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Kultur

Wole Soyinka: "Ehe man über Literatur spricht, sollte man sein Gewehr ölen"

In Zeiten von Boko Haram kann es wichtiger sein, über Waffen zu sprechen als über Literatur, sagt Nigerias Literaturnobelpreisträger in Berlin und erklärt, wie sich Bürger gegen den Terror wehren sollten.

Wole Soyinka: Afrikas bekanntester Autor und Dramatiker

Wole Soyinka: Afrikas bekanntester Autor und Dramatiker

Boko Haram konnte Nigeria nur so weit mit seinem Terror überziehen, weil es die damalige Regierung versäumt habe, rechtzeitig aktiv zu werden, erinnert Wole Soyinka in einem Gespräch beim Internationalen Literaturfestival Berlin. "Sie haben die Bedrohung nicht ernst genommen. Deshalb war Nigeria komplett unvorbereitet. Und ehe man sich versah, war Boko Haram schon weit im Süden." Und er erkennt eine noch größere Bedrohung: "Diese Terroristen haben mehr vor, als nur Nigeria einzunehmen. Sie wollen die Welt erobern, das ist ihr Plan."

Ein Hoffnungsschimmer: die neue Präsidentschaft

Auch die unter der letzten Regierung weit verbreitete Korruption habe dazu geführt, dass die nigerianischen Soldaten den bestens bewaffneten Terroristen nichts entgegen zu setzen hatten. Das könnte sich mit dem neuen, erst seit drei Monaten amtierenden Präsidenten ändern. Subsahara-Afrikas erster und bisher einziger Literaturnobelpreisträger setzt eine schwache Hoffnung in Präsident Muhammad Buhari: "Nicht nur, weil er selbst ein Ex-General ist, sondern weil er mehr Gewissen hat als sein Vorgänger. Tatsächlich ist er selber bei einem Mordversuch gerade noch so davon gekommen. Boko Haram hatte es auf ihn abgesehen. Deshalb ist er von sich aus für den Kampf gegen den Terror motiviert. In der kurzen Zeit, die er jetzt im Amt ist, hat die Armee einen besseren Kampfgeist bewiesen. Sie wurde mit ernst zu nehmenden Waffen ausgerüstet, und die Moral scheint insgesamt besser geworden zu sein. Insgesamt ist den Nigerianern jetzt bewusst, dass sich der Terror nicht nur in irgendeiner entlegenen Ecke unseres Landes austobt, sondern dass sich die Bedrohung gegen uns alle richtet."

"Das Gewehr sollte entmystifiziert werden!"

Eine Möglichkeit, mit Boko Haram zu verhandeln, sieht Wole Soyinka nicht. "Diese Leute verachten alle, die versuchen, vernünftig zu argumentieren. Bei ihnen funktionieren normale Ansätze nicht. Ihr Glaube ist gleichbedeutend mit Unterwerfung. Sie kennen nichts anderes." Die Grausamkeit der Terroristen habe sich noch gesteigert und eine neue Dimension erreicht, indem eine Terrorgruppe mit der anderen darum wetteifert, immer noch brutaler und schockierender zu agieren. "Ihr Feind ist die gesamte Menschheit. Tag für Tag überfallen sie Dörfer und Kleinstädte; sie töten und entführen Menschen, ohne erst danach zu fragen, ob ihre Opfer Moslems oder Christen sind oder sonst einer wie auch immer gearteten Religion angehören. Da ist dann der Zeitpunkt erreicht, an dem man besser sein Gewehr ölt, als über Literatur zu sprechen."

Die Bürger sollten in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, davon ist Nigerias bekanntester Schriftsteller überzeugt. "Das Gewehr sollte entmystifiziert werden! Wir brauchen Bürgerwehren, zusätzlich zur staatlichen Armee."

"Bürger müssen an der Waffe geschult werden"

Der Aufstieg Boko Harams zu beträchtlicher militärischer Macht sollte nicht allein in Nigeria, sondern auch in Ländern wie Mali, Tschad und Kamerun dazu führen, dass die Menschen Schulungen zur Selbstverteidigung erhalten. "Wir brauchen eine Art Parallelarmee", findet Soyinka. " Die Bürger sollten ein regelrechtes militärisches Training erhalten. Wenn man einer gesichtslosen, grausamen Armee gegenübersteht – und genau das sind Boko Haram, Ansar al-Dine, Al Shabaab und all die anderen Terrorgruppen, die agieren wie eine Armee, denken wie eine Armee und nur ein einziges Ziel haben – dann steht man an vorderster Front. Und an der Front solltest du in der Lage sein, dich zu verteidigen. Die Bürger müssen an der Waffe geschult werden."

Soyinka denkt dabei an zentrale Waffenarsenale, denn unkontrolliert in den eigenen Häusern sollten die Menschen ihre Waffen nicht lagern. Wenn man mit ungewöhnlichen, geradezu abnormen Umständen konfrontiert sei, müsse es eine zivile Selbstverteidigungsarmee geben. Das sei in Zeiten, in denen ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht würden, eine praktische Notwendigkeit, argumentiert der Autor und führt als Beispiel Israels Zivilschutz an.

Die Rolle des Islam

Und welche Rolle spielt der Islam in diesem Krieg? "Der Islam war immer eine Religion, die sich aus sich selbst heraus erneuert hat. Diese legitime Selbsterneuerung verlief friedlich. Aber traditionelle Religionen wurden auch schon immer von extremistischen Aktionen attackiert." Soyinka bringt den Aufschwung des Fundamentalismus mit dem Sturz des Kommunismus und der ideologischen Leerstelle, die er hinterließ, in Verbindung. "Die Natur erträgt kein Vakuum", schließt Soyinka, "und deshalb ist selbst auf dem afrikanischen Kontinent, wo die Menschen eigentlich nach alternativen Lebensformen und Produktionsweisen suchen, ein extremer religiöser Fanatismus an die Stelle des abgewirtschafteten Kommunismus getreten. Religion ist nichts als das andere Gesicht einer ent-säkularisierten Ideologie. Der Marxismus war für viele Menschen auch nur eine Religion – gepflegt mit derselben Leidenschaft, derselben eindimensionalen Perspektive auf die Gesellschaft und demselben Fanatismus."

Soyinka hat in seinen eigenen Schriften stets die Rechte des Individuums verteidigt, gegenüber Ansprüchen kommunistischer wie auch kapitalistischer Ideologien. Seine Einstellung hat sich nicht geändert: "Ich wünsche beiden Lagern die Pest an den Hals, aus dem einzigen Grund, dass bei ihnen der Humanismus an allerletzter Stelle steht. Mir ist es egal, ob eine Ideologie religiös oder säkular daherkommt. In erster Linie muss es um die Menschlichkeit gehen."

Eine neue Definition des Menschseins

Auf die zentrale Frage, woher die enorme Grausamkeit, mit der zum Beispiel Müttern ihre Kinder entrissen und getötet werden, kommt, weiß auch Wole Soyinka keine Antwort. "Es beschäftigt mich, ich grüble darüber nach. Aber es ist sehr schwierig, über das Böse zu sprechen. Es bringt einen in Verlegenheit." Er folgert daraus, dass neu definiert werden müsse, was einen Menschen ausmacht. "Das sollte nicht durch Religion, Geschlecht, Hautfarbe oder Beruf definiert werden. Wir müssen uns am Verhalten eines Menschen orientierten." Soyinkas Forderung ist radikal: Man müsse eine gemeinsame Grundlinie des menschlichen Verhaltens definieren, eine Art Grenze des Menschseins. "Bei Personen, die zu solch ungeheuerlichen Taten fähig sind, sollten wir sagen: Das ist kein Mensch. Wir müssen uns, auch wenn es schwer fällt, in den geistigen Zustand versetzen, dass wir erkennen, dass wir diese Wesen nicht als Menschen behandeln können. Aus praktischen Gründen sollten wir einen Kodex erarbeiten, nach dessen Maßgaben wir sagen können: Das ist kein Mensch, und es ist mir egal, was mit diesem Ding passiert." Was weiter daraus folgen könnte, möchte er nicht entscheiden.

Nigerianische Flüchtlinge in Europa

Soyinka weiß, was es bedeutet, aus seinem Land vertrieben zu sein. Er selber hat nach seinem Protest gegen die Militärdiktatur viele Jahre seines Lebens im Exil verbracht und konnte erst 1999 in sein Heimatland zurückkehren. Fraglos hofft er, dass die nigerianischen Flüchtlinge möglichst bald aus Europa in ein stabileres Nigeria heimkehren können. Bis dahin aber sieht er die Zufluchtsländer in der Pflicht: "Solange Menschen Zuflucht suchen, stehen die aufnehmenden Länder in der Verantwortung. Das ist es, was Menschlichkeit bedeutet: dass man denen, die aus diesem oder jenem Grund nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen, hilft. Da gibt es nichts anderes."

Was kann die Literatur?

"Nigeria ist eine in jeglicher Hinsicht exzessive Nation", konstatiert der Autor, das sei selbst in Hinblick auf die Literatur so. Dabei hat er die große Zahl junger nigerianischer Autorinnen und Autoren im Sinn, die auf bestem Weg zu weltweitem Ruhm sind. "Es gibt bei uns enorm viel schriftstellerisches Talent, vor allem bei unseren jungen Autorinnen."

Und was kann die Literatur dazu beitragen, dass sich die Lage in Nigeria verbessert? Als Autor, der, seitdem er 1986 den Nobelpreis erhielt, oft im Rampenlicht steht, versteht er sein literarisches Schaffen als einen Hebel, ein Werkzeug, mit dem er sein Land verändern will. "Literatur kann Bewusstsein schaffen. Mit den Mitteln der Literatur kann man auch einer Regierung bewusster machen, dass sie ihren Bürgern gegenüber verantwortlich ist und dass es ihre Aufgabe ist, die Spaltung zwischen Arm und Reich zu überwinden."

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