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Deutschland

Wohin mit Leipzigs Asylbewerbern?

Asylbewerber in Leipzig sollen nicht mehr in maroden Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, sondern in kleineren Wohneinheiten im ganzen Stadtgebiet. Nicht alle sind damit einverstanden.

Seit mehr als zwei Monaten ist Leipzigs Sozialbürgermeister Thomas Fabian in der Stadt unterwegs. Er will die Bürger für sein neues Konzept zur Unterbringung von Asylbewerbern gewinnen. Diesmal ist er zu Gast beim Stadtbezirksbeirat Südost, wo 115 Asylbewerber in einem Haus in der Riebeckstraße eingemietet werden sollen. Es soll der größte neue Standort werden - und er kam erst auf die Agenda, nachdem sich Anwohner in einem anderen Stadtteil erfolgreich gegen ein ähnliches Heim gewehrt hatten. Und auch hier gibt es Zweifel, nachdem Fabian das Konzept vorgestellt hat. "Welche Mutter mit einem Kleinkind kommt dann nachts noch freiwillig in meine Notaufnahmeklinik?", fragt eine Anwohnerin. Ein Vermieter berichtet, dass zwei seiner Untermieter überlegen, auszuziehen, wenn die neuen Nachbarn tatsächlich kommen. Asylbewerber bedeuteten Kriminalität und Probleme, glauben einige Leipziger. Sie fürchten sich vor den Fremden, den Unbekannten.

Vorbehalte gegenüber Migranten und Flüchtlingen

Leipzigs Bürgermeister Thomas Fabian erklärt das neue Integrationskonzept (Foto: DW/Adrian Kriesch)

Leipzigs Bürgermeister Thomas Fabian erklärt das neue Integrationskonzept

Bürgermeister Fabian muss 670 neue Plätze für Asylbewerber schaffen, so will es der Bund. Für die Idee, die Flüchtlinge in der ganzen Stadt unterzubringen, bekam er viel Zuspruch. Aber sobald die eigene Nachbarschaft betroffen war, änderten sich die Meinungen häufig. "Es hat mich in den letzten Wochen schon berührt, dass an manchen Stellen sehr massive Vorbehalte gegenüber Migranten und Flüchtlingen geäußert wurden", sagt Fabian. Doch viele Bürger haben auch nachgefragt, wie sie bei der Integration mithelfen können und sich für Flüchtlingspatenschaften angeboten.

"Unmenschliches“ Asylbewerberheim soll geschlossen werden

Der somalische Asylbewerber Sahardid Jama-Ahmed (Foto: DW/Adrian Kriesch)

Will arbeiten - der somalische Asylbewerber Sahardid Jama-Ahmed

Diejenigen, über die gesprochen wird, wurden allerdings in die Debatte nicht einbezogen: der Somalier Sahardid Jama-Ahmed zum Beispiel. Seit zehn Jahren lebt er in einem Heim am Stadtrand mit mehr als 200 anderen Asylbewerbern, meist männliche Singles. Die Stadt bezeichnet die beiden unsanierten und doppelt umzäunten Plattenbauten des Heims mittlerweile als "unmenschlich" und will sie schließen. Jama-Ahmed vermutet, dass eher wirtschaftliche Gründe entscheidend waren - ein großes Unternehmen hat Interesse am Grundstück. Er spricht fließend Deutsch und will sich über die Äußerungen einiger Leipziger nicht mehr aufregen. Alltägliche Diskriminierung sei er gewöhnt, zumal viele Leipziger keinen Kontakt zu Ausländern hätten. "Wenn man etwas nicht kennt, dann ist man ein bisschen vorsichtig", sagt der Somalier. "Aber wenn mich die Leute dann kennengelernt haben, ändert sich das Bild meist total bei ihnen."

Mangelnde Integrationsmaßnahmen für Asylbewerber

Asylbewerberheim Torgauer Straße, Leipzig (Foto: DW/Adrian Kriesch)

"Unmenschlich" - das Heim in der Torgauer Straße am Stadtrand Leipzigs

Der 40-Jährige würde gern in eine eigene Wohnung ziehen. In seinem kleinen Zimmer gibt es zu viele Fliegen, manchmal auch Kakerlaken. Aber er ist sich nicht sicher, ob alle Asylbewerber mit einer eigenen Wohnung zurechtkommen würden. Im Heim lernen sie kaum, selbstständig zu leben. Ihre Wäsche wird zweimal die Woche gewaschen, der Müll vor der Haustür unsortiert abgeholt und sie bekommen monatlich Taschengeld. Das ist für Jama-Ahmed das größte Integrationsproblem. Da Asylbewerber keinen klaren Status haben, gibt es kaum Integrationsangebote für sie. Er selbst ist ausgebildeter Orthopädiemechaniker, darf aber nicht arbeiten. Alle drei Monate bekommt er eine neue Duldung - aber keinen sicheren Aufenthaltsstatus. "Ein Steuerzahler ist doch auch für euch viel angenehmer als jemand, dem ihr Taschengeld zahlen müsst", sagt er und schüttelt mit dem Kopf. Jetzt zerbricht er an der Langeweile, hat wie viele andere im Heim angefangen, regelmäßig zu trinken.

Der Leipziger Ansatz wird sicher nicht alle Probleme der Asylbewerber lösen. Aber er ist ein wichtiger Schritt zu einem integrativen Miteinander - gerade in einer Stadt, in der nur sechs von 100 Einwohnern Ausländer sind. Der Stadtrad hat am Mittwoch (18.07.2012) das Konzept verabschiedet. Ein Punkt wurde jedoch mehrheitlich abgelehnt: Sahardid Jama-Ahmed und die anderen Asylbewerber werden nicht mitentscheiden dürfen, wohin sie gehen und mit wem sie wohnen werden.