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Deutschland

Wohlstand ist mehr als Wachstum

Ständiges Wirtschaftswachstum galt lange als das Zeichen für Wohlstand. Für die Zufriedenheit der Bürger sind aber ganz andere Dinge entscheidend. Jetzt wollen deutsche Abgeordnete den tatsächlichen Wohlstand messen.

Deutschland hat im Jahr 2011 rund 2570 Milliarden Euro erwirtschaftet. Wieder einmal mehr als in den vorhergehenden Jahren. Festgehalten wurde diese Summe vom Statistischen Bundesamt nach Meldungen von Unternehmen, Industrie- und Handelskammern und Wirtschaftsverbänden. Was aber sagt die nackte Zahl über die Zufriedenheit der Deutschen aus, fragten sich Abgeordnete im Deutschen Bundestag bereits im Dezember vor zwei Jahren. Über den Grad des tatsächlichen Wohlstands sollte intensiv nachgedacht werden. Den Ausschlag dazu gaben Stimmungsbilder führender Meinungsforschungsinstitute in Deutschland. Sie zitierten immer wieder Bürger mit den Worten "Die da oben wissen doch gar nicht mehr, was unsere Sorgen und Nöte sind."

Die Finanzkrise und das Auseinanderdriften von Reichen und Armen in der Gesellschaft legten zusätzlich nahe, dass offenbar etwas im System nicht mehr stimmt. Ist Wachstum um jeden Preis eine Garantie für künftigen Wohlstand? Seit 2011 gehen 34 Abgeordnete, Frauen und Männer aller Parteien im Auftrag des Bundestags dieser Frage nach. Den Vorsitz über diese Arbeitsgruppe teilen sich Daniela Kolbe (SPD) und Matthias Zimmer (CDU). Im Interview mit der Deutschen Welle bestätigt Kolbe, dass sich über alle Parteigrenzen hinweg sämtliche Politiker darin einig sind, dass Wachstum alleine nichts über den wahren Wohlstand einer Gesellschaft aussagt. Ein neuer Katalog zur Messung von Wohlstand wird erarbeitet.

Die Leipziger Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe (SPD) (Foto: Arno Burgi dpa/lsn)

Daniela Kolbe (SPD) leitet die Kommission zur Wachstumsmessung

Modell Bruttonationalglück?

Das buddhistische Königreich Bhutan definiert das Glück seiner Bürger als Maßstab von Wohlstand. Es erhebt das sogenannte Bruttonationalglück. Das Recht auf Glück gilt als oberstes Staatsziel. Soweit wird es in Deutschland vielleicht nicht kommen, räumt Daniela Kolbe ein, aber man wolle sich von Ländern wie Ecuador, Bolivien und Großbritannien einiges abschauen. Die britische Regierung zum Beispiel lasse über eine "Happiness-Umfrage" in der Bevölkerung herausfinden, was die Menschen "reich und zufrieden" macht.

Auch die Abgeordneten in der parlamentarischen Arbeitsgruppe in Deutschland blicken auf Erkenntnisse von Bürgerbefragungen. Nach dem "sozio-ökonomischen Panel", einer Datenanalyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zählen Deutsche folgende Dinge zum Wohlstand: Zugang zu guter Gesundheit, soziale Kontakte über Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, kostenfreie und lebenslange Bildung sowie qualitativ gute Arbeit. Dabei soll das Leben umweltfreundlich und so nachhaltig gestaltet sein, dass auch die nachfolgenden Generationen noch Chancen auf Wohlstand haben. "Wenn man die ökologischen Aspekte betrachtet, dann merkt man, dass manches, was man für Wohlstand hält, einen hohen Preis hat", sagt Kolbe. Den Preis dafür würden im Augenblick aber nicht die Deutschen, sondern Menschen an anderen Stellen des Globus zahlen oder Menschen, die noch gar nicht geboren sind, beschreibt die Vorsitzende der Bundestagsarbeitsgruppe, Daniela Kolbe, die Situation aus der politische Maßnahmen formuliert werden sollen.

Grafik: Bundesadler schnallt sich den Gürtel enger

Gürtel enger schnallen oder Wohlstand gefährden?

Die deutschen Wohlstandspläne

Wenn Wohlstand für die Deutschen also nicht bedeutet, das größte und teuerste Auto zu fahren, den dritten Urlaub im Jahr zu erleben oder ständig höherer Gehälter zu bekommen, dann könnte die Politik das Leben in Zukunft anders gestalten. Die Mitglieder der "Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität", wie die Arbeitsgruppe im deutschen Parlament offiziell heißt, haben sich schon auf erste konkrete Ziele geeinigt. Das Wirtschaftssystem, vor allem Lohnarbeit, soll sich mehr an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten. Dazu zähle, dass Arbeit auf der einen Seite mehr Wertschätzung und Schutz erfahren muss, aber im Leben nicht mehr eine so zentrale Rolle spielen darf wie bisher. "Wir werden das Hamsterrad nicht abschaffen können, aber es muss möglich sein, dass es Phasen gibt, in denen man weniger arbeitet, um sich weiterzubilden oder Kinder und pflegebedürftige Eltern zu versorgen", sagt die 32-jährige SPD-Politikerin, die gleichzeitig auch Vorsitzende der Kommission ist.

Finanzexzesse auf Kosten der Bevölkerung sollen auf jeden Fall vermieden werden. "Es gibt den Konsens, dass im Bereich der Finanzmärkte stärkere Regulierungen stattfinden müssen", so Daniela Kolbe. Banken sollen zum Beispiel noch stärkere Eigenkapitalquoten aufbauen. Welche Rolle künftig die Wachstumsorientierung der Wirtschaft spielen soll, sei in der Kommission aber noch umstritten.

"Wohlstand" erhalten

Dazu zähle auch die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Für den Erhalt des Wohlstands soll Konsumverzicht gefördert werden. Über das "Wie?" werde noch gestritten, berichtet Daniela Kolbe. Sie will sich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass eine einkommensgerechtere Gesellschaft entsteht. Dies könne über eine stärkere Umverteilung, über ein strengeres Steuersystem oder über gestärkte Tarifparteien geschehen.

Die Arbeit habe jedenfalls gezeigt, dass eine vermeintlich reiche Industrienation wie Deutschland nur noch über einen knapp gewordenen Wohlstand verfügt. "Man stößt an allen Ecken und Enden an unbequeme Fragen", erzählt Daniela Kolbe. Wenn man Sparsamkeit fordere, dann stelle sich sofort die Frage, wie sich bei einer Beschränkung des Konsums das wirtschaftliche Wachstum und die Anzahl der Arbeitsplätze weiter entwickeln.

Daniela Kolbe überlegt: "Möglicherweise muss man das ganze Gerüst infrage stellen." Auf jeden Fall will sich die junge Abgeordnete von der Größe der Aufgabe nicht einschüchtern lassen. Die Ergebnisse der "Wohlstandsmessung" sollen im Mai 2013 vorgelegt und im Bundestag diskutiert werden.

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