parteimitgliedschaft verschwiegen? Es wäre doch möglich gewesen zu sagen: Ich war jung und habe mich geirrt, aber ich habe den Irrtum später eingesehen. Hans-Dietrich Genscher etwa war bei Kriegsende gerade einmal 18 Jahre alt.

Malte Herwig hat dazu auch Altkanzler Helmut Schmidt interviewt, an dessen Kabinettstischen mehrere ehemalige NSDAP-Mitglieder gesessen hatten: "Ich habe Herrn Schmidt gefragt: Warum können diese Leute denn auch heute noch nicht sagen, dass sie als Siebzehnjährige in die NSDAP gegangen sind. Und Schmidt sagte mir: 'Tell a lie and stick to it.' Wenn man einmal gelogen hat, dann bleibt man dabei."

Der Fluch des Schwarzweißdenkens

Herwig sieht zudem in unserer Gesellschaft eine Tendenz zu einem Schwarzweißdenken, das keine Grauschattierungen kennt: "NSDAP- oder SS-Mitgliedschaft hat heutzutage so eine Signalwirkung. Das ist ein etabliertes Stigma."

Auch die Medien, die in ihrer Berichterstattung zu oft einfache und verkürzte Darstellungen bevorzugen, würden schwierige Sachverhalte immer seltener differenziert betrachten. Dabei könne man, so Herwig, aus der Kenntnis der NSDAP-Mitgliederkartei wichtige Schlüsse ziehen. Wenn man nämlich jenseits vorschneller Urteile sähe, wer in der Partei war, und vor allem, wie er oder sie sich danach verhalten habe. Dabei könne man "lernen, wie man in so was rein-, und wie man wieder rauskommt".

Licht und Schatten bei der Vergangenheitsbewältigung

Das Hin und Her bei der Herausgabe der Akten des US-Document Centers erstaunt auch deshalb, weil das Auswärtige Amt vor acht Jahren seine Vergangenheit von unabhängigen Experten untersuchen ließ und den Eindruck erweckte, es ginge offen mit seiner Geschichte um. 2005 hatte der damalige Außenminister Joschka Fischer eine unabhängige Historikerkommission eingesetzt, um die Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Die Kommission hatte die Ergebnisse ihrer Arbeit unter dem Titel: "Das Amt und die Vergangenheit" 2010 Fischers Nachfolger Guido Westerwelle übergeben.

Diese Studie sehen sowohl der Historiker Hans Mommsen als auch der Journalist Malte Herwig durchaus kritisch. Für Mommsen ist sie nicht sehr aussagekräftig. Sie sei "in mancher Hinsicht beliebig, weil sie doch nur bestimmte Aspekte untersucht hat". Für Herwig war schon die Einsetzung der Kommission ein zweifelhafter Akt. Seiner Beobachtung nach musste vor acht Jahren noch "das Außenamt zum Jagen getragen werden. Die Studie der Historikerkommission kam nur auf äußeren Druck zustande."

Anzeichen für eine neue Offenheit

Seine eigene Arbeit, so Herwig, sei aber nicht behindert worden. Im Gegenteil: "Bei meinen Recherchen im Archiv wurde ich unterstützt. Mir wurden alle Dokumente vorgelegt, darunter auch eingestufte Akten." Das sind Geheimdokumente, die für Herwig "deklassifiziert" worden waren, das heißt, ihre Geheimhaltung wurde aufgehoben.

Obwohl er in den deutschen und US-amerikanischen Archiven wenig Schmeichelhaftes über das Amt entdeckt hat, ist Herwig daher von der grundsätzlichen Aufrichtigkeit des Ministeriums überzeugt: "Ich glaube, das AA ist bereit zur Aufklärung." Aus den Akten selbst, aber auch aus der Verweigerungshaltung der verschiedenen Bundesregierungen bis 1994, ließe sich schließlich etwas lernen. Dazu aber sei es unbedingt nötig, so Herwig im Gespräch mit der DW, dass man "öffentlich sagt: Ja so war das. Man muss vor allem versuchen, nicht mehr darum herum zu reden."

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