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Europa

Wolff: "Griechenland wird nicht über Nacht zu Schweden"

Der Brüsseler Wirtschaftswissenschaftler Guntram Wolff sieht Griechenland auf einem richtigen Weg. Einen "großen Knall" schließt er aber auch nicht aus.

DW: Herr Wolff, die griechische Regierung verspricht in ihrer Reformliste zum Beispiel, etwas gegen Steuervermeidung und Korruption zu tun. Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Guntram Wolff: Natürlich ist das selbstverständlich, aber es ist gut, dass die neue Regierung das betont. Die Steuerflucht ist ein großes Problem. Ein großes Problem ist auch, dass die Steuerbelastung in Griechenland von der Mittelklasse getragen wurde und nicht von den starken Schultern. Insofern ist das ein richtiger Ansatz. Die Frage ist natürlich: Wieviel kann man erreichen? Die vorherige Regierung hat das hin und wieder mal halbherzig versucht, ist aber immer wieder gescheitert, zum Teil, weil der Druck der "starken Schultern", also der Wohlhabenden, zu mächtig war, aber auch, weil die frühere Regierung selbst von den Oligarchen mitfinanziert wurde. Das ist bei der neuen Regierung etwas anders, die eine breite Unterstützung hat, dieses Thema anzugehen. Es ist außerdem ein linkes Thema. Es ist aber auch wichtig, dass man hier auf europäischer Ebene zusammenarbeitet. Steuerflucht ist ja nicht nur ein griechisches Problem, sondern ein europäisches Problem.

Das heißt, die übrigen Europäer könnten der Regierung in Athen helfen, Auslandsgelder reicher Griechen aufzuspüren und zu besteuern?

Ja, ich denke, das müsste ein Teil des Pakets sein. Teilweise sind die Konten zwar auch in der Schweiz. Aber auch da könnte man als EU natürlich ganz anders gegenüber der Schweiz auftreten als Griechenland.

Griechenland steht jetzt schon seit Jahren unter Hilfsprogrammen, und dazu prüfen die Geldgeber, was das Land an Auflagen erfüllt. Aber bis heute gibt es zum Beispiel keine Katasterämter, wo zum Beispiel Grundstücksbesitz eingetragen wird. Warum haben die Gläubiger nicht längst darauf gepocht?

Guntram Wolff Foto: DW/M. Fiedler

Wolff: "Kein Vergleich zu Irland."

Ich glaube, sie haben schon darauf gepocht. Aber man muss sich klarmachen: Ein Land von außen zu reformieren ist eine Sisyphusarbeit. Und letztlich hängt es davon ab, was die Regierungen in Griechenland machen wollen. Und da hat Griechenland alle politischen Energien in den letzten Jahren darauf verwendet, das Defizit in den Griff zu bekommen. In dieser Hinsicht haben sie tatsächlich viel erreicht. Und da war dann einfach die politische Kraft und der politische Wille nicht mehr da, alle anderen Dinge auch noch zu lösen. Wir müssen realistisch sein: Man wird nicht über Nacht aus Griechenland ein Schweden machen.

Ist Griechenland ein Sonderfall? Irland, Portugal, Spanien und andere haben sich saniert oder sind dabei, es zu tun. Warum tut sich Griechenland so schwer?

Man kann Irland und Griechenland nicht vergleichen. Irland ist eine moderne Volkswirtschaft, die gute Arbeitsmärkte, gut ausgebildete Leute hat, die ein hochattraktiver Standort für internationale Unternehmen ist. Eigentlich ist Irland in Schwierigkeiten geraten aufgrund einer Immobilienblase und nicht wegen struktureller ökonomischer Schwächen. Und als das Problem der Immobilienblase beseitigt war, ist Irland auch wieder auf einen Wachstumspfad zurückgekehrt. Griechenland hat dagegen langfristige Probleme mit den öffentlichen Finanzen, sie haben immer zu hohe Defizite gehabt und haben gleichzeitig eine strukturell sehr schwache Wirtschaft. Da hat man natürlich schon Probleme, das alles zu regeln.

Was ist Ihre Prognose, wird man sich am Ende auf einen Kompromiss einigen und dann ist die Krise zuende?

Ich glaube nicht, dass man diese Krise so einfach beenden kann. Es wird immer wieder knirschen. Der Schuldenberg ist sehr hoch. Die Griechen werden sich immer wieder eine Erleichterung der Schuldenlast erhoffen. Und die Strukturreformen sind ein langfristiges Programm. Insofern glaube ich, dass uns das Thema noch mehrere Jahre beschäftigen wird. Es kann aber auch zu einem großen Knall kommen. Das kann man schwer vorhersagen. Insgesamt scheint es mir richtig, erst einmal weiterzumachen, dem Land begrenzt zu helfen, gleichzeitig die Reformen zu begleiten und Griechenland eine Chance zu geben. Denn sonst wird es sehr schlimm für Griechenland, und auch Europa hätte einige Verluste, wenn's knallt.

Guntram Wolff ist Direktor der vor allem wirtschaftswissenschaftlich orientierten Brüsseler Denkfabrik Bruegel-Institut.

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