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Bildung

Wohnzimmertheater im Problembezirk

Im Projekt "2-3 Straßen" konnten rund 80 Menschen in drei Straßen in Dortmund, Mülheim und Duisburg ein Jahr mietfrei wohnen. Bedingung: Sie sollten die Problemviertel durch Kunstaktionen positiv verändern.

Projekt '2-3 Straßen': Lydia Albers beim Public Writing Day im Museum am Ostwall (Foto: Sola Hülsewig)

Lydia Albers im Dortmunder Museum am Ostwall

Lydia Albers sitzt auf einer Bank im Museum am Ostwall in Dortmund, sie trägt hellroten Lippenstift zu Rock und schwarzem Oberteil. Hinter ihr haben sich einige Menschen um Computer gruppiert. Die Besucher haben die Möglichkeit, online an einem Buch mitzuwirken, das alles dokumentiert, was zu dem Projekt "2-3 Straßen" gehört - einem Projekt innerhalb des Kulturhauptstadtjahres 2010 im Ruhrgebiet. Lydia Albers und die anderen Teilnehmer des "2-3 Straßen"-Projekts haben das "Buch" bereits ein Jahr lang mit Texten gefüllt. Mit kleinen Ausnahmen soll alles, was geschrieben steht, auch veröffentlicht werden.

Es sind viele Gespräche im Gang. Teilnehmer unterhalten sich über das vergangene Jahr und Besucher fragen neugierig nach: Wie das so sei, in einem Problemviertel zu wohnen. Was das für Projekte seien. "Und ob wir regelmäßig schreiben. Das sind beliebte Fragen", sagt Lydia Albers.

Theater im Wohnzimmer

Projekt '2-3 Straßen': Der Borsigplatz in der Dortmunder Nordstadt gilt als Problembezirk (Foto: Sola Hülsewig)

Der Borsigplatz in Dortmund gilt als sozialer Brennpunkt

Das Buch hat inzwischen 3000 Seiten und es werden immer mehr. Es ist Teil des Projekts, das der deutsche Künstler Jochen Gerz initiiert hat. Neue Mieter auf Zeit sollten durch kleinere Kunstaktionen versuchen, die Menschen aus den Wohnungen zu locken und zusammen zu bringen. Neben Lydia Albers gehört auch Ralf Orendi dazu, der soziale Arbeit studiert. Im Rahmen der "2-3 Straßen" haben die beiden ein Jahr mietfrei am Borsigplatz in der Dortmunder Nordstadt gelebt, einem so genannten Brennpunktviertel.

"Wir wollten damit nicht auf einer Bühne auftreten, sondern in verschiedenen Wohnzimmern", erzählt der Student von dem Projekt, welches er in diesem Jahr realisiert hat: ein Wohnzimmertheater. Das Ensemble bestand zu etwa zwei Dritteln aus Projektteilnehmern und zu einem Drittel aus alt eingesessenen Mietern.

Die Realität im Schauspiel

Die verschiedenen kurzen Stücke hatte die Gruppe selbst geschrieben. Es ging um einen Einbruch, Couchsurfing oder eine Wohnungsbesichtigung, wobei Teile immer improvisiert wurden. Am Ende kam es nur zu drei Aufführungen, die aber gut ankamen, sagt Ralf Orendi. Allerdings sei es schwer gewesen, Mitspieler zu finden und nur wenige wollten ihre Wohnungen für die Aufführungen bereitstellen. "Aber selbst da, wo es nicht geklappt hat, gab es einen Austausch", sagt Orendi. Immerhin haben die Nachbarn nachgefragt, wie das Stück laufe und ob alles selbst geschrieben sei. "So ist man dann auch ins Gespräch gekommen", erzählt der Student.

Positive Veränderungen im Kleinen

Projekt '2-3 Straßen': Diplom-Ingenieurin der Raumplanung Lydia Albers und Student der sozialen Arbeit Ralf Orendi in Lydia Albers Dortmunder Wohnung am Borsigplatz (Foto: Sola Hülsewig)

Mieter auf Zeit: Lydia Albers und Ralf Orendi

Die neuen Mieter haben das Gebiet um den Borsigplatz belebt. Eine Anwohnerin erzählte Ralf Orendi, sie habe 2010 weniger Sorgen gehabt, ihren Sohn alleine im Hof spielen zu lassen. Seien es nun Hoffeste oder eine Fahrradwerkstatt für Kinder - plötzlich seien ständig Leute da gewesen, die sie kannte. Mit einigen Nachbarn war reger Austausch möglich, andere ließen ihre Türen lieber geschlossen, erzählt Lydia Albers.

Veränderungen im Viertel hätten vor allem im Kleinen stattgefunden, glaubt die junge Frau, dort wo Nachbarn plötzlich miteinander gesprochen hätten. Dort sei zwischenmenschlich etwas passiert. Bezogen auf die Erwartungen zum Jahresanfang sei das Ergebnis des Projekts jedoch bescheiden ausgefallen.

2011 geht es weiter

Der Medienrummel um das Projekt war vor allem zu Beginn groß. Manchmal wurde da der Anschein erweckt, das Kunstprojekt würde die Problemviertel über das Jahr hinweg komplett umkrempeln. Ein etwas unrealistischer Wunsch, findet Lydia Albers. Trotzdem sind die Teilnehmer vom Erfolg ihrer Arbeit überzeugt und wollen mehr Zeit, um noch mehr Projekte umsetzen zu können. In Duisburg und Dortmund haben einige Mieter nun die Möglichkeit, ein weiteres Jahr zu bleiben. Ralf Orendi ist einer von ihnen. Er will sein Wohnungstheater weiterführen und hat eine neue Idee für 2011: Er möchte Nachbarn zusammenbringen, um Gesellschaftsspiele zu spielen.

Autorin: Sola Hülsewig
Redaktion: Gaby Reucher

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