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Asien

"Wollen Sie wirklich wählen gehen?"

Am 12. Juni wählt der Iran einen neuen Präsidenten. Während der Westen schon auf einen Reformer und bessere Beziehungen hofft, interessiert viele Iraner die Wahl so gut wie gar nicht.

Anhäger des Präsidentschaftskandidaten Hossein Mousavi in Teheran (Foto: AP)

Engagierte Wahlkämpfer - im Iran derzeit eher die Ausnahme

Für den Zeitungsverkäufer unweit der Teheraner Universität ist es ein normaler Frühlingsnachmittag. Passanten bleiben vor seinem Zeitungsstand stehen. Schauen sich das auf dem Boden ausgebreitete Angebot an, studieren die Schlagzeilen. Manchmal beugen sie sich vor und blättern rasch eine Zeitung durch. Der Zeitungsverkäufer berät engagiert eine ältere Frau. Sie sucht ein Filmmagazin. Fragt man den Verkäufer aber nach aktuellen Informationen zur Präsidentschaftswahl, antwortet er lustlos: "Keine Ahnung! Woher sollte ich wissen, was man in welcher Zeitung über die Wahlen schreibt!" Er lese solche Zeitungen einfach nicht, sagt der Verkäufer. "Wir haben schon genug Probleme, mit denen wir uns herumschlagen müssen. Wer denkt da schon an die Wahl."

Symbolbild Iran Wahl (Grafik: DW)

Viele Iraner wollen ihr Kreuzchen am 12. Juni gar nicht machen.

Er klagt über die schlechte wirtschaftliche Lage und sortiert die auf dem Boden ausgebreiteten Zeitungen. Für den kleinen Mann ändert sich durch die Wahlen ohnehin nichts, meint er. In seinem Angebot findet man nur wenige Zeitungen, die politische Themen aufgreifen. Dafür gibt es mehr als genug Magazine zur Unterhaltung: Sport, asiatische Kochkunst, Kino, Theater, Medien – diese Interessen werden bedient. Die ältere Frau hat endlich ein Filmmagazin ausgewählt. Sie zückt ihre Geldbörse, bezahlt und mischt sich in die Unterhaltung ein: "Wollen Sie wirklich wählen? Mit diese blöden Kandidaten? Wer hat da überhaupt Lust, wählen zu gehen?"

Kandidatenliste? Fehlanzeige

Noch weiß niemand, welche Kandidaten überhaupt zur Wahl antreten dürfen. Das letzte Wort über die Kandidatenauswahl hat der sogenannte Wächterrat. Bei der letzten Wahl wurde die Kandidatenliste erst vier Wochen vor dem Urnengang bekannt gegeben. Auch von Wahlprogrammen war bis jetzt nichts zu hören. Dafür aber ist Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad überall präsent.

Vor vier Jahren war er ein unbekanntes Gesicht, das völlig überraschend die Wahl gewann. Zum Teil auch damals schon wegen der Gleichgültigkeit vieler Wähler. Eine junge Studentin in einem Cafe nahe der Universität erinnert sich. Als damals die Wahl in die zweite Runde ging, zwischen Ahmadinedschad und Rafsandschani, hat ihr Vater sie gezwungen, zur Wahl zu gehen. "Er meinte, das sei unsere Pflicht. Seinetwegen haben wir Rafsandschani gewählt. Diesmal ist es anders. Ich verstehe jetzt mehr von der Gesellschaft, meine Sichtweise hat sich geändert: Ich gehe auf jeden Fall zur Wahl!"

Werbeplattform für Ahmadinedschad

Irans Präsident Mahmoud Ahmadinedschad im April auf der Anti-Rassismus-Konferenz (Foto: AP)

Zurzeit auf allen Kanälen: Präsident Ahmadinedschad

Die Studentin wendet sich zu ihren Freundinnen. Vier andere junge Frauen sitzen mit am Tisch. Die wollen sich aber zur Wahl nicht äußern. Eine murmelt: was macht es schon für einen Unterschied? Ein Satz, den man in diesen Tagen im Iran immer wieder hört.

Die staatlichen Medien, Fernsehen und Radio haben sich in eine Werbeplattform für den amtierenden Präsidenten verwandelt. Sie berichten permanent über Ahmadinedschad. Über seine Pläne zur Erhöhung der Löhne. Über seine Reisen im Land. Man sieht Bilder von Ahmadinedschad bei armen Menschen in Dörfern oder Kleinstädten. Man sieht jubelnde Massen. Es ist aber nicht klar, ob sie ihn bejubeln oder die Wohltaten, die er unter ihnen verteilt: Mal sind es Decken, mal ein warmes Essen, manchmal auch nur Kartoffeln.

Das Atomprogramm kommt an

Ahmadinedschads Hartnäckigkeit im Fall des Atomprogramms hat allerdings so manchen Iraner tief beeindruckt. Zum Beispiel einen Stoffhändler im Teheraner Norden: Angesprochen auf die Wahlen, holt er zu einem begeisterten Vortrag über Ahmadinedschad aus. Natürlich wähle er ihn, er empfehle das auch seiner ganzen Familie. "Wissen Sie, wie viel er in den letzten vier Jahren für uns getan hat? Unser Atomprogramm ist nur wegen seines Engagements so weit gekommen. Wie lange wollen wir denn noch abhängig vom Öl bleiben? Wir brauchen die Kernenergie, das ist unsere Zukunft."

In seinem Geschäft findet man feine schwarze Stoffe, die für den Tschador, den traditionellen Schleier, verwendet werden. Die Stoffe werden aus Japan und China importiert. Dass Irans Wirtschaft so sehr am Boden liegt, dass solche Stoffe nicht mehr im Land selbst produziert werden können, will der Geschäftmann nicht diskutieren. Sein junger Mitarbeiter verzieht den Mund zu einem zynischen Lächeln. Zur Wahl will er sich lieber nicht äußern.

Autor: Shabnam Nourian

Redaktion: Manfred Götzke

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