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Wirtschaft

Wochenbörse: Augen zu und durch - die Börse ignoriert schlechte Nachrichten

"Hurra: Es geht aufwärts!" So könnte man die Stimmung an den Weltbörsen beschreiben. Der Aufschwung steht aber auf wackeligen Füßen.

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Kaum zu glauben: Die Kurse steigen

Besonders ausgeprägt waren die Kursgewinne im Technologiebereich. Hier konnten gar Werte wie der Chiphersteller Infineon, der ein desaströses Quartalsergebnis mit einem Verlust von über einer Milliarde Euro vorgelegt hatte, deutlich über 10 Prozent gewinnen. Auch Siemens enttäuschte mit seinen Zahlen, verbuchte in der vergangenen Woche aber dennoch einen Kurshöhenflug.

Neben der Psychologie – der Herdentriebs eines sich selbst verstärkenden Aufschwungs ist nicht zu unterschätzen – ist die überschüssige Liquidität ein wichtiger Faktor. Das nach den Anschlägen aus den Aktien abgezogene Geld war zwischenzeitlich in Geldmarktfonds und in Anleihen geparkt worden. Jetzt strömt das Geld zurück in die Aktien – man will den Aufschwung nicht verpassen – und sorgt für fallende Kurse bei den Anleihen.

Analysten wie Robert Halver, Chefstratege von Delbrück Asset Management, warnen aber davor, dass die Börsen im Moment wieder "heiße Luft" produzierten. Die fundamentalen Daten sprächen eine andere Sprache.

Tatsächlich befinden sich die USA nicht erst seit den Anschlägen vom 11. September auf dem Weg in eine Rezession. Und diese könnte stärker ausfallen, als das derzeit die meisten Anleger ahnen.

Der Grund: Von den fünf möglichen Faktoren eines Aufschwungs fallen derzeit vier aus:

  1. Die amerikanischen Konsumenten haben sich in ihrem Konsumrausch der letzten Jahre stark verschuldet. Angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen und der Verunsicherung durch die Anschläge werden die Verbraucher jetzt eher sparen als weiter konsumieren. Dass die Einzelhandelsumsätze in den USA diese Woche dennoch stiegen, hatte in erster Linie mit den zinslosen Krediten zu tun, mit denen die US-Automobilfirmen potentielle Käufer erfolgreich ködern.
  2. Von der Firmeninvestitions-Front ist ebenfalls kaum Besserung zu erwarten. Zu hoch sind die Lagerbestände und Überkapazitäten, die im Investitionsboom der so genannten "New Economy"-Jahre aufgebaut wurden.
  3. Was den Export betrifft, so sind derzeit alle großen Volkswirtschaften der Welt in schlechter Verfassung (Euroland) oder gar auf Talfahrt (Japan, Argentinien, Taiwan). Der weiter starke Dollar nimmt den US-Ausfuhren jeden zusätzlichen Schwung.
  4. Die US-Notenbank Fed hat ihre Zinssenkungsmunition weitgehend verschossen, ohne das dies die Wirtschaft entscheidend ins Rollen gebracht hätte. Bei einem historisch niedrigen Zinssatz von zwei Prozent muss sie nun auch zunehmend die Inflation im Auge behalten, so dass weitere Zinsschritte eher moderat ausfallen dürften.
  5. Bleibt noch die US-Regierung, die mit ihrem Konjunkturprogramm der Wirtschaft neue Kraft einflößen will. Scheitert auch dies, drohen in den USA japanische Verhältnisse mit Niedrigst-Zinsen, staatlichen Konjunkturprogrammen und dennoch stagnierender Wirtschaft.

    In den Börsenpreisen spiegelt sich dieses Szenario derzeit überhaupt nicht wieder. Daher steht der Aufschwung dieser Woche auf äußerst wackeligen Füßen. Ein erneuter Rückschlag ist – sollte es in den nächsten Wochen zu weiteren schlechten Nachrichten kommen – nicht unwahrscheinlich. Die Investmentbank WestLB Panmure sah schon vor dem Aufschwung dieser Woche erste Anzeichen einer Liquiditätsblase. Einen ersten Vorgeschmack auf mögliche Kursverluste hat bereits der American Airlines-Absturz vom Dienstag gebracht.

  • Datum 17.11.2001
  • Autorin/Autor Johannes Beck
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1NfG
  • Datum 17.11.2001
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