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Europa

Wo ist Mladic?

Nur zwei vom Jugoslawien-Tribunal in Den Haag angeklagte Serben-Führer sind noch flüchtig. Vor allem auf den ehemaligen serbischen General Ratko Mladic wird Jagd gemacht. Bisher jedoch ohne Erfolg.

Poster des gesuchten Mladic auf einer Litfasssäule in Belgrad (Foto: AP)

Ein Poster des gesuchten Mladic in Belgrad

Tausende Menschen sehen täglich das Fahndungsfoto direkt hinter der Passkontrolle, wenn sie am Belgrader Flughafen ankommen. Eine Million Euro bietet Serbien für Informationen, die zur Verhaftung des wegen Völkermordes angeklagten ehemaligen Hauptkommandeurs der Armee der bosnischen Serben führen. Doch von Ratko Mladic gibt es anscheinend keine Spur.

"Wenn wir wüssten, wo er ist, wäre er innerhalb der gesetzlichen Frist schon in Den Haag", beteuert Bruno Vekaric, der für Kriegsverbrechen zuständige Vertreter der Staatsanwaltschaft. "Es gibt nachweislich einen klaren politischen Willen, dass er dort hin kommt und das ist das Wichtigste. Daran arbeiten der ganze serbische Staat, alle Behörden und Institutionen. Deswegen hoffen wir, und sind überzeugt, dass dieser Job in absehbarer Zeit erledigt sein wird."

Keine Vorhersagen

Der Belgrader Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic (Foto: AP)

Der Belgrader Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic

Was Vekaric "absehbare Zeit" nennt, ist für seinen Chef, den Belgrader Generalstaatsanwalt für Kriegsverbrechen Vladimir Vukcevic, schon eine klare, selbst gesetzte Frist. Bis Ende des Jahres will er Mladic an das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien ausgeliefert haben. Dort ist der heute 67-jährige etwas untersetzte aber kräftig gebaute Generaloberst mit den strahlend blauen Augen wegen Ermordung, Folter und Vertreibung muslimischer Bosniaken und bosnischer Kroaten angeklagt. Ob ihm aber je der Prozess gemacht wird, daran zweifelt der Militärexperte Aleksander Radic noch.

"Ob man einen Ratko Mladic ausfindig macht, hängt nicht nur von Fleiß, sondern auch vom Glück ab", sagt er. "Mag sein, dass in einem Augenblick eine Kette von Ereignissen zum Ergebnis führt. Einen Zeitpunkt dafür vorauszusagen ist aber schwer." Es sei sogar sehr gefährlich, solche Vorhersagen offiziell auszusprechen. Denn das bedeute, dass eine geheime Aktion schon laufe und nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet werde.

In aller Öffentlichkeit

Ratko Mladic flüstert Radovan Karadzic ins Ohr (Foto: dpa)

Mladic und Karadzic waren auch für das Massaker in Srebrenica verantwortlich

Seit 1996 versteckt sich Ratko Mladic vor der Justiz. Dokumente, Video- und Audioaufnahmen sowie Zeugenaussagen bestätigen, dass er ein Jahrzehnt lang unter dem direkten Schutz des Militärs stand – zuerst unter dem der Serben in Bosnien-Herzegowina, danach lange Zeit unter dem der Armee Serbiens. Er genoss Privilegien eines Kriegshelden, bekam eine Pension und Personenschutz. Spätestens bis zur demokratischen Wende in Serbien bewegte er sich öffentlich, wie unlängst aufgetauchte Privatfilme von Hochzeitsfeiern bei Freuden oder Ausflügen mit Familie zeigen.

Diese letzten bekannten Aufnahmen zeigen Ratko Mladic, wie er mit seiner neugeborenen Enkelin spielt. Sie wurden in Belgrad Anfang 2001 gemacht, wenige Monate nach dem Sturz des nationalistischen autoritären Serbenführers Slobodan Milosevic. Seit dieser Zeit scheint Mladic nicht mehr so offen aufzutreten. Die erste pro-westliche Regierung unter Zoran Djindjic versuchte offenbar, den gesuchten Ex-General dazu zu bewegen, sich zu stellen.

An die Verhaftung des unter serbischen Nationalisten als Helden gefeierten Generals dachte keiner. Nachdem eine kriminelle Bande von Kriegsverbrechern Djindjic 2003 ermordet hatte, konnte und wollte, der national-konservative Premier Vojislav Kostunica den immer noch flüchtigen Ratko Mladic nicht an Den Haag ausliefern. Trotzdem beteuerte Belgrad damals dem Westen gegenüber, man tue alles, um den Angeklagten zu finden.

Baldige Festnahme?

Ratko Mladic in Uniform (Foto: AP)

Im Bosnienkrieg war Mladic General der bosnischen Serben

Seitdem eine pro-westliche Koalition unter dem Präsidenten Boris Tadic in Serbien an der Macht ist, wird die Verfolgung Ratko Mladics ernsthaft betrieben. Mindestens zwei Dutzend seiner Helfer und Helfershelfer wurden verhaftet, es gibt Razzien und Lauschangriffe. Ein für die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal zuständiger Minister kündigte seinen Rücktritt an, sollte Mladic bis Ende dieses Jahres nicht verhaftet worden sein.

Das alles macht den Eindruck, als würde eine Festnahme unmittelbar bevorstehen. Möglicherweise zu recht, meint Aleksandar Radic. In der Armee und Polizei, im zivilen und militärischen Geheimdienst, gebe es im Vergleich zur Zeit vor ein paar Jahren, keine aktiven Mitarbeiter mehr, die Kriegsverbrecher schützen würden. Der Grund dafür, so der Sicherheitsexperte, sei der strenge Kurs der Politik.

In der Anonymität Belgrads

Inoffiziell vermuten serbische Polizei und Justiz Mladic heute in Belgrad, getarnt unter den zwei Millionen Hauptstädtern. Er bräuchte sich nur die Haare zu rasieren und einen Schnauzbart wachsen zu lassen, müsse sich eine Brille und die Identität eines ihm in etwa ähnlich aussehenden realen Menschen zulegen und schon fiele er weder in der Anonymität der Plattenbauten von Neu-Belgrad, noch bei einer zufälligen Kontrolle auf. Bis zur tatsächlichen Festnahme bleiben die aktuellsten Bilder des Gesuchten jene, von vor neun Jahren, auf denen ein mit weißem Tuch winkender, gut gelaunter Ratko Mladic bei einer Familienfeier tanzt und singt – zu einem Volkslied über den Kosovo.

Autor: Filip Slavkovic
Redaktion: Andreas Ziemons

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