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Reise

Wolfszähne und Plapperwasser - Ostern bei den Sorben

Von wegen verstaubt: Bei den Sorben sind Osterbräuche auch heute noch sehr beliebt. Schon Grundschüler wetteifern um das schönste Osterei. Und halten so die alten Traditionen lebendig.

Lisa Bartsch beim Ostereier verzieren im Sorbischen Kulturzentrum Schleife (Foto: DW/Vera Kern)

"Eine geborene Eiermalerin": Lisa Bartsch

Ein Vormittag in der Lausitz. Lisa Bartsch rutscht ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her. Statt im Klassenzimmer sitzt sie heute mit ihren Mitschülern an gelbgeblümten Wachstischdecken. Es riecht nach Paraffin und abgebrannten Streichhölzern. Die Zehnjährige hört den Anweisungen kaum zu: "Haare zusammen. Schals weg. Passt mit der Kerze auf!" Lisa krallt sich schon mal den Federkiel. Dann, endlich, geht es los. Sie taucht die Spitze der Gänsefeder in das heiße Wachs und tupft, Punkt um Punkt, Blümchen auf ihr hart gekochtes Ei. Dieses Jahr will sie den Wettbewerb um das schönste sorbische Osterei gewinnen. Unbedingt.

Birgitt Marusch vom Sorbischen Kulturzentrum Schleife leitet die Ostereier-Workshops (Foto: DW/Vera Kern)

Zuständig fürs Farbbad: Kursleiterin Birgitt Marusch

Im Sorbischen Kulturzentrum in Schleife können Besucher das traditionelle Verzieren von Ostereiern in Kursen erlernen. Schleife liegt in der Lausitz. Wie in Teilen Sachsens und Brandenburgs leben dort viele Sorben, Deutschlands einzige slawische Minderheit. Heute pinselt und tupft im alten Backsteinbau des Zentrums jedoch keine Reisegruppe, sondern die Klasse 4a der Sorbischen Grundschule. Erklären muss Kursleiterin Birgitt Marusch nicht mehr viel. Wie man mit der Wachstechnik die komplizierten Muster auf die Eier kriegt, wissen die Kinder schon. Denn das Eierverzieren nach sorbischer Tradition kennen sie von zu Hause. Bei den Sorben bemalt die ganze Familie an Karfreitag zusammen Ostereier.

Wolfszähne, Sonnenstrahlen und Bienenwaben

Auch Lisa kennt das Eierbemalen von zu Hause. Etliche Wachspunkte zieren ihr Ei. Zeit für das erste Farbbad: maisgelb. "Du bist einfach zum Eiermalen geboren", sagt Mitschülerin Selina Wierik, die sich einen Stuhl weiter an einem Ei versucht: "Meins sieht Mist aus, oder?" Selina pustet sich eine Locke aus dem Gesicht: "Deins ist so hübsch!" Da muss Lisa grinsen. Aber zum Rumalbern hat sie jetzt keine Zeit. Die nächste Schicht Wachs muss drauf, diesmal Dreiecke, sogenannte Wolfszähne - die sollen vor dem Bösen schützen. Sonnenstrahlen stehen für Wachstum, Bienenwaben für Fleiß und Erfolg. Jede Verzierung hat eine bestimmte Bedeutung.

Das Verzieren sorbischer Ostereier Schritt für Schritt (Foto: DW/Vera Kern)

Vom Hühnerei zum Osterei: ein aufwändiger Prozess

Kinder bekommen von ihren Patenonkeln und Patentanten traditionell drei verzierte Ostereier geschenkt. "Die Drei ist ein Symbol der Dreifaltigkeit: Gottvater, Sohn und Heiliger Geist", erklärt Birgitt Marusch. Oder ein Symbol für die Familie: Vater, Mutter und Kind. Schon im 17. Jahrhundert gab es den Brauch des Eierschenkens. Zum Patengeschenk gehören zudem noch eine geflochtene Ostersemmel und Pfefferkuchen - und etwas Geld.

Noch mehr Osterbräuche: Vom Osterreiten bis zum Walaien

Osterreiten in Wittichenau am Ostersonntag (Foto: Andreas Franke)

Festliche Prozession: Osterreiter in der Oberlausitz

Die Ostereier sind ein wichtiger Brauch - aber nicht der einzige. Je nach Konfession und Region pflegen Sorben noch andere Traditionen. Bei den katholischen Sorben in der Oberlausitz rund um Bautzen findet am Ostersonntag das Osterreiten statt: Festlich gekleidet mit Gehrock, Zylinder und Krawatte ziehen die Osterreiter auf aufwändig geschmückten Pferden durch Ortschaften und Felder. Dabei verkünden sie die frohe Botschaft der Auferstehung Christi. Mitmachen dürfen traditionell nur Männer. Diesen Brauch gibt es bei den evangelischen Sorben nicht mehr. In der protestantischen Niederlausitz verkünden Frauen die Osterbotschaft. Beim Ostersingen ziehen sie mit ihren Liedern durch die Dörfer.

Doch nicht immer ist der religiöse Bezug heute noch so offensichtlich. Zum Beispiel beim Eierrollen, einem sorbischen Osterspiel. Hier werden bunt gemusterte Eier eine schiefe Ebene hinuntergekullert. Gewonnen hat, wer ein anderes Ei trifft. Ursprünglich war dies ein Fruchtbarkeitsritual. Doch heute geht es dabei vor allem um den Spaß. Andere Bräuche hingegen werden immer seltener. So wie das Osterwasser holen: Im Morgengrauen des Ostersonntags gingen junge Mädchen an den Fluss, um Wasser zu holen. Dabei durften sie kein Wort sprechen - sonst hätte das Wasser seine Heilkraft verloren. Und wäre einfach nur "Plapperwasser" gewesen.

"Es macht einfach Spaß"

Ostereier zum Verkauf im Sorbischen Kulturzentrum Schleife (Foto: DW/Vera Kern)

Zu kaufen: Ostereier im Sorbischen Kulturzentrum

Neben der Ostereier-Werkstatt bietet das Sorbische Kulturzentrum auch Hintergründe zu den verschiedenen Brauchtümern. In der Osterzeit informiert eine Ausstellung über die weltweite Bedeutung von verzierten Eiern. Trachtenpuppen zeigen, wie man sich in der Schleifer Region kleidet. Und im Souvenirshop kann das Trachtenwissen gleich getestet werden: mit einem Trachten-Quartettspiel.

"Schaut mal", sagt Lisa am Ende des Workshops und zieht ein Ei mit filigranen blau-weißen Ornamenten aus dem Weidenkörbchen auf der Ladentheke. Es stammt von ihrem Großvater, der in der Region als versierter Eierkünstler bekannt ist. Vielleicht liegen eines Tages ihre eigenen Ostereier hier zum Verkauf aus - ein preisverdächtig schönes Ei in pink und gelb hat Lisa zumindest am Ende des Vormittags abgegeben. Ob sie damit einen Preis gewinnt, ist ihr jetzt fast schon egal: "Es macht einfach Spaß."