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Wissen & Umwelt

Wo ist das Öl geblieben?

Noch nie ist so viel Öl über so lange Zeit in einer solchen Tiefe ausgeflossen. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wirft jedoch ein halbes Jahr später Rätsel auf: Wo ist das Öl geblieben, fragen die Forscher.

Brennende Bohrinsel (Foto: AP)

Ölplattform Deepwater Horizon löste die größte Ölkatastrophe in der US-geschichte aus

Die größte Ölkatastrophe in der US-Geschichte begann am 20.April: Die BP-Ölplattform "Deepwater Horizon" explodierte im Golf von Mexiko. 11 Menschen kamen dabei ums Leben. In der Folge sprudelte Öl über Wochen aus dem Meeresboden. Die Bilder von Pelikanen mit ölverklebtem Gefieder, Teerbrocken und toten Fischen an den Stränden sind noch in lebhafter Erinnerung. Nun, fast sechs Monate später, beginnt allmählich die Bestandsaufnahme der Folgen.

Unterwasserbild des Lecks (Foto: dpa)

Forscher rätseln, wohin dieses Öl getrieben ist

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist einzigartig: Noch nie ist so viel Öl über so lange Zeit in einer solchen Tiefe – nämlich 1500 Meter – ausgeflossen. Mehr als vier Millionen Barrel Öl haben das Meer verseucht. Doch fast sechs Monate später ist davon - zumindest auf den ersten Blick - kaum etwas zu merken. Andrew Juhl, Meeresforscher an der Columbia-Universität in New York, war kürzlich auf einem Forschungsschiff im Golf unterwegs. Er steht vor einem Rätsel, denn sichtbar sind die Mengen unmittelbar nicht.

Ratlosigkeit der Forscher

"Wir haben mittlerweile eine recht gute Vorstellung davon, wie viel Öl sich ins Meer ergossen hat“, sagt der Forscher. "Doch wir haben großteils keine Ahnung, was damit passiert ist. Hat es sich in Regionen ausgebreitet, von denen wir nichts wissen? Ist es verdunstet? Wurde es von Mikroorganismen abgebaut?“, fragt er und gibt zu: "Wir haben darauf keine Antwort.“

Doch 660.000 Tonnen Öl verschwinden nicht einfach. Selbst wenn man das Öl nicht mehr mit bloßem Auge sieht: Der Umweltschaden wird beträchtlich sein und sich über Jahrzehnte ziehen. Das prophezeit Richard Steiner, ehemals Ökologieprofessor an der Universität von Alaska.

Frühere Erfahrungen

Der Experte für den Tankerunfall der Exxon Valdez in Alaskas Prince William Sound 1989 hat mehr Angst vor dem, was man NICHT sieht, als vor den unmittelbar sichtbaren Folgen der Katastrophe. Auf Stränden in Alaska gibt es im Boden immer noch zwischen 80.000 und 120.000 Liter Rohöl. Man sieht es aber erst, wenn man im Sand gräbt oder den Meeresboden aufwühlt, sagt Richard Steiner. Dazu noch die Langzeitwirkungen: "Von den 30 betroffenen Populationen von Fischen und Landtieren haben sich laut Regierungswissenschaftlern bis jetzt - 21 Jahre danach - erst 10 Arten, also etwa ein Drittel, erholt“, führt er an.

Ölverklebter fliegender Pelikan (Foto: dpa)

Sie fliegen wieder, die Spätfolgen sind aber unklar

Verspätete Folgen

Das Paradebeispiel für unvorhersehbare Folgen ist das Schicksal des pazifischen Herings. Durch die Exxon Valdez wurden alle Larven vernichtet. Das überraschte niemanden. Doch mit dem was nachher geschah, hatte niemand gerechnet, erzählt Richard Steiner. "Die erwachsenen Fische sind im darauffolgenden Jahr zurückgekommen, und wir dachten schon: Noch einmal Glück gehabt. Doch zwei, drei Jahre später ist die erwachsene Population zugrunde gegangen. Der Grund: Sie ist nicht mit so viel Öl in Berührung gekommen, dass sie sofort gestorben wäre, aber doch mit genug, dass ihr Immunsystem zerstört wurde. Als Folge breitete sich die Virusinfektion VHS aus, und die Heringe gingen zugrunde.“

Ob dem Blauflossenthunfisch im Golf von Mexiko nun ähnliches droht, ist ungewiss. Die Hauptlaichzeit der Fische findet in den Monaten April und Mai statt - also gerade zum Höhepunkt der Deepwater Horizon-Ölkatastrophe. Derzeit schätzt man, dass 20 Prozent des Nachwuchses vernichtet sind. Ebenso ungewiss sind die Auswirkungen auf mehr als 20 Arten von Meeressäugern, die im Golf von Mexiko vorkommen. An die hunderte Delfine wurden tot an Strände gespült. Niemand weiß, wie viele auf hoher See als Folge des Öllecks gestorben sind.

Kritik der Umweltschützer

Dass das Deepwater Horizon Ölleck auf dem offenen Meer und in 1500 Metern Tiefe passierte, erschwert die ökologische Bestandsaufnahme. Strömungen, Wind und Wellen beförderten das ausgetretene Öl weiter. Von Forschungsschiffen aus führen Wissenschaftler an verschiedenen Orten Messungen durch und nehmen Proben, um Sauerstoffkonzentration, Planktonpopulation oder die Gemeinschaften von Mikroorganismen festzustellen.

Ölleck mit Schiff von oben (Foto: AP)

Mit Chemie gegen das Öl - hat es wirklich geholfen?

Doch es geht nicht nur um die Folgen des Öllecks, sondern auch um die Folgen der chemischen Ölbekämpfungsmittel. BP verwendete mehr als vier Millionen Liter Bindemittel – vorwiegend Corexit - um zu verhindern, dass das Öl an die Oberfläche kam. Noch nie zuvor sind solche Mengen eingesetzt worden. Umweltschützer kritisierten, die chemischen Substanzen machten das Ölleck für Meeresorganismen noch giftiger als es ohnehin schon sei.

Doch auch diese Frage – welche Umweltfolgen haben die Millionen Liter an Bindemitteln nach sich gezogen? – ist zumindest vorläufig nicht zu beantworten. Viele Folgen der Katastrophe im Golf von Mexiko werden wahrscheinlich erst in zehn oder 20 Jahren deutlich werden – genau wie nach der Exxon-Valdez Havarie in Alaska.

Autorin: Madeleine Amberger
Redaktion: Helle Jeppesen