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Kultur

Wohnen auf weiblich - in Kreuzberg lebt die Tradition der Beginen wieder auf

Im Mittelalter lebten Frauen in Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften zusammen, die sich Beginen nannten. Seit ein paar Jahren lebt eine ähnliche Bewegung in Deutschland auf, zum Beispiel in Berlin-Kreuzberg.

Zwei Rentnerinnen sich sonnend auf einer Parkbank (AP Photo/Matthias Rietschel)

Ins Altersheim oder lieber in den Kreuzberger Beginenhof?

Eine geschwungene Front mit bunten Fenstern. Modern und hell sieht der Beginenhof aus, in dem 53 Frauen wohnen. Im Gemeinschaftraum im Erdgeschoss trifft sich gerade eine Arbeitsgruppe. Durch die Glasscheiben, die bis zum Boden reichen, sieht man ein paar ältere Frauen, die auf einer knallroten Couchgarnitur darüber sprechen, ob der Baum im Hof nun gefällt werden soll. Eine davon ist Jutta Kämper. Die 75-Jährige ist die Initiatorin des Projektes. "Ich habe mit Freundinnen vor einigen Jahren die historischen Beginenhöfe in den Niederlanden besucht. Das hat uns beeindruckt und begeistert", sagt die Frau mit dem grauen Pagenschnitt. Die Idee war geboren. "Wir wollten einfach nicht mehr alleine leben und hatten so ein historisches Vorbild gefunden."

Sechs Seniorinnen um einen Tisch sitzend

Arbeitsgruppe im Gemeinschaftsraum

Dennoch dauerte es sieben Jahre, bis das Haus in Berlin endlich stand. Denn es war schwer, einen Bauträger zu finden und auch die Finanzierung des Hauses war nicht leicht. Deshalb hat sich jede Frau ihre Wohnung im Haus selbst gekauft. Aber was sind die Gemeinsamkeiten zu der damaligen Beginenbewegung? Eine ursprünglich religiöse Frauenbewegung, die jenseits von Ehe und Klöstern lebte und sich von Flandern, den Niederlanden, aus in ganz Europa ausbreitete. "Wir sind heute nicht mehr religiös", sagt Jutta Kämper. "Aber was uns mit den Beginen verbindet, ist die Gemeinschaft. Denn jede Frau ist wegen der Gemeinschaft hier eingezogen."

Gemeinschaft mit gemeinsamen Pflichten

Zusammenleben birgt natürlich auch gemeinsame Pflichten: In Arbeitsgruppen kümmern sich die Frauen um Haus und Garten. Während die einen auf der Wiese im Innenhof die auf den Boden gefallenen Blätter zusammenrechen, kehren andere das feuchte Laub in Schubkarren. Zwischendrin streunt der Hauskater zwischen ihnen umher.

Zwei Rentnerinnen im Garten Laub zusammentragend

Hier packt jede mit an - Gartenarbeit im Beginenhof in Berlin Kreuzberg

Im dritten Stock des Hauses sitzt Bettina Kraft gerade an ihrem Computer. Sie ist mit 31 Jahren die Jüngste im Haus. Da sie als Lehrerin arbeitet, hat sie wenig Zeit, sich an den gemeinsamen Aktivitäten zu beteiligen. "Hier ist immer so viel los, ob Qi Gong, Theater oder Tanzabende, aber das ist gar nicht so meins", erläutert sie. Für sie sei vor allem der Kontakt mit den Frauen auf meinem Flur wichtig. Denn durch einen offenen Laubengang sind jeweils vier Wohnungen auf einem Stock miteinander verbunden. "Man kümmert sich umeinander. Wenn es einer schlecht geht, dann steht vor der Tür ein Saft mit einem Gruß dran. Das bedeutet mir sehr viel." Bettina Kraft hatte vom WG-Leben genug, wollte aber auch nicht in einen anonymen Wohnblock ziehen. Deshalb war der Beginenhof genau das richtige für sie. Auch wenn ihr Freund zunächst Vorbehalte hatte, als sie ihm davon erzählte. "Der wollte natürlich nicht komisch angeschaut werden, wenn er hier ist", sagt sie. "Klar, das sind Vorurteile, die die Menschen haben. Aber er hat auch ganz schnell bemerkt, dass das hier ein nettes Miteinander ist."

Aktiv und kreatives Wohnen

Marliese Obsommer

Marliese Obsommer

Soziologinnen, Theaterwissenschaftlerinnen, Ärztinnen – die Frauen hier haben unterschiedliche Biographien hinter sich. Und jede bringt ihr Wissen ein: die Computerexpertin hat ein Intranet aufgebaut, die Literaturwissenschaftlerin organisiert Lesungen im Haus. Für Marliese Obsommer, die in einer hellen Wohnung im vierten Stock wohnt, macht die besondere Atmosphäre das spezielle Wohngefühl im Haus aus. "Wenn nur Frauen miteinander leben, ist das einfach anders. Zu Frauen habe ich sofort einen Draht, bei Männern ist das immer oberflächlicher", sagt die 67-Jährige. Sie ist extra von Frankfurt nach Berlin gezogen, um im Beginen-Projekt wohnen zu können. Das Leben hier sieht sie als eine gute Alternative zum Altenheim. "Natürlich ist das eine viel bessere Art, um alt zu werden und zu sterben." Wie das jedoch aussehen wird, wenn einzelne Frauen viel Pflege bedürfen, weiß auch sie nicht. Aber sie seien gerade dabei zu regeln, so Marliese Obsommer, wie eine gesundheitlich nicht mehr so fitte Frau möglichst lange im Haus bleiben könne.

Weil das Miteinander so gut funktioniert und weil auch immer mehr Anfragen von Frauen kommen, die hier wohnen wollen, ist sogar ein zweites Projekt in Berlin in Planung. Im Bezirk Friedrichshain soll bis 2010 der zweite Beginenhof der Stadt entstehen.

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