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Kultur

Woher kommt der Osterhase - und warum ist diese Frage falsch?

Neben dem Osterei ist er das Symbol für Ostern schlechthin: der Hase. In vielen Darstellungen taucht er auf, aber hat der Hase wirklich etwas mit Ostern zu tun? Wir sind dem fragwürdigen Kulturphänomen nachgegangen.

DW: Frau Bürkert, als Empirische Kulturwissenschaftlerin oder, wie man früher sagte, Volkskundlerin können Sie es uns bestimmt verraten: Woher kommt der Osterhase?

Karin Bürkert: Erschöpfend verraten kann ich das nicht, denn es gibt zu solchen Bräuchen immer viele verschiedene Mythen, Erzählungen und Herkunftsgeschichten - beim Osterhasen genauso wie beim Weihnachtsmann. Da kann man keine ganz klare, wissenschaftlich völlig unzweifelhafte Herkunft ausmachen. Aber das ist eben auch schon Teil der Antwort: In unterschiedlichen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten haben sich Menschen Mythen und Sagen ausgedacht, um bestimmte Feste zu gestalten, Rituale dazu zu finden.

Das Osterfest ist eine Symbiose aus christlichem Auferstehungsfest und Frühlingsfest aus der vorchristlichen Zeit. Da sind vorrangige Symbole Fruchtbarkeit, Leben, Licht, und wir kennen das Osterei, das für Fruchtbarkeit, für Vollkommenheit, für Leben und Auferstehung steht, aber eben auch den Hasen als Fruchtbarkeitssymbol. Der Hase steht für Zeugungskraft, Lebensgier und Lebenslust. Nur kommt der Osterhase in schriftlichen Quellen gar nicht so oft vor, und wenn, dann auch nur sehr regional begrenzt.

Gibt es da regional unterschiedliche Bräuche?

Der Osterhase ist in denselben Regionen zum ersten Mal aufgetreten, in denen auch der Weihnachtsbaum zuerst vorkam, nämlich im Elsass, in der Pfalz und am Oberrhein. Das sind eher evangelische Gebiete. Eine Theorie könnte sein, dass nach der Reformation im 16. Jahrhundert Ostern von einer rein kirchlichen Veranstaltung immer mehr zu einem bürgerlichen Fest wurde, bei dem auch evangelisch-erzieherische Aspekte eine größere Rolle spielten. Man hat sich auch immer mehr der Kindererziehung zugewandt und deshalb für diese Feste Rituale erdacht, die sich an solche Mythen wie den Osterhasen knüpfen. In anderen Regionen ist das der Hahn oder die Henne, der Storch, der Kuckuck oder der Fuchs.

Würden Sie also sagen, dass es sich um einen Mythos handelt, und nicht nur um einen Kinderglauben?

Einen Mythos in dem Sinne, dass Menschen sich immer wieder davon erzählt haben, aber nicht dahingehend, dass er irgendwie zurückginge auf vorchristliche Zeiten.

Kanaldeckel Dreihasen (picture alliance/dpa/R.Hackenberg)

Das berühmte Motiv von drei springenden Hasen, die in Kreisform angeordnet sind, taucht sogar auf Kanaldeckeln auf

Und seit wann gibt es den Osterhasen nun?

Die Geschichten stammen frühestens aus dem 16., 17. Jahrhundert. Dass der Osterhase sich so durchgesetzt hat, ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts und der Kommerzialisierung.

Steht der Hase in der christlichen Symbolik nicht schon seit dem frühen Mittelalter in Verbindung mit dem Osterfest?

Die Interpretationen variieren: In manchen Darstellungen geht es eher um die Dreifaltigkeit. In der christlichen Kunst gibt es das "Drei-Hasen-Bild" von 1585. Es gibt immer wieder vereinzelte Quellen, in denen ein Hase vorkommt. Aber es ist in der Überlieferung genauso oft vom Kuckuck oder von anderen Tieren die Rede, so dass man jetzt nicht sagen kann, dass sich der Hase als ganz besonderes Symbol stark durchgesetzt hätte. Dafür haben erst im 20. Jahrhundert populäre Kindergeschichten wie der Bilderbuchklassiker "Die Häschenschule" von 1924 und die Schokoladenindustrie gesorgt.

Die Kinder freuen sich jedes Jahr auf die Suche am Ostersonntag. Dann finden sie nicht nur Eier, sondern auch Schoko- oder Zuckerhasen. Ostern und Süßigkeiten - seit wann gehören das Fest und Leckereien zusammen?

Auch noch nicht so lange. Im Grunde konnte man sich das in breiteren Schichten erst nach dem Zweiten Weltkrieg, seit den Fünfzigerjahren leisten, Kinder mit Schokolade zu beschenken. Ab wann hat ein echtes Ei als Kostbarkeit nicht mehr ausgereicht? Lange Zeit hat man sich ein richtiges Ei oder auch Brote, Hefegebäck wie Osterlämmer, geschenkt. Das war nahrhaft und süß genug.

Dass ausgerechnet ein Hase Eier legt, erscheint doch absurd. Was hat der Hase überhaupt mit Eiern zu tun?

Nichts. In den Überlieferungen heißt es, in verschiedenen Schriften sei davon die Rede, man würde Kinder und Narren aufs Glatteis führen und ihnen die Geschichte erzählen, der Hase würde da Eier legen - um sich ein bisschen zu belustigen oder auch die Kinder zu erziehen. In dem Sinne, dass sie darüber nachdenken sollten, ob das stimmte. Deswegen sagt man auch, dass es sich um einen städtischen Brauch handelt. Der Brauch ist aus der Stadt aufs Land gekommen und nicht umgekehrt. Kindern vom Land hätte man so etwas überhaupt nicht erzählen können.

Mit welchem Hintergrund auch immer - der Osterhase hat sich weltweit verbreitet, in Nordamerika und Australien versteckt er seine Eier als Easter Bunny. Wie erklärt sich sein internationaler Erfolg?

Über die Globalisierung, verschiedene Auswanderungsströme. Die Menschen haben die Geschichte mitgenommen. Und dann natürlich auch durch die Werbung und die Industrie, die keine Grenzen an irgendwelchen Regionen oder zu Nationen kennen.

Und in welcher Gestalt ist Ihnen der Osterhase in der volkskundlichen Forschung schon begegnet?

Dr. Karin Bürkert (Sarah May)

Kulturwissenschaftlerin Karin Bürkert

Unser Fach beschäftigt sich nicht mehr mit Bräuchen und damit, woher sie kommen, das finden wir relativ uninteressant. Aber es gibt natürlich ältere Studien, zum Beispiel hat Ingeborg Weber-Kellermann in den achtziger Jahren ein Buch über Bräuche herausgegeben und darin auch über den Osterhasen geschrieben. 

Es ist jedoch keinesfalls so, dass Bräuche keine Rolle mehr spielten. Klar hat die Kommerzialisierung das Ihre dazugetan, dass man nicht mehr von einem Brauchtum mit hochheiligen Traditionen sprechen kann. Aber es ist ja unter neuen Vorzeichen umso interessanter zu erforschen, warum etwas populär ist. Was machen Kinder, was machen Familien mit diesem Brauch? Ich würde immer darauf hinweisen, dass solche Bräuche ganz wichtig sind, um die Kreativität anzuregen - Eier zu bemalen, Spiele zu erfinden, um christliche Feste und den Jahreszeitenwechsel verstehen zu lernen und mit Sinn zu belegen. So ein Mythos wird erfunden, weil er viel ermöglicht: Spiel, Spaß, Schenken - und Schenken immer als Erneuerung sozialer Beziehungen. Unter diesen Fragestellungen auf Bräuche zu blicken, finde ich viel interessanter, als zu überlegen, woher sie kommen.

Dr. Karin Bürkert forscht und lehrt am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und ist Geschäftsführerin des Verlags der Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

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