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Europa

Wo Labours Herz schlägt: Wahlkampf in Nordengland

Die britische Parlamentswahl dürfte für die Labour-Partei auch in ihren Hochburgen schwierig werden. Gerade hier hat eine große Mehrheit für den EU-Austritt gestimmt. Erik Albrecht berichtet aus Nordengland.

Es ist zugig in Bessacarr, als sich Nick Allen auf den Weg zu seinen Wählern macht. Wahlkampf ist in England Häuserkampf. Wahlwerbung an Laternen oder auf öffentlichen Plätzen ist verboten. Gemeinsam mit Parteikollegen klopft der 30-jährige Konservative derzeit täglich an Haustüren und wirbt für seine Wiederwahl. Der kleine Ort in Süd-Yorkshire gehört zu Doncaster, einer Hochburg der Labour-Partei.

An diesem Donnerstag sind hier, wie in vielen Städten Großbritanniens, Lokalwahlen. Seit die konservative Premierministerin Theresa May überraschend für Anfang Juni vorgezogene Parlamentswahlen ausgerufen hat, sind sie zu einem letzten Test für die Parteien geworden. Vor allem für Labour könnte es vielerorts eng werden.

Supermarkt, Kirche, Apotheke und Pub, ansonsten besteht Bessacarr hier aus Bungalows aus den 80er-Jahren. Die Menschen sind hier oft älter und vergleichsweise wohlhabend und passen damit besser ins Bild des typischen Tory-Wählers. "Dass wir hier gewinnen konnten, war schon ungewöhnlich", sagt Allen. "Viele Teile Doncasters fühlen sich für Konservative immer noch wie No-Go-Areas an."

Rückenwind

Trotzdem verspürt Nick Allen in seinem Wahlkampf Rückenwind - vor allem seit dem EU-Referendum im vergangenen Jahr. "Wenn ich mit Menschen an ihrer Haustür reden, kommt die Sprache immer wieder auf den Brexit", sagt Allen. "Viele sind sehr froh, dass wir die EU verlassen. Sie unterstützen die Konservativen, weil wir ihnen die Wahl gegeben haben." 69 Prozent der Menschen in Doncaster wollten damals raus aus der EU. Eines der höchsten Ergebnisse landesweit.

Großbritannien Wahlkampf in Nordengland (DW/E. Albrecht)

Nick Allen (rechts) sieht die Konservativen im Vorteil - auch in Labours Hochburg Doncaster

Doncaster ist die Heimatstadt der Gründerväter der Labour-Partei. Heute macht vor allem der Brexit Labour das Leben schwer. Denn Premierministerin Theresa May und die Konservativen haben das Thema mit ihrem harten Brexit-Kurs erfolgreich für sich besetzt. Die Labour-Partei ist unterdessen tief zerstritten.

Daraus will Premierministerin May Kapital schlagen. In einer Rede in Leeds forderte sie Wähler in der vergangenen Woche auf, "aus nationalem Interesse" für die Tories zu stimmen. Sie brauche ein "starkes Mandat" in den Brexit-Verhandlungen. Sollte die Strategie aufgehen, bedroht sie Labour in ihren traditionellen Hochburgen in Nordengland.

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"Man kann Theresa May nicht trauen"

"Es ist eine gute Zeit, um in Großbritannien ein konservativer Europa-Gegner zu sein, und eine schlechte für einen pro-europäischen Sozialdemokraten", sagt der Politikwissenschaftler Matthew Flinders von der Universität Sheffield. Labour mache es den Konservativen derzeit politisch "unglaublich einfach. Es ist, als ob man Goldfische in einem Aquarium jagt."

Hier schlägt Labours Herz

Städte wie Doncaster, Rotherham oder Leeds in Nordengland waren lange Zeit das Zentrum der britischen Kohle- und Stahlindustrie. Hier hat die Labour-Partei ihre traditionellen Hochburgen. Als Margaret Thatcher hier in den 80er-Jahren den Bergarbeiterstreik brutal zerschlug und die Minen schloss, machte das ihre Konservative Partei für eine weitere Generation nicht wählbar.

Doch derzeit beobachtet der Politologe Flinders einen Wandel im politischen Klima. "Es ist ein wenig, als ob der Meeresspiegel steigt und die Labour-Hochburgen schrumpfen", sagt Flinders. "Selbst die Idee, dass es Labour-Hochburgen und sichere Mandate für Labour gibt löst sich auf." 

Die Tories profitieren vom anstehenden Brexit - und von der Unzufriedenheit der Leute mit Labour. In der Markthalle von Doncaster machen nur wenige Kunden ihre Wochenendeinkäufe. Das Geschäft laufe schlecht, sagt Patrick Queen, während er seine Steaks anpreist.

Labour habe zu wenig getan, um die Innenstadt von Doncaster zu beleben, beschwert sich der Fleischer. Es gebe doch kaum noch Geschäfte. Das Stadtbild sei geprägt von Wettbüros und Wohltätigkeitsvereinen. Queen war für den Brexit. Bei der Wahl zum Unterhaus setzt er auf Theresa May. "Sie braucht das Land jetzt hinter sich", sagt er. "Sie tut genau das Richtige."

Großbritannien Wahlkampf in Nordengland (DW/E. Albrecht)

Für Patrick Queen tut Premierministerin Theresa May mit dem Brexit genau das Richtige

Corbyn ohne Chance?

"Labour wird es nie schaffen", sagt der Gemüsehändler ein paar Stände weiter. "[Labour-Chef] Jeremy Corbyn ist viel zu links. Selbst für Doncaster." Trotzdem sind sich beide sicher, dass Labour sowohl lokal als auch bei der Wahl zum Parlament in Westminster wieder dazu gewinnen wird.

Davon ist auch der Politologe Flinders überzeugt. Trotzdem werde die Partei landesweit viele sichere Sitze verlieren. "Die große Frage ist, wie dominant die Konservativen sein werden", sagt Flinders. "Es gibt eine wachsende Sorge über den Zustand der Demokratie." Theresa May habe Brexit als einen Vorwand genutzt, um in den Wahlkampf zu ziehen, als die Opposition am schwächsten war.

Zurück in Bessacarr. Dort rechnet sich der konservative Nick Allen gute Chancen für seine Wiederwahl aus. Im Stadtrat habe er hart für den Stadtteil gearbeitet. Zudem stimmt er beim Thema mit seinen Wählern überein. Trotzdem sieht er auch Gefahren für seine Stadt. Schließlich habe das strukturschwache Doncaster stark von EU-Fördermitteln profitiert. Jetzt gebe es keine Garantie mehr, dass dieses Geld auch in Zukunft in Doncaster investiert werde, sagt er. "Das könnte sehr schädlich sein, denn wer finanziert dann all die Projekte, die wir brauchen?"

Auch knapp ein Jahr nach dem Referendum ist der Brexit für viele in Doncaster immer noch ein großes Thema. Ein Ende der vermeintlichen Bevormundung aus Brüssel, weniger Zuwanderung, mehr Geld für das Gesundheitssystem. Viele ihrer Versprechen werden die Brexiteers nicht umsetzen können, glaubt der Politologe Flinders. Das sei die Gefahr für die britische Politik insgesamt: "Der Zorn der Wähler wird sich dann aber nicht gegen die Brexit-Befürworter richten, sondern gegen alle Politiker, die weiter verteufelt werden, weil man ihnen nicht trauen kann."

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