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Kultur

Wolfgang Schneider: "Deutschland muss auswärtige Kulturpolitik stärken"

Zum ersten Mal findet in Deutschland der Kulturpolitische Weltkongress statt. Gastgeber Wolfgang Schneider spricht im DW-Interview über Chancen und Grenzen deutscher Kulturpolitik.

Deutsche Welle: Bis Sonntag (14.09.2014) tagt zunächst in Hildesheim, dann in Berlin erstmals der Kulturpolitische Weltkongress in Deutschland. Gibt es über den Begriff der Kulturpolitik überhaupt einen Konsens?

Wolfgang Schneider: Wir verständigen uns natürlich auf Gegenstände, haben Methoden, die wir gemeinsam anwenden. Aber natürlich ist das immer bezogen auf die Infrastruktur, auf die Rahmenbedingungen in den unterschiedlichen Gesellschaften. Wenn man anfängt, Kultur zu definieren, gibt es den engen und den weiten Kulturbegriff - und ganz viel dazwischen: Bezieht sich Kultur nur auf die Künstler oder sind tatsächlich alle Lebensformen gemeint, die von Menschen gemacht sind? Politik ist auch immer wieder genau zu definieren.

Wie definieren wir in Deutschland Kulturpolitik?

Bei uns gibt es eine Tradition, die in den 1970er- und 80er-Jahren geprägt wurde: Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik und gehört daher zum Selbstverständnis der Gesellschaft. Es geht darum, wie eine Gesellschaft leben möchte. Kulturpolitik ist weit mehr als nur Kulturförderung, obwohl sie gelegentlich darauf reduziert wird.

Sie selbst blicken in einem Ihrer Vorträge auf den bundesdeutschen Aspekt und fragen: Was lernen wir aus Konflikten, was entwickelt sich danach kulturell? Dabei blicken Sie auch zurück auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Kann die Welt etwas von der kulturpolitischen Entwicklung in Deutschland lernen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Grundlegendes passiert: Es ging nun nicht mehr um eine Staatskultur, sondern um einen Kulturstaat. Das Grundgesetz garantierte nun, dass die Kunst frei ist und die Künstler den Freiraum von der Gesellschaft bekommen, weiterzudenken. Das führte letztlich auch dazu, dass Kultur öffentlich gefördert wird, heute mit immerhin rund zehn Milliarden Euro. Das ist immer noch pro Kopf weniger, als beispielsweise Österreich für die Kultur ausgibt. Aber es ist ein deutliches Zeichen dafür, wie groß das Interesse der Gesellschaft ist, da sie Steuermittel zur Verfügung stellt. Die Kollegen aus den 60 Ländern, die hier vertreten sind, sind natürlich besonders daran interessiert, etwas über die Infrastruktur der Kulturlandschaft in Deutschland zu erfahren.

Sehen Sie auch Entwicklungen in die falsche Richtung?

Wolfgang Schneider mit Kulturschaffenden

Wolfgang Schneider mit Kulturschaffenden

Wir sehen an zwei Stellen problematische Entwicklungen: Einerseits geht es um die Vorstellung, Kulturförderung sei in Zeiten von Finanzkrisen und Schuldenbremsen eine freiwillige Aufgabe. Das ist keineswegs so. Der Staat ist natürlich verpflichtet, ganz bestimmte soziale Bedingungen herzustellen, aber es gehört eben auch dazu, die kulturellen Lebensbedingungen im Blick zu behalten. Die zweite Baustelle ist die, dass wir uns ein System erlauben, das sehr ausdifferenziert ist, mit wunderbaren Angeboten, die aber nur von einem geringen Anteil der Bevölkerung wahrgenommen werden. Es ist nicht gelungen - obwohl man politisch inzwischen zunehmend versucht, sich als Zuwanderungsland aufzustellen - durchgängig eine Begegnung der Kulturen zu organisieren. Da sind wir noch urdeutsch - und nicht multiethnisch wie diese Gesellschaft.

Deutschland ist ein Zuwanderungsland, zurzeit auch immer mehr für Menschen aus der arabischen Welt. Welche Rolle spielt Kulturpolitik dort?

Es gibt einen großen Hunger nach Kunst und Kultur. Ein Interesse, sich auf der Basis einer Tradition, aber eben auch zeitgenössisch zu verorten, ein Interesse, die Freiheit wirklich auszunutzen. Das sieht man auch in Deutschland immer wieder: In Krisenzeiten ist einem die Kultur ganz wichtig. In Friedenszeiten kann es sein, dass man im Stadttheater einschläft.

Sie sprechen von einem Interesse an Kunst und Kultur, einem Interesse, das in vielen Ländern nicht zugelassen wird, zum Beispiel in der Türkei, einem Land, das Europa sehr nahe ist.

Ich war vor zwei Jahren mehr oder weniger zufällig während der Gezi-Proteste selbst in Istanbul, als die Fans der drei großen Fußball-Clubs der Stadt zusammentrafen. Die Fans, die sich sonst bekämpfen, haben hier gemeinsam demonstriert - und im Mittelpunkt standen Künstler! Es wurde getanzt, es gab Graffitis und Videos, die auf YouTube veröffentlicht wurden. Es ist tatsächlich kulturell etwas entstanden, eine ästhetische Kommunikation über einen Konflikt. Jetzt beim Weltkongress werden Kollegen von der Bilgi Universität Istanbul ihre Ergebnisse vorstellen, die über die Gezi-Proteste geforscht haben und über die kulturpolitischen Konsequenzen nachgedacht haben.

Ein weiterer aktueller Konfliktherd ist der zwischen Europa und Russland. Es ist bereits von der Wiederkehr des Kalten Krieges die Rede. Welche Rolle kann da die Kultur spielen?

Wenn es bereits soweit ist, ist es immer schwierig zu sagen, das soll jetzt die Kunst richten. Zur Zeit des Bosnienkriegs ist in der Außenpolitik ein Konzept aufgetaucht, das sagt: Wir müssen die Menschenrechte stärker in unserem Kunst- und Kulturaustausch in den Mittelpunkt stellen. Dazu bräuchte es einen langen Atem. Man müsste die Kulturpolitik als dritte Säule der auswärtigen Politik - neben der Diplomatie und der Außenwirtschaftspolitik - stärken. Es darf nicht mehr so sein, dass das Goethe-Institut über Sprachkurse die Einnahmen generieren muss, die nicht aus dem Auswärtigen Amt kommen. Da darf es ein bisschen mehr sein. Weil wir eben auch eine Kulturinnenpolitik haben, die durchaus kritisch und aufmerksam international vernetzt ist. Das stärker in den Fokus zu nehmen, könnte eine Konsequenz der aktuellen Krise zwischen Europa und Russland sein.

Wolfgang Schneider ist Deutschlands erster und bisher einziger ordentlicher Universitätsprofessor für Kulturpolitik. Er lehrt und forscht am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Die UNESCO hat die Arbeit von Wolfgang Schneider 2012 mit einem UNESCO-Lehrstuhl "Cultural Policy for the Arts in Development" (Kulturpolitik für die Künste innerhalb gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse) ausgezeichnet. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Kulturpolitik, Kulturförderung, kulturelle Bildung, kommunale Kulturpolitik, auswärtige Kulturpolitik, Theaterpolitik und Soziokulturpolitik.

Das Interview führte Michael Borgers.

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