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Asien

Woher kommt Japans Strom in Zukunft?

Ein Jahr nach Fukushima ringen Regierung, Gesellschaft und Atomlobby um ein zukunftsträchtiges Energiekonzept. Sind alternative Energiequellen möglich?

Einige Leuchtreklamen in Tokios Lichtermeer flimmern tatsächlich nicht mehr. Manche Rolltreppe ist zuweilen abgestellt. Vereinzelt finden sich inzwischen kleine Hinweisschilder, die zum Stromsparen auffordern - Insgesamt aber hat sich das lebens- und energiehungrige Treiben in Japans Metropolen auch ein Jahr nach der Dreifachkatastrophe in Fukushima nicht geändert. Die Lichter brennen, die Züge fahren, die energieintensive Schwerindustrie produziert wieder. Das Land erholt sich ganz allmählich von dem gewaltigen Erdbeben, dem verheerenden Tsunami und der schockierenden Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Tokio leuchtete bei Nacht im Glanz der Lichtreklamen (Foto: ddp)

Tokios berühmte Lichtreklamen leuchten nicht mehr

Japan funktioniert noch, und das erstaunlicherweise sogar weitgehend ohne Atomstrom. Aus Angst vor einem Blackout war es in Japan jahrzehntelang undenkbar, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ohne Atomstrom auskommen könnte. Inzwischen aber sind von den 54 Atommeilern, die bis zur Reaktorkatastrophe von Fukushima rund 30 Prozent des enormen Strombedarfs deckten, nur noch drei am Netz. Und im April werden die drei noch verbliebenen Reaktoren auch noch heruntergefahren.

Dass Japan im April atomstromfrei ist, hat allerdings nichts mit einem konsequenten Energiewechsel zu tun. Von einem Atomausstieg ist Japan meilenweit entfernt. Es hat sich auch keine breite Anti-Atom-Bewegung formiert. Vielmehr müssen in Japan Atomreaktoren alle 13 Monate wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten heruntergefahren werden. Neu ist allerdings, dass die Anlagen nicht mehr so routinemäßig wieder ans Netz dürfen wie bisher. Nach einem zeitaufwendigen Genehmigungsverfahren müssen zunächst die lokalen Behörden zustimmen. Und die wissen um die Verunsicherung der Bevölkerung.

Zähes Ringen um künftiges Energiekonzept

Noch liegt kein konsensfähiges Energiekonzept für die Zukunft vor. Noch suchen Regierung, Gesellschaft und Atomlobby den weiteren Kurs. Erst im Sommer wird das japanische Parlament entscheiden, ob sich Japan tatsächlich von der Kernenergie verabschiedet, und wenn ja, über welchen Zeitraum sich dieser Ausstieg hinziehen wird.

Japans Premierminister Yoshihiko Noda (Foto: REUTERS)

Japans Premierminister Yoshihiko Noda ist für einen schrittweisen Aussteig aus der Atomenergie

Regierungschef Yoshihiko Noda plädiert für eine langfristige Reduzierung der Abhängigkeit von der Kernenergie und für den Ausbau erneuerbarer Energien. Aber anders als sein Vorgänger Naoto Kan will sich Noda nicht auf einen kompletten Ausstieg aus der Atomkraft festlegen. Laut Noda sei Japan zumindest noch bis 2030 darauf angewiesen.

Gegenwärtig kompensieren die Energiekonzerne den weggefallenden Atomstrom vor allem mit ihren Kohlekraftwerken, was die Konzerne, die Kunden und auch die Natur teuer zu stehen kommt. Durch das zusätzliche Verbrennen von teuer importierter Kohle und Öl wird Japan seine im Kyoto-Protokoll vereinbarten Klimaschutzziele vermutlich nicht einhalten können.

Wind, Sonne oder Erdwärme als Alternative?

Unklar ist auch, welche erneuerbaren Energiequellen künftig massiv ausgebaut werden sollen. Zwar soll ausgerechnet vor der Küste von Fukushima ein gewaltiger Windpark entstehen. Insgesamt aber wird der Windkraft in Japan längst nicht das Potenzial wie etwa in den USA oder Europa zugetraut. Es gibt nur sehr wenige Offshore-Möglichkeiten, weil die japanische Küste vielerorts steil ins Meer abfällt. Außerdem kommt der Wind - anders als etwa in Deutschland - aus häufig sich ändernden Richtungen. Noch dazu gibt es jedes Jahr zahlreiche Taifune.

Auch die Begeisterung für Solarstrom-Anlagen hält sich im "Land der aufgehenden Sonne" sehr in Grenzen, weil sie als zu teuer und zudem als vergleichweise ineffizient angesehen werden.

Ein wesentlich größeres Potenzial sehen Experten in der Geothermie. Schließlich erstreckt sich Japan entlang des so genannten "Pazifischen Feuerrings". Aufgrund dieser geologischen Besonderheit gehören nicht nur Erdbeben und Vulkane zum japanischen Alltag. Es gibt eben auch überall im Land heiße Quellen, die sich nicht nur für ein entspannendes Thermalbad, sondern auch bestens für Geothermieanlagen nutzen lassen. Bislang wurde diese Urkraft allerdings nur sehr begrenzt genutzt, weil die heißen Quellen oftmals in Naturschutzgebieten liegen - und weil der Atomstrom bislang einfach viel billiger war.

Windräder eines Offshore-Windparks auf der Ostsee (Foto: dpa)

Offshore-Windparks wie hier auf der Ostsee sind für Japan nur bedingt eine Alternative

Neben dem Ausbau von alternativen Energiequellen soll vor allem der Energieverbrauch signifikant reduziert werden. Das aber setzt ein Umdenken der Bevölkerung voraus, die - verwöhnt durch den billigeren Atomstrom - extrem energieintensiv lebt. Zwar hat das so genannte "coolrunner"-Programm der Regierung dazu geführt, dass japanische Haushaltsgeräte in Japan viel energieeffizienter sind als Vergleichprodukte im Ausland. Aber dafür sind im japanischen Alltag eben auch viel mehr Elektroartikel im Einsatz als etwa in Europa. Besonders deutlich zeigt sich der Nachholbedarf im Privatsektor: Viele Häuser besitzen keine oder nur eine sehr bescheidene Wärmedämmung, Doppelverglasungen sind vielerorts weitgehend unbekannt.

Wochenendarbeit, Schummerlicht und Schwitzen im Büro

Der eigentliche Belastungstest für die japanische Energieversorgung steht ohnehin erst im heißen Sommer an, wenn Unternehmen und Privathaushalte wie gewohnt ihre Klimaanlagen anschalten. Mit den dann geforderten Spitzenwerten hatte auch die Atomlobby lange Zeit immer neue Nuklearanlagen gerechtfertigt. Um die Spitzen an den Arbeitstagen zu senken, erfreuen sich deshalb simple, aber sehr effektive Methoden wachsender Beliebtheit: In Behörden und Firmen wurde Flutlicht einfach zu Schummerlicht runtergedimmt und riesige Konzerne wie etwa Toyota lassen ihre Mitarbeiter am Wochenende arbeiten und geben ihnen stattdessen in der Woche zwei Tage frei.

Selbst durch eine Lockerung der Kleiderordnung lässt sich der Energieverbrauch spürbar senken, das zeigte die bereits 2005 vom Umweltministerium ins Leben gerufene Kampagne "Cool Biz". In den schwül-heißen Sommermonaten werden die Büro- und Arbeitsräume nur noch auf 28 Grad gekühlt. Dafür aber müssen und sollen die Mitarbeiter nicht mehr in Anzug, Krawatte oder Kostüm erscheinen, sondern in luftiger Kleidung. Zunächst schockierte diese informelle Kleiderordnung die äußerst formale japanische Geschäftswelt. Zum Erfolg wurde die Kampagne erst, als Großkonzerne und Behörden mit gutem Beispiel vorangingen.

Einsparpotenziale und alternative Energiequellen gibt es also, aber deren Nutzung wird nur ein Baustein im künftigen Energiekonzept Japans sein. Das rohstoffarme Land kann und will es sich finanziell, umweltpolitisch und strategisch nicht leisten, künftig wieder weitgehend vom Import fossiler Brennelemente wie Kohle und Öl abhängig zu sein. Zu tief sitzt da noch der Öl-Schock der 1970er Jahre. Und als Inselreich kann es sich bei Bedarf keinen Strom vom Nachbarn leihen, so wie dies etwa in Europa möglich ist. Japan wird wohl auch in Zukunft auf die Kernkraft setzen müssen. Umso wichtiger ist es, dass die Kontrolle der Anlagen und Kraftwerksbetreiber drastisch verschärft und das unheilvolle Geflecht zwischen Atomlobby und Politik aufgelöst wird.

Autor: Alexander Freund
Redaktion: Rodion Ebbighausen/gh

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