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Wirtschaft

Wohin fließen die algerischen Petrodollars?

Ein Reichtum an Rohstoffen bedeutet nicht in jedem Fall einen Segen für ein Land. Beispiel Algerien, wo sich die breite Bevölkerung fragt: Was geschieht eigentlich mit dem Reichtum, den die Ölexporte erbringen?

Tor zum Reichtum: Der Hafen von Algier

Tor zum Reichtum: Der Hafen von Algier

Algerien - wichtiger Ölproduzent und nach Russland Europas zweitgrößter Gaslieferant - wird seit dem Beginn der so genannten vierten Ölkrise von 2003 von einer wahren Welle von Petrodollars überschwemmt. 75 Milliarden US-Dollar haben die algerischen Geldreserven Ende 2006 erreicht, und für 2010 rechnet man mit 160 Milliarden. Doch die Diskrepanz ist frappierend: Immer volleren Staatskassen steht eine immer ärmere Bevölkerung gegenüber. Und eine verzweifelte Jugend träumt zu großen Teilen davon, nach Europa zu emigrieren.

Aufbau dank Öl...

Algiers Glanz

Algiers Glanz

Die Hauptstadt Algier erscheint heute wie eine riesige Baustelle. Überall entstehen neue Bürogebäude und Einkaufszentren, Brücken und sogar eine U-Bahn - seit der Unabhängigkeit 1962 der große Traum, der jetzt endlich wahr wird. Doch etwas erinnert schonungslos daran, dass von dieser Veränderung nicht alle profitieren: Unzählige Bettler, Männer, Frauen und Kinder, bevölkern die Stadt. Sie sind aus den ländlichen Gebieten geflüchtet, die der Segen der Petrodollars nicht berührt hat.

Die algerische Regierung hat eine ehrgeizige Initiative zur Unterstützung der Entwicklung des Landes gestartet, die alle Bereiche der algerischen Wirtschaft betreffen und das Land in die Moderne katapultieren soll. Der algerische Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika ist davon überzeugt, dass es seinem Land finanziell niemals so gut gegangen sei wie jetzt: "Das hat es seit der Unabhängigkeit nicht gegeben. Wir haben von dieser kostbaren Chance profitiert, um Algerien aus der Ära der Dunkelheit herauszuholen."

Aufbau Öl

Aufbau Öl

... und Stagnation trotz Ölreichtums

Von den glorreichen Ankündigungen Bouteflikas spüren die Menschen zum Beispiel in Ain Dafla nichts. Die ländliche Region, keine zwei Autostunden südwestlich von Algier, leidet unter Trockenheit und Isolation. Während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren wurde die Gegend stark vom Terrorismus heimgesucht. Viele Menschen sind in die Städte geflohen, viele andere möchten ihre Heimat nicht verlassen und versuchen weiterhin, dort zu überleben.

Bachta, eine Frau Ende fünfzig, berichtet von ihrem täglichen Kampf ums Überleben. "Ich suche Wasser, Wasser ist hier selten. Man hat einen Brunnen gebaut, aber kein Wasser gefunden. Wir brauchen hier Wasser, aber auch Strom." Ihr Mann, Omar, ist enttäuscht, wenn man ihn auf das Erdöl anspricht: In seinen Augen hat das Ölgeld den Menschen der Region nichts eingetragen. "Sie zitieren Zahlen und Gewinne, aber uns hat man nichts abgegeben."

Mangelnde Perspektiven

Der Bürgerkrieg Anfang der neunziger Jahre, hat das Land traumatisiert. Er war eine Folge des erdrückenden Wahlsiegs der Islamischen Heilsfront "FIS", ein Sieg, der damals schon von sozialer Ungerechtigkeit, Korruption und der schlechten Verteilung der Petrodollars begünstigt wurde.

Die Weltbank und Nicht-Regierungs-Organisationen stufen heute ein Drittel der algerischen Bevölkerung als arm ein. Die algerische Regierung hingegen lehnt die zugrunde liegenden Zahlen ab. Doch der Widerspruch zwischen dem offiziellen Diskurs der politischen Elite und der Realität zeigt sich nicht nur auf dem Land. Auch in den Städten träumen viele junge Leute davon, ins Ausland auszuwandern, um dem Elend zu entkommen. So sieht auch Youssef, ein arbeitsloser Betriebswirt, für sich nur noch einen Ausweg: Europa: "Ich kann nicht in Algerien bleiben, weil ich dort kein würdiges Leben führen kann. Ich bin 35 Jahre alt, aber ich bin noch nicht verheiratet. Deswegen möchte ich nach Europa, um meine Ziele zu verwirklichen."

Algerien besitzt den größten Anteil an der Sahara

Sandsturm im Südwesten Algeriens

Mohammed Ben Yassâad, ehemaliger algerischer Wirtschaftsminister und Professor an der Universität von Algier, erklärt die paradoxen Verhältnisse: "Das reale Pro-Kopf-Einkommen ist sehr niedrig. Aber das allgemeine Pro-Kopf-Einkommen ist seit dem Jahr 2000 enorm gestiegen. Es ist von 1500 US-Dollar auf mehr als 5000 US-Dollar angewachsen. Doch diese Zahl bleibt reine Statistik und hat mit dem Durchschnittseinkommen eines Algeriers nichts zu tun."

Die klassischen Bremser: Korruption und Misswirtschaft

Auch der ehemalige algerische Premierminister Ahmed Ben Bitour steht der aktuellen Politik kritisch gegenüber. Seiner Ansicht nach ist das Hauptproblem die Ineffizienz aller Institutionen, der politischen Parteien, der Zivilgesellschaft, des Parlaments, des Staates an sich. "Ich glaube, dass wir eine Regierung haben, die nicht verstehen will, dass sie den Institutionen eine Stimme geben muss. Heute sind wir davon abhängig, was das Staatsoberhaupt beabsichtigt."

Obdachlose in der Zighout Youcef Strasse von Algier

Obdachlose in der Zighout Youcef Strasse von Algier

Obwohl es einem großen Teil der Bevölkerung am Lebensnotwendigen mangelt, hat Algerien die Flut an Petrodollars dazu genutzt, seine Auslandsschulden vorzeitig zurückzuzahlen. Die Staatsverschuldung ist innerhalb von vier Jahren von 23 auf 5 Milliarden US-Dollar zurückgegangen. Viele Experten halten jedoch den Aufbau einer diversifizierten algerischen Wirtschaft für dringender als die Rückzahlung von Schulden. Denn eines der größten ökonomischen Probleme ist eben die starke Abhängigkeit vom Erdöl. Präsident Bouteflika selbst kritisierte in einer seiner letzten Reden des Jahres 2006, dass die Gewinne des Landes zu 98 Prozent vom Erdöl abhängen und der Export sonstiger Güter marginal bleibt.

Algeriens Problem ist es heutzutage nicht, Geld zu beschaffen, sondern eher, Geld nicht zu verschwenden oder Unterschlagungen zuzulassen, wie es in der Vergangenheit häufig vorkam. Kritiker bescheinigen der algerischen Regierung, dass sie mit dem Ölreichtum bisher sehr schlecht gewirtschaftet habe und die Verwendung der großen Einnahmen insgesamt nicht vernünftig plane. Schuld daran seien eine ineffiziente Verwaltung und Korruption.

Noch hat Algerien die Möglichkeit, die Korruption zu bekämpfen und eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht ausschließlich vom Erdöl abhängt. Erst dann würde aus dem schwarzen Gold auch ein Segen für das Land.

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