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Aktuell Deutschland

Wohlleben weist im NSU-Prozess jede Mitverantwortung zurück

Nach Beate Zschäpe hat nun auch einer der anderen Angeklagten im NSU-Prozess, Ralf Wohlleben, ausgesagt. Er will von den Morden nichts gewusst haben und bestreitet insbesondere, die Tatwaffen besorgt zu haben.

Der mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Ralf Wohlleben (Archivbild oben) hat bestritten, die Mordwaffe für den "Nationalsozialistischen Untergrund" beschafft zu haben. Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht brach der 40-Jährige sein Schweigen und wies den Vorwurf der Beihilfe zum Mord zurück. Stattdessen beschuldigte er vor allem Carsten S., seinen Mitangeklagten.

Von den zehn Morden und zwei Bombenanschlägen, die dem NSU angelastet werden, will Wohlleben "wie alle anderen" erst nach dem Auffliegen der Terrorgruppe im November 2011 erfahren haben. "Ich bedauere jede Gewalttat", sagte er und fügte hinzu: "Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl."

Anders als Zschäpe

Mit seiner Aussage am 251. Verhandlungstag wechselte Wohlleben - wie zuvor schon die Hauptangeklagte Beate Zschäpe - seine mehrjährige Strategie des Schweigens. Und: Im Gegensatz zu ihr trug er seine Aussage selbst vor. Zschäpe, die als Mittäterin an den Morden und Anschlägen angeklagt ist, hatte ihren Anwalt am Mittwoch vergangener Woche eine Aussage verlesen lassen. Darin bestritt sie jede Beteiligung an den Verbrechen des NSU und schob die Schuld allein ihren Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu, die sich 2011 den Ermittlungen zufolge selbst töteten.

NSU-Prozess: Zschäpe mit Verteidigern Grasel (rechts) und Borchert

Am Tag ihrer vielbeachteten Aussage: Beate Zschäpe mit ihren Verteidigern

Wohlleben wird Beihilfe zum Mord in neun Fällen vorgeworfen - weil er die Waffe beschafft haben soll, mit der neun Migranten erschossen wurden. Er sitzt wie Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft. Wohlleben räumte allerdings ein, dass er von seinem damaligen Freund Böhnhardt in einem persönlichen Gespräch um die Beschaffung einer Waffe gebeten worden sei. "Hier äußerte er den Wunsch, dass ich mich nach einer scharfen Pistole für ihn umhören solle", berichtete der Angeklagte. "Er sagte, ich sollte darauf achten, dass es ein deutsches Fabrikat ist." Böhnhardt habe damals auch gesagt, er wolle nicht in Haft gehen, sondern sich eher selbst erschießen.

Er habe aber keine Waffe besorgen und so am Suizid von Böhnhardt schuld sein wollen, erklärte Wohlleben weiter. Schließlich habe eben Carsten S. - ein anderer der insgesamt fünf Angeklagten im NSU-Prozess - von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen. Wohlleben bestritt auch, in die Bezahlung der Waffe involviert gewesen zu sein. Er habe Carsten S. - der die Pistole schlussendlich besorgte - kein Geld gegeben. Diese Behauptung, die S. in seiner Aussage zu Prozessbeginn erhoben hatte, weise er zurück.

Plakat mit Opfern des NSU

Erinnerung an die Todesopfer des NSU-Terrors

Von der Gewaltbereitschaft von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt will Wohlleben nichts gewusst haben. Das Verhalten der beiden habe früher keinen Anlass gegeben zu vermuten, dass sie dann schwere Straftaten begehen würden, argumentierte er. Wohlleben räumte aber ein, nach dem Untertauchen des NSU-Trios Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Es sei zu mehreren Telefonaten und persönlichen Treffen gekommen. Er habe die drei allerdings nur unterstützt, weil er über Jahre mit ihnen befreundet gewesen sei. "Ich hätte es besser nicht getan." Es sei für ihn unvorstellbar, dass Mundlos und Böhnhardt zu diesen Taten in der Lage gewesen seien. Er könne es kaum glauben.

Wohlleben ging in seiner Aussage auch auf das Vorgehen der Behörden ein. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat die Untergetauchten nicht aufgespürt habe. Schon mit Blick auf die ersten Jahre nach dem Verschwinden der drei 1998 sagte er, hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Tino Brandt möglich gewesen. Brandt war damals gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Video ansehen 03:36

Lehren aus den Fahndungspannen – Gespräch mit Clemens Binninger, ehemaliges Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses

Wohlleben selbst war einst NPD-Mitglied - und nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft eine "steuernde Zentralfigur" der gesamten Unterstützerszene der mutmaßlichen NSU-Terroristen. Doch auch diesen Vorwurf wies er zurück: Die Behauptung beruhe auf Spekulationen. Er habe nichts gegen Ausländer gehabt - sondern gegen die Politik, die den Zuzug von Ausländern fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gewonnen, dass es Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr lebten. Das habe er nicht für Jena gewollt, so Wohlleben weiter.

Von den fünf Angeklagten im NSU-Prozess hatten zwei schon zu Beginn ausgesagt: Carsten S. und Holger G. Nachdem nach mehr als zweieinhalb Jahren nun auch Zschäpe und Wohlleben ausgesagt haben, schweigt nur noch einer der Angeklagten: der mutmaßliche Terrorhelfer André E.

ml/wl (dpa,rtr,afp)

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