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Kultur

Wohnen wie zu Bruno Tauts Zeiten

Wer sich für die Architektur der 1920er Jahre interessiert und im Urlaub gerne einmal ganz besonders wohnen möchte, der wird dieses ganz besondere Ferienhaus lieben.

Kess reckt sich das Häuschen in die Sonne. Selbstbewusst scheint es zu sein. Denn es tanzt förmlich aus der Reihe und ist, anders als seine rostroten Nachbarn, strahlend weiß gestrichen. Seine himmelblauen Fenster- und Türrahmen künden von Frohsinn, eine vorgelagerte Terrasse lädt zum Verweilen ein. Und zum Träumen. Gut muss es sich hier schon damals gelebt haben, als das Haus noch ganz neu, und die Siedlung, in der es steht, außerordentlich modern war. Damals, in den sogenannten Zwischenkriegsjahren, also von 1919 bis Anfang der 1930er Jahre, wurde auf den rasanten Bevölkerungswachstum Berlins nämlich nicht mehr nur mit dem Bau immer neuer düsterer Mietskasernen reagiert, sondern mit wirklich menschenfreundlichen Gesamtkonzepten. Unter anderem nach den Plänen des Architekten Bruno Taut.

Schöner Wohnen

Die Weimarer Verfassung hatte den Wohnungsbau als öffentliche Aufgabe im Gesetz festgeschrieben und garantierte jedem Deutschen eine gesunde Wohnung. Und den Absichtserklärungen folgten Taten: Reformbauordnungen wurden verabschiedet, gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften gegründet und die Avantgarde aus Kunst und Architektur für den sozialen Wohnungsbau auf breiter Basis gewonnen. Diese Visionäre haben mit Gartenbauarchitekten zusammen gearbeitet und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ebenso bedacht wie die Versorgung mit Geschäften und Schulen. Zwischen 1924 und 1931 entstanden allein in Berlin über 140.000 neue Wohnungen, in Siedlungen, von denen die UNESCO im Jahr 2008 sechs zum Weltkulturerbe erklärt hat.

Foto: Ben Buschfeld

Arbeitsplatz im Schlafraum

Eine ist die Hufeisensiedlung im Süden Berlins, die1925 bis 1930 nach Entwürfen des Stadtplaners und Architekten Bruno Taut errichtet wurde. Längst gilt sie als ein Schlüsselwerk des reformorientierten städtischen Wohnungsbaus und überrascht noch heute mit ihrer Vielfalt unterschiedlicher Reihenhäuser und Wohnblocks, mit farbenfrohen Fassaden, ungewöhnlichen Fensterschnitten, mit einer durchdachten Raumaufteilung und Vorgärten, in denen Heckenrosen wachsen und Obstbäume.
Ein ungewöhnlicher Fund

Die Landschaftsarchitektin Katrin Lesser und der Designer Ben Buschfeld wohnen seit 15 Jahren in einem feinfühlig renovierten Reihenhaus, beide gehören zu den Initiatoren des gemeinnützigen Vereins der "Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz". 2010 haben sie in ihrer Nachbarschaft eher zufällig einen richtigen Schatz entdeckt – ein kleines, kantiges Reiheneckhaus, das zwar heruntergekommen war, aber noch über die nahezu komplette Originalausstattung verfügte. Und es stand zum Verkauf. Die beiden haben nicht lange gezögert, sondern zugegriffen und das markante Gebäude in anderthalb Jahren denkmalgerecht saniert und mit viel Liebe zum Detail als Ferienhaus möbliert. "Tautes Heim’“ haben sie es genannt - in Anspielung auf die Redewendung "trautes Heim" als dem Inbegriff schlechthin für ein behagliches Zuhause.

Tautes Heim

Man drückt die alte Klinke der Haustür, tritt ein und staunt: Alles stimmt hier, vom Bodenbelag bis zu Lampen, Tellern und den farbenfrohen Wänden. Für Architekt Taut waren sie einst ein "Zeichen des neuen Glücks". Nun - nach restauratorischen Befunden wieder hergestellt - geben sie jedem Raum eine ganz eigene, einzigartige Atmosphäre. Die Küche in verschiedenen Grau-, Weiß- und Gelbtönen lädt zum Frühstück mit Morgensonne ein und überrascht mit moderner Technik hinter klassischen Fronten.

Foto: Ben Buschfeld

Tautes Heim, Küche

Der satt grün gestrichene Wohnraum strahlt mit Sofa, Esstisch und Kachelofen heimelige Behaglichkeit aus. Einen Fernseher wird man hier vergeblich suchen, aber Bücher gibt es, eine Handbibliothek zur Architektur der Moderne. Ins Obergeschoss gelangt man über eine steile, geschwungene Treppe. Dass sie in einem Taut-Haus steht, beweisen nicht zuletzt die typischen farblich abgesetzten Geländerstäbe. Geschlafen wird im Bauhaus-Bett im blauen Zimmer, ein zweites Bett steht in der gelben Kammer nebenan. Aus allen Fenstern fällt der Blick auf Hecken und Baumwipfel, auch das pfiffige schwarz-weiße Duschbad wird vom Tageslicht erleuchtet.

Herzlich willkommen!

Zeittypisches Mobiliar, Bilder und Geschirr haben Katrin Lesser und Ben Buschfeld auf Flohmärkten und im Internet gefunden. Und immer wieder hatten sie Glück mit den Handwerkern. Aus Süddeutschland ist einer angereist, der sich noch darauf versteht, Steinholzböden zu gießen, ein anderer erwies sich als Spezialist für historische Herde. Alle zusammen haben sie ein überaus liebenswertes baukulturelles Kleinod geschaffen. Hier möchte man wohnen und den Geist einer vergangenen Zeit studieren!

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Birgit Görtz

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