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Politik

Wo ist mein Schatz?

Das Auto ist nicht nur des Deutschen liebstes Kind. Auch der russische Familienvater steht auf Blechkisten. Und ist eines Tages das teure Stück verschwunden, ist der Jammer riesengroß.

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Da verbringst Du einen netten Jazz-Abend im Zentrum von Moskau, trinkst extra alkoholfreies Bier, kommst nach drei Stunden raus und - von Deinem Gefährt ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Stattdessen grinst Dich ein Taxifahrer an und will Dir seine Fahrdienste anbieten. Du lehnst höflich ab und hältst stattdessen nervös Ausschau nach Deinem Auto und kannst gar nicht glauben, dass diese Rostlaube tatsächlich zum Zielobjekt von Autoknackern wurde.

In dem Augenblick, als Du zu Deinem Handy greifst, um erbost die Fahndung zu beginnen, kommt der nette Taxifahrer zum zweiten Mal auf Dich zu. "Na, abgeschleppt?" sagt er verschmitzt lächelnd. Du beginnst zu begreifen. Es war ein großer Grauer murmelst Du vor Dich hin. "Ja", nickt er, "der war auch dabei! Wenn Sie wollen, fahre ich Sie zum Straf-Parkplatz, dort werden wir das Problem in 20 Minuten lösen." Üble Machenschaften voraus ahnend, lehnst Du dankend ab. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Was ist in dieser Stadt passiert, fragst Du dich, in der man jahrelang sein Auto überall ungestraft abstellen konnte? Selbst, wenn es monatelang mitten auf einem belebten Bürgersteig gestanden hat, keiner hätte sich getraut, das teure Stück anzurühren. Doch nun ist alles anders. Die Stadt Moskau hat den Abschleppdienst für sich entdeckt. Ganze Geschwader von Abschleppwagen rücken seitdem Moskauer Blechkisten an den Leib. Egal, ob grüner Lada oder schwarzer Mercedes.

In der Gerüchteküche

Am nächsten Morgen machst Du dich auf die Suche nach Deinem Liebling. Ein Anruf bei der Moskauer Polizei genügt, dann wird es sicher ganz schnell gehen. Du fährst im Taxi quer durch Moskau zur zuständigen Polizeiwache und - siehst die Menschenschlange davor. Rund 50 Leidensgenossen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Stadtteilen harren in der Kälte aus. Nur jeweils einen oder eine lässt der Zeitung lesende Wachmann hinein. Unter den Wartenden blühen die Gerüchte.

Kostet das Abschleppen wirklich so viel? Muss man die Rechnung unbedingt in der Bank bezahlen? Schließt die Polizeiwache am Freitag tatsächlich um 14 Uhr? Nach drei Stunden und vielen erhellenden Gesprächen bist Du um einige Freunde reicher. Die Prozedur ist jedenfalls dann erledigt, wenn Du von der netten Beamtin einen Stempel, eine Belehrung und eine Unterschrift bekommen hast. Die Dame ist übrigens ganz allein für den Bezirk Moskau-Mitte zuständig. Das sind ja nur wenige Millionen potentieller Kunden.

Nun, am Ende sei noch verraten, auch Freitag arbeitet die Wache bis 18 Uhr. Das Falschparken kostet genau 100 Rubel, umgerechnet also drei Euro. Mit der Bezahlung kann man sich einen Monat Zeit lassen. Das Abschleppen ist umsonst. Das Taxi, quer durch die Stadt, von der Wache zum Straf-Parkplatz kostet, wenn Du ungeschickt verhandelst 1000 Rubel. Und bis Du das Lenkrad Deines Lieblings wieder in den Händen halten darfst, vergehen mindestens sechs Stunden.