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Deutschland

Wo die Beleidigung Programm ist

Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Nein! Deutschlands Politiker holen zum Schlag aus: Beim "politischen Aschermittwoch" wird traditionell in deftiger Weise mit dem politischen Gegner abgerechnet.

Wenn der Karneval am Aschermittwoch rituell beerdigt wird, geht es - wie zum Trotz - in einigen Bierzelten und Hallen noch einmal hoch her. Der politische Aschermittwoch ist ein letztes emotionales Aufbäumen vor der dann beginnenden 40-tägigen Fastenzeit - zumindest für die Teilnehmer der vielbeachteten Redeschlachten in Passau, Vilshofen und Sonthofen. Denn vor allem in Bayern ist die Tradition der scharfen verbalen Attacke an die Adresse des politischen Gegners nach wie vor aktuell.

Franz Josef Strauß als Provokateur

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer trinkt Bier (Foto: dpa)

Verbale Tiefschläge und viel Bier gehören zu jeder Veranstaltung

Richtig populär wurde der politische Aschermittwoch durch Franz Josef Strauß Mitte der 70er Jahre. Der Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union (CSU) gilt bis heute als Vater der deftigen Stammtischrede. Unter dem Gejohle seiner Anhänger hatte er Jahr für Jahr bis zu seinem Tod 1988 vor allem sozialdemokratische Politiker aufs Korn genommen und zum Teil bewusst beleidigt.

Egon Bahr, Architekt der Ostverträge unter Kanzler Willy Brandt, nannte er einmal einen "dilettantischen Amateur-Diplomaten", den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt stufte er als Sicherheitsrisiko ersten Ranges ein und krönte seine Rede mit dem berühmten Bonmot: "Sozis hoaßen's, Kommunisten san's!" (Sozialdemokraten nennen sie sich, Kommunisten sind sie). Und es ging auch buchstäblich unter die Gürtellinie: Unter dem Eindruck der Studentenunruhen 1968 hatte sich ein CSU-Bundestagsabgeordneter zu der Äußerung verstiegen, dass die SPD 1969 nur deshalb an die Macht gekommen sei, "weil wir die roten Ochsen zu spät kastriert haben". Es ging auch spielerischer. "Es stimmt nicht, dass ich jeden Tag zum Frühstück einen Sozi esse", rief Strauß den 7.000 Zuhörern in der Passauer Dreiländerhalle einmal zu, um dann unter dem Gejohle seiner Anhänger hinzu zu fügen: "Ich esse nur, was ich mag."

Konjunktur der Stammtisch-Reden nicht nur in Bayern

Franz Josef Strauß (Foto:dpa)

Franz Josef Strauß in Aktion

Entstanden aus der Tradition der großen bayrischen Vieh- und Pferdemärkte schlug die Geburtsstunde des politischen Aschermittwoch am 5. März 1919, als der Bayerische Bauernverband zur ersten "Großen Volksversammlung" einlud. In den Wirtshäusern wurde erregt politisch diskutiert. Wer am schärfsten über den jeweils Andersdenkenden herfiel, bekam den meisten Applaus von den zumeist gut angetrunkenen Zuhörern.

War der politische Aschermittwoch lange Zeit eine Domäne der bayerischen CSU, so zogen die Sozialdemokraten Mitte der 60er Jahre mit einer eigenen Veranstaltung nach. Mittlerweile begehen auch Bündnis90/Die Grünen und die Liberalen dieses alljährliche Ritual. Und auch außerhalb Bayerns erleben die politischen Aschermittwochs-Veranstaltungen eine Konjunktur. Inzwischen richten alle Parteien Stammtisch-Reden zum Ende der närrischen Zeit aus, stets begleitet von einem Großaufgebot von Journalisten. Die Attraktion des organisierten politischen Pöbelns ist weiter ungebrochen. Und das, obwohl die Zeiten der gegensätzlichen Politikentwürfe längst vorbei sind.

Eine Kellnerin mit Masskrügen. (Foto: dpa)

Beim politischen Aschwermittwoch wird (zu) viel Bier getrunken

Die großen Kampfthemen von einst - Adenauers West- und Willy Brandts Ostpolitik oder die Nachrüstungsdebatte der 80er - polarisierten das politische Geschäft der alten Bonner Republik. CDU/CSU und SPD lagen über Kreuz. Heute sind die Programmatiken von Schwarzen und Roten so eng beieinander wie nie zuvor. Es kracht schon lange nicht mehr, finden manche Dauerbeobachter des verbalen Nachtretens in Bayern. Und dennoch belohnen die Medien den politischen Budenzauber Jahr für Jahr mit höchster Aufmerksamkeit. Auch wenn es dabei, wie ein Beobachter einmal feststellte, nur noch um den "Bier-Input und den Schweiß-Output" geht.

Autor: Volker Wagener
Redaktion: Iveta Ondruskova