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Kultur

Wo Schuluhren anders ticken

Sie heißt zwar Schulstunde, dauert aber nur 45 Minuten. Seit genau 100 Jahren ticken die Uhren in deutschen Schulen anders als in vielen Ländern der Welt. Doch die Kurzstunden werden auch hier zum Auslaufmodell.

Die Hand eines Lehrers mit der Schulglocke in einem Klassenzimmer läutet zum Unterrichtsbeginn (Foto: dpa)

Manchmal klingt sie wie ein schriller Wecker, manchmal wie ein tiefer Gong. Doch egal, welchen Ton die Schulglocke anschlägt, sie ist unbestrittene Herrin der Zeit. Am Gymnasium in Troisdorf bei Bonn gibt die Schulglocke nicht mehr den Takt vor. Schon gar nicht den an Deutschlands Schulen üblichen Dreivierteltakt. "Bei uns beenden die Lehrer den Unterricht nach 60 Minuten", sagt Gerhard Fischer, Leiter des Gymnasiums Zum Altenforst. "Lernen mit Muße" lautet das Motto der Schule, und dazu passt nach Ansicht des Pädagogen keine schrillende Schulglocke.

Weil die frühere Taktung von 45 Minuten pro Unterricht Lehrer und Schüler zunehmend gestresst hat, ticken die Uhren am Troisdorfer Gymnasium seit vier Jahren anders. "Seit eine Schulstunde bei uns auch tatsächlich eine Stunde dauert, es längere Pausen und Unterricht am Nachmittag gibt, fühlen sich Schüler und Lehrer viel wohler", betont Fischer.

Pisa-Schock führte zum Umdenken

Reproduktion eines Klassenfotos der Schwäbisch Gmünder Klösterleschule von 1946 (Foto: dpa)

1946: Schule im Dreivierteltakt

In Deutschland stellen immer mehr Schulen ihre Uhren um. Sie kehren zu einer Unterrichtsstruktur zurück, die der preußische Kultusminister August von Trott zu Solz vor 100 Jahren bewusst verändert hatte. Nach Klagen vieler Lehrer über die mangelnde Konzentration ihrer Schüler nach der Mittagspause verabschiedete sich Preußen am 2. Oktober 1911 vom Nachmittagsunterricht. Die Zahl der bisherigen Schulstunden sollte aber erhalten bleiben, also wurde der Unterricht pro Fach einfach um 15 Minuten gekürzt.

Jahrzehntelang stellten weder Pädagogen noch Schüler oder Eltern den deutschen Sonderweg der Halbtagsschule in Frage. Das schlechte Abschneiden Deutschlands in internationalen Bildungsstudien führte zu einem Umdenken. "Wir brauchen eine neue Art des Lernens", fordert Lüder Ruschmeyer. Der Direktor der Realschule Lindlar bei Köln hat vor zwei Jahren damit begonnen, den Unterricht anders zu organisieren. Hier dauert eine Schulstunde nun 90 Minuten. So bleibe mehr Zeit für Gruppenarbeit, Experimente oder Präsentationen der Schüler, erklärt Ruschmeyer. Andere Schulen wie das Gymnasium in Korschenbroich bei Neuss wählen mit 67,5 Minuten pro Unterrichtseinheit noch eine andere Taktung.

"Hirngerechtes" Lernen

Der Göttinger Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther(Foto: Franziska Hüther)

Hirnforscher Gerald Hüther

Doch egal, ob der Unterricht 15, 22,5 oder 45 Minuten länger dauert - alles sei besser als der alte Dreivierteltakt, betonen die Schulleiter. Dafür nehmen sie den Nachmittagsunterricht und größere Umstrukturierungen im Stundenplan in Kauf. So können Nebenfächer in der Regel nicht mehr einmal pro Woche unterrichtet werden. Sie stehen dafür in einem Halbjahr häufiger auf dem Stundenplan, im nächsten müssen sie dann pausieren.

"Intensiv erworbenes Wissen ist später besser abrufbar, als wenn es in kleinen Häppchen einmal pro Woche gelehrt wird", betont Gymnasialleiter Fischer und verweist auf die Ergebnisse der Hirnforschung. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther etwa betont immer wieder, wie wichtig mehr Zeit fürs Lernen sei. Denn Kinder kämen mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten auf die Welt, sagt der Hirnforscher. "Dafür müssen wir ihnen Erfahrungs- und Gestaltungsräume geben." Als "hirngerechtes Lernen" bezeichnet Hüther eine Wissensvermittlung, die für das Kind "Sinn macht" und die es "mit allen Sinnen" erfahren kann, die sich also mit seinem praktischen Leben in Verbindung bringen lässt.

Weniger Schulstunden, leichtere Schulranzen

Schüler in einem Klassenraum der Realschule Lindlar (Foto: Realschule Lindlar)

An der Realschule Lindlar fällt das Lernen jetzt leichter

Die 15-jährige Sira Steuer hat den Eindruck, dass genau diese Lernerfahrung an ihrer Realschule nun möglich ist. Der Unterricht sei viel abwechslungsreicher und mache ihr mehr Spaß als früher, sagt sie. "Das Lernen fällt mir jetzt einfach leichter." Ein weiterer Vorteil: Sie muss nicht mehr so viele Bücher und Hefte in ihrem Ranzen schleppen.

Auch Max Mantsch sehnt sich nicht nach dem Dreivierteltakt am Gymnasium in Troisdorf zurück. Lehrer und Schüler seien entspannter, beobachtet der 15-jährige Schülervertreter. Aber er würde – im Gegensatz zu seinen Lehrern – die Schulglocke gerne wieder klingeln hören. "Es nervt einfach, wenn manche Lehrer nach einer ganzen Stunde nicht aufhören zu reden."


Autorin: Sabine Damaschke
Redaktion: Aya Bach

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